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Literaturgeschichte

14.12.2020

Goethe und Carl August: Szenen einer Männerfreundschaft

Für den Weimarer Herzog der "liebe alte Freund": Goethe, porträtiert von Joseph Stieler.
Bild: Bayerische Staatsgemäldesammlungen

Ein Fürst als Mäzen, ein Dichter, der zum Klassiker aufsteigen sollte. Von der Freundschaft zwischen Carl August und Goethe erzählt Sigrid Damm.

Im Sommer 1788 kehrt Goethe aus Italien, wo er sich als Mensch und Künstler neu erfunden hat, nach Weimar zurück. An den Ort, aus dem er zwei Jahre zuvor geflohen war, müde der dortigen Verhältnisse, der Beanspruchung durch den Staatsdienst, müde auch der festgefahrenen Beziehung zur verheirateten Charlotte von Stein. Weshalb aber zieht es ihn nun ausgerechnet wieder – und diesmal für immer – in die thüringische Kleinstadt?

„Es sind äußerst komfortable Bedingungen, die der Regent ihm bietet“, schreibt Sigrid Damm. Der Regent, das ist Carl August. Der Herzog von Sachsen-Weimar-Eisenach offeriert, was ein Schriftsteller im 18. Jahrhundert, wo ein solcher von Tantiemen nicht zu leben vermag, keinesfalls ausschlagen kann, eine „komfortable“ Existenz. Doch ein Weiteres kommt hinzu. Der Dichter und der Herzog stehen einander nahe. Was die beiden schon 1788 verband und weitere Jahrzehnte verbinden wird, ist eine Lebensfreundschaft.

Sigrid Damm, eine Spezialistin in Sachen Goethe

Sigrid Damm ist eine ausgewiesene Kennerin des Goethe’schen Lebenslaufs, immer wieder hat die soeben 80 Jahre alt gewordene Schriftstellerin in ihren Büchern davon erzählt, und das vorzugsweise aus der Sicht jener Menschen, die man meist bloß als Trabanten des Zentralgestirns Goethe wahrgenommen hat – am aufrüttelndsten im Falle von Christiane, Goethes Frau. In ihrem neuen Buch widmet Sigrid Damm sich nun den „Wechselfällen einer Freundschaft“ zwischen Goethe und Carl August. Es ist vor allem eine Betrachtung des Letzteren geworden, schon allein, weil das Buch, erzählerisch rückwärts schreitend vom Tode Carl Augusts im Jahr 1828, überwiegend die Perspektive des Herzogs einnimmt. Ein faszinierendes Porträt gerade durch die stete Spiegelung mit Goethe; zugleich ein Zurechtrücken der Lebensleistung von Carl August.

Seit 1774 kennen sich Goethe und der acht Jahre Jüngere, rasch sind sie Freunde geworden – den frühen, jugendlich-wilden Jahren der beiden gilt Damms Interesse leider nicht –, und doch besteht zwischen ihnen eine Kluft: Carl August ist der Herr, Goethe sein Untergebener. Das wird so bleiben, allerdings werden die Gewichte sich verschieben. Spannungen bleiben da nicht aus.

Eine erste tiefer gehende Entfremdung entsteht, als Schiller in Goethes Leben tritt und dieser seine Aufmerksamkeit zunehmend nach Jena richtet, wo die jungen Romantiker sich versammeln und an der Universität der Philosoph Fichte lehrt. In Jena entsteht in dieser Zeit ein „geistiger Freihafen“, der die Ideen der Französischen Revolution propagiert, was konservativ gesinnten Gemütern im Weimarer Fürstentum ein Dorn im Auge ist, auch Carl August. Kurzerhand entlässt er Fichte, gegen das Votum Goethes.

