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Premiere

08.10.2012

Die Sturzgeburt der Ulrike Meinhof

Mit mächtiger Perücke und Friedenstaube auf der Brust: Ute Fiedler als Ulrike Meinhof in der Augsburger Inszenierung von Elfriede Jelineks Stück „Ulrike Maria Stuart“. Rechts Florian Innerebner, links Lea Sophie Salfeld.
Bild: Nik Schölzel

Zu selten blitzt Elfriede Jelineks Sprachkraft auf in der Inszenierung des RAF-Frauenstücks „Ulrike Maria Stuart“, die am Theater Augsburg zu sehen war.

Augsburg Das weiß man inzwischen: Die ausufernden, an keiner klassischen Dramaturgie orientierten Theatertexte der Elfriede Jelinek sind den Bühnen mehr Rohmaterial und Steinbruch der Inspiration denn verpflichtende Vorgabe. Wer Jelinek inszeniert, bedient sich auf dem weiten Feld, das die Nobelpreisträgerin sät und ausbreitet – und schlägt sich, was Verständnis und Stoff angeht, seine eigene Schneise durch den wuchernden Dschungel der Worte, Assoziationen und Denkfiguren der Österreicherin.

So macht es auch die sechs Jahre nach dem Ende der RAF in Stammheim geborene Regisseurin Sylvia Sobottka, die am Theater Augsburg Jelineks Stück „Ulrike Maria Stuart“ über die ungleichen, rivalisierenden RAF-Terroristinnen Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin in Szene gesetzt hat. Kompakte 90 Minuten flackern und flimmern die Brechtbühne und die Leinwand dahinter – ein Kaleidoskop von Darstellungen und Deutungen und Anspielungen. Das Publikum erlebt einen rasanten Bilderreigen, ein Ausbreiten und Aneinanderreihen von Szenen, Einfällen, Bildern und Sätzen. Was, wie oft bei Jelinek-Inszenierungen, fast zwangsläufig auf eine Art von Willkürakt hinausläuft.

Viel wird aufgewirbelt, viel Dokumentationsschnipsel von Vietnam über Dutschke und Schleyer-Entführung bis Stammheim multimedial aufbereitet und verfremdet – aber eine klare Botschaft, Entschiedenheit ist nicht in Sicht. Es mutet an, als zappe da jemand mit der Fernbedienung durch Jelineks verzweigtes und verschlungenes Textprogramm. Heraus kommt eine unfertig wirkende Mixtur aus Kindergeburtstag, Revolutionsarchäologie, Selbsterfahrungsgruppe, Märchenstunde, Generationenkonflikt, Veralberung und Verzweiflung.

Die Sturzgeburt der Ulrike Meinhof

„Zwei Pfarrerstöchter, die hatten einander nicht lieb“

Dabei lässt Sobottka gleich zu Beginn die ganze Geschichte erzählen – als allerliebstes Kinderlied. „Es waren zwei Pfarrerstöchter, die hatten einander nicht lieb, da eine zu viel schrieb (...) Der Staat konnte sie nicht leiden. Er steckte sie in kleine Zellen, bis am Ende nur noch blieb der Sarg. Es waren zwei Pfarrerstöchter, die sind alle beide tot.“

Starres Rollenverständnis gibt es bei Jelinek nicht, weshalb Ute Fiedler, Eva Maria Keller, Lea Sophie Salfeld und Florian Innerebner in allerlei Verwandlungen und Überschneidungen auftreten. Viel live auf der Bühne, aber auch sehr viel in Filmeinspielungen. Ausstatterin Anna van Leen hat sich einiges einfallen lassen. Meinhof, die Strategin, die Vordenkerin der RAF, erscheint als überdimensionales Hirn; Ensslin, die jüngere Frau der Tat, trägt ein keckes Vaginahütchen auf dem Kopf, wohl auch eine Anspielung auf die Uraufführung des Stücks 2006 am Thalia-Theater in Hamburg, die unter der Regie von Nicolas Stemann Schlagzeilen machte – unter anderem, weil Meinhof und Ensslin als sprechende Vaginas auftraten und weil das Publikum mit Wasserbömbchen auf Pappfiguren von Gerhard Schröder oder Josef Ackermann werfen durfte.

Eine kluge Frau und Mutter zweier Kinder, die sie fortgibt, weil der Kampf das verlangt: In Augsburg rückt deutlich die Figur der Ulrike Meinhof, gespielt von Ute Fiedler, ins Zentrum des Stücks. Mit einer Sturzgeburt landet sie auf der Brechtbühne, zieht sich eine gewaltige Perücke auf und beginnt einen langen Monolog, der aus der Flatterhaftigkeit und Zappeligkeit der Inszenierung herausragt.

Die Sturzgeburt der Ulrike Meinhof
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Premiere von "Ulrike Maria Stuart"
Bild: Nik Schölzel/Theater Augsburg

Wie ein wehrloses Schulmädchen läuft Fiedler im Käfig ihrer Gefangenschaft, klopft gegen Wände, malt sich ihren Freitod am Fensterkreuz aus, eine Getriebene, Zweifelnde mit Friedenstaube auf dem Kleid. „Entblößt von allem, nur noch eine Hülse“ in der Isolation. Da wünscht sie sich sogar einen Blick des Wärters, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Es ist, wie Maria Stuart, eine Verlorene, die sagt: „Die Revolution frisst jetzt ein Kind. Und das bin ich. Ich sage: Wohl bekomm’s.“

Zu selten blitzt Jelineks Sprachkraft auf in dieser Inszenierung, die sich über weite Strecken selbst genügt in ihrer komplexen zirzensischen Nummernfolge, in der sich allein der Engel Andreas Baader, „Baby“ und Geliebter der Frauen, aufschwingen darf. Das Hirn aber geht am Ende unter in den psychedelischen Farbströmen im Kino Brechtbühne. Jelinek ist immer Wagnis. Jetzt auch in Augsburg.

Wieder am 11., 13., 16., 19. Oktober

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