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Lion Feuchtwanger

10.12.2018

„Chaplin ist hingerissen von meinen Ideen über einen Hitler-Film“

Lion Feuchtwanger und seine Frau Marta 1934 in der Villa Valmer in Sanary-sur-Mer
Bild: Feuchtwanger Memorial Library University South California

Jetzt sind die Tagebücher des Schriftstellers Lion Feuchtwanger veröffentlicht. Sie erzählen von einem intensiven (Liebes-)Leben, Brecht, Stalin und Einstein.

„Mein Ziel also sehe ich darin, ein möglichst intensives Leben zu führen.“ Dieser Satz, den Lion Feuchtwanger (1884 – 1958) im Jahr 1906 in sein Tagebuch schrieb, muss geradezu als ein Lebensplan gelesen werden. Dabei zeigte sich der Student in einer Beziehung schon auf dem besten Weg: Im Ausleben seines Sexualtriebs – mal allein („Exceß in Priapo“), mal zu zweit („Abends ging ich mit einem netten kleinen Dirnlein“). Und dies ist insofern auch literarisch von Bedeutung, als sich Feuchtwangers Liebeslust in Hauptpersonen seiner Romane spiegelt. Dazu später mehr.

„Eiertanz“ zwischen drei Frauen 

Bald sollten zum intensiven intimen Leben die häufige Zechfreudigkeit in der Münchner Torggelstube am Platzl dazukommen, „unrituelles“ Essen im Münchner Augustiner, das verlustbringende Glücksspiel, schließlich das ungeheuer produktive Schreiben des jüdischstämmigen Erfolgsschriftstellers plus „Eiertanz“ zwischen mehreren Frauen – verbunden freilich regelmäßig auch mit Ängsten vor Ansteckungskrankheiten, schlechtem Gewissen und Zügelungsvorsätzen: „Moralischer Ekel vor mir selber“/„Nun werd’ ich mich aber eine Woche lang von jedem sexuellen Exceß fernhalten“.

Das gelang letztlich nicht immer – und treuherzig vermerkt eine editorische Notiz zu Feuchtwangers jetzt frisch publizierten Tagebüchern, dass Äußerungen, die sich über die Jahre nahezu täglich wiederholen, gekürzt wurden: „Von rund 750 erwähnten ,gevögelt’ finden rund 100 Aufnahme, von rund 650 ,gehurt‘ 40.“

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Herbe Selbstkritik und Freude über die eigene Reputation

Freilich liest man die Feuchtwanger-Tagebücher nicht wegen ihrer intimen Vermerke. Auch waren seine Notate – anders als im Fall seines großen Konkurrenten Thomas Mann – nicht einmal für die fernere Nachwelt bestimmt. Ja, Feuchtwanger hatte 1931 noch geleugnet, Tagebücher überhaupt zu führen. Umso überraschender war es, als 1991 erst, 33 Jahre nach seinem Tod, bei seiner ehemaligen Sekretärin Hilde Waldo etliche Bände aus den Jahren zwischen 1906 und 1940 entdeckt wurden. Möglicherweise hatte sie Feuchtwanger selbst seiner Sekretärin anvertraut, weil er als „linker“ Exil-Schriftsteller in den USA unter Beobachtung stand und Vorsicht walten lassen musste.

Und eben diese Bände, unprätentiös für die Rechenschaft gegenüber sich selbst geschrieben, sind jetzt erstmals veröffentlicht. Herbe Selbstkritik, Freude über die eigene Leistung und Reputation gehen Hand in Hand bis ins Jahr 1940, da Feuchtwanger und seine Frau Marta von den Amerikanern aus Frankreich geschleust, „entführt“, gerettet wurden – auf demselben Weg über die Pyrenäen wie Heinrich, Nelly und Golo Mann sowie das Ehepaar Werfel. Sie überlebten knapp die europäischen Katastrophen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

„Brecht scheint dankbar und vernünftig“

Ein ausführliches kommentiertes Personen- und Werkregister erlaubt es dem Leser, historische Momente im Leben Feuchtwangers gezielt nachzuschlagen: Feuchtwanger und Brecht, F. und Charlie Chaplin, F. und Hitler, F. und Stalin (– natürlich auch F. und die Familie Mann). Auf wie viel Fesselndes und Ergreifendes stößt man da!