Für Goethe der „Serenissimo“: Herzog Carl August von Weimar (auf einem Gemälde von Heinrich Christoph Kolbe).
Bild: Klassik Stiftung Weimar

Gravierender werden die Divergenzen, als Napoleon über Preußen siegt und Carl August auf Jahre hinaus Regent von Frankreichs Gnaden wird. Für den adelsstolzen Carl August ist der Korse ein Emporkömmling, der Gedanke, ihm folgen zu müssen, kaum erträglich. Ganz anders Goethe, der Napoleon als den Genius der Tat bewundert. Fast scheint es, als hätten sich unter französischer Besatzung die Rangverhältnisse in Weimar umgekehrt. Napoleon gewährt dem Verfasser der „Leiden des jungen Werther“ Audienz, und der französische Gesandte macht seinen Weimarer Antrittsbesuch zuallererst bei Goethe, nicht bei Hofe, was der Herzog als Zurücksetzung empfinden muss. Doch Carl August verargt das dem Dichter, der letztlich doch von ihm abhängt, auch dann nicht, als sich das politische Blatt wieder wendet und der Stern Napoleons erlischt.

Auch wenn Goethe sich offen zeigt für den gesellschaftlichen Fortschritt, wie er in Napoleons Code civil seinen Niederschlag gefunden hat, so bedeutet das dennoch nicht, dass der Dichter im Vergleich mit dem Herzog stets der liberaler Gesinnte ist. Als Weimar infolge des Wiener Kongresses zum Großherzogtum aufsteigt und Carl August – als erster unter den aus dem Alten Reich hervorgegangenen Fürsten – eine Verfassung einführt, worin unter anderem „Preßfreiheit“ garantiert ist, wird diese von Goethe misstrauisch beäugt.

Doch die Spannungen zwischen ihm und Carl August entzünden sich nicht nur an politischen Fragen. Manchmal gehen die Meinungen über banalere Anlässe auseinander, wie im Falle des „hündischen Schauspielers“. Tatsächlich soll auf der Bühne des Weimarer Theaters ein dressierter Hund eine Gastvorstellung geben, der Herzog wünscht es so und vor allem seine Mätresse. Der Direktor des Theaters aber, Goethe, stellt sich quer. Und zieht am Ende den Kürzeren, weil Carl August ihn von der Leitung des Theaters entbindet.

Was steckt hinter gewissen Anweisungen Carl Augusts?

Ist das eine Maßnahme, dem Untergebenen, der als Dichter inzwischen eine europäische Berühmtheit geworden ist, zu dem selbst gekrönte Häupter wie der Bayernkönig Ludwig I. den Kontakt suchen, einmal wieder deutlich zu machen, wer der eigentliche Herr im Hause ist? Sigrid Damm mutmaßt – mit gebotener Vorsicht bei solchen kaum zu belegenden Zuschreibungen –, dass ein solches Motiv auch hinter manch seltsamem Auftrag des Herzogs stehen könnte. Etwa, wenn der Goethe beauftragt, sich um die Beschaffung von Kernen einer bestimmten Birnensorte zu kümmern, mit denen er, Carl August, eine Hecke pflanzen möchte. Goethe befolgt die Weisung klaglos.

Mag sein, dass der Dichter derlei Aufgaben als Huldigungsgesten gegenüber „Serenissimo“ versteht, wie er den Herzog gerne nennt. Gesten, die er zeitlebens auch im Briefverkehr beibehält, in denen er bis zur Steifheit die Etikette mit ihren „Durchlaucht“-Bücklingen wahrt. Während der Herzog wesentlich lockerer an den „lieben alten Freund“ adressiert.

Bei allen zeitweilig vorhandenen Störungen ihres Verhältnisses: Beide wissen, was sie aneinander haben. Nach 50 Jahren schreibt Carl August dem Freund: Ihn, Goethe, „für immer gewonnen zu haben“, achte er „als eine der höchsten Zierden Meiner Regierung“. Und der alte Goethe, der den Herzog um vier Jahre überlebt, bringt es seinerseits auf den Punkt: „Ich bin ihm so unendlich viel schuldig, indem ich ihm eine Existenz verdanke, ganz nach meinen Wünschen.“ Fürst und Staatsdiener, Mäzen und Künstler: Es war ein singuläres Verhältnis, das zwischen Carl August und Goethe bestand.

Sigrid Damm: Goethe und Carl August. Wechselfälle einer Freundschaft. Insel, 319 S., 24 €.

Mehr über Goethe:

Wie Goethe das Leben mit der Liebe und der Poesie verband

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