2. April [1919 München] Ein junger Mensch bringt ein ausgezeichnetes Stück. Bert Brecht ... [das Drama Spartakus]

4. April [1919 München] Ein anderes, noch besseres Stück von dem jungen Menschen gelesen: „Baal“...

6. März [1932 Berlin] ... Dann Brecht da. Mit ihm an der „Heiligen Johanna“ gearbeitet ...

12. Nov. [1933 Paris] ... Mit Brecht über seinen Roman [wahrscheinlich: Dreigroschenroman] gesprochen. Er scheint dankbar und vernünftig.

Los Angeles, 11. Jan.[1933] ...Dann Lunch mit Chaplin und Mr. Moos von der Universal. Chaplin ist hingerissen von meinen Ideen über einen Hitlerfilm. Abends lange Autofahrt nach Pasadena zu [Albert] Einstein. Ganz nett. Einstein redet ziemlich wenig und selbstgefällig. Er ist furchtbar saturiert ...

Zug nach S. Francisco von Los Angeles, 12. Jan. [1933] ...Dann fahre ich hinaus zu Chaplin. Er ist wenn möglich noch mehr begeistert als den Tag vorher und will mit mir nach Europa fahren...

New York, 30. Jan. [1933] ... Besonders merkwürdige Ironie, dass der deutsche Botschafter mir an dem Tag einen Lunch gibt, an dem Hitler Kanzler wird...

Sosny, 8. Jan. [1937] ...Morgens ruft man an, ich soll mittags zu Stalin ... Ich spreche drei Stunden mit Stalin, erst gewundenes Zeug über die Freiheit des Schriftstellers, schwierig auch durch Übersetzung, dann über den Stalinkult, dann über „Demokratie“, dann über den Prozeß...

Sosny, 9. Jan. [1937] ...Alle Zeitungen bringen in großer Aufmachung mein Interview mit Stalin ...

Kommen wir noch einmal auf Feuchtwangers (nebeneheliches) Liebesleben zurück. Im Mai 1916 lernt er Hedwig Poschardt, eine Sängerin und Schauspielerin kennen. Im Tagebuch notiert er nicht sonderlich respektvoll: „Ein Gänschen aus Augsburg“. Und wenige Tage später: „Sie heftig geküsst. Es ist Aussicht, sie zu verführen ...“ sowie „Abends Torggelstube... Die Augsburgerin sehr geküßt.“ Doch dann muss er sich erst einmal eingestehen: „... und dann in den Jahreszeiten schnappte [der Schriftsteller und Freund] Bruno Frank unmittelbar vor dem Ziel sie mir weg. Großer Ärger.“ Aber nur einen Tag später notiert Feuchtwanger: „Abends mit der Augsburgerin gegessen, viele Leute gesehen. Dann im Serenissimus [eine Künstlerkneipe in Schwabing]. Das Ziel der Klasse endlich erreicht.“

„Das Ziel der Klasse“ – diese Umschreibung war deutlich. Und Bruno Frank entschuldigte sich hernach für sein Hineingrätschen. Aber so wie Feuchtwanger hatte auch die Poschardt offenbar mehrere heiße Eisen im Feuer ...

Die Lust und Attraktivität des Schriftstellers Tüverlin

Dass in Feuchtwanger jedenfalls nicht nur der Erfolgsschriftsteller steckte, sondern gleichfalls ein „womanizer“, lässt sich leicht erschließen aus seinen Tagebüchern – auch durch die späteren ständigen Beziehungen zu seinen Sekretärinnen – wovon eine übrigens den Haydn-Forscher Anthony van Hoboken heiraten sollte. Um nun aber darauf zurückzukommen, wie sich Trieb einerseits, Lust und Attraktivität andererseits in Feuchtwangers Romanen spiegeln, sei auf den Jud Süß verwiesen, vor allem aber auf den lebenslustigen, menschenzugewandten Schriftsteller Jacques Tüverlin aus Feuchtwangers „Erfolg“. Leser unseres täglichen Fortsetzungsromans haben dies vielleicht noch in Erinnerung aus der Zeit, da wir den „Erfolg“ in dieser Zeitung abdruckten.

"Lion Feuchtwanger: Ein möglichst intensives Leben. Die Tagebücher, Aufbau Verlag Berlin, 528 Seiten, 26 Euro.

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