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20.03.2021

ASMR-Clips: Warum Millionen auf Flüstervideos abfahren

Die ASMR-Videos von Justin Meier werden millionenfach geklickt. Hier spricht der 15-Jährige aus der Nähe von Augsburg über ein weltweites Phänomen und seinen Erfolg.

Kribbeln, flüstern, entspannen: Justin ist 15, kommt aus der Region und ist Teil des weltweiten Phänomens namens ASMR. Hier erzählt er, wie alles anfing.

Als seine Eltern zum ersten Mal so ein Video sahen, blickten sie sich an, lachten und sagten: „Ist das schräg!“ Da saß also jemand nah vor der Kamera, flüsterte in ein Mikrofon, machte leise Geräusche mit Gegenständen – und dieser vollkommen unspektakuläre, ja fast schon langweilige Film wurde tausendfach geklickt? Das war vor rund zwei Jahren. Inzwischen ist Justin Meier, 15, aus der Nähe von Augsburg Teil dieses weltweiten Flüstervideo-Phänomens namens ASMR. „Schräg, nicht wahr?“, wiederholt Vater Jörg nun am Esstisch der Familie und lächelt erst seinen Gast und dann seinen Sohn an. Seine Frau Annick serviert gerade eine selbst gebackene Torte – willkommen im Backstage-Bereich von „ASMR Justin“.

ASMR-Videos: Eines Tages bekam das seltsame Kribbeln einen Namen

Eigentlich beginnt diese Geschichte aber viel früher. Da war Justin noch gar nicht geboren. Die Amerikanerin Jennifer Allen bemerkte vor vielen Jahren, dass sie manchmal ein komisches, aber wohltuendes Gefühl verspürt, wenn sie etwa Weltraumvideos ansah. Eine Art Hirnkribbeln. Sie wusste nicht, was das auslöste. Ungefähr neun Jahre suchte sie im Internet eine Antwort, indem sie immer wieder die Google-Suchmaschine mit den Stichwörtern „prickelnder Kopf und Wirbelsäule“ oder „Gehirnorgasmus“ fütterte. Nix.

Erst 2009 gab es einen Treffer. Sie fand einen Beitrag, der die Überschrift „WEIRD SENSATION FEELS GOOD“ trug und wusste: Sie ist mit diesem „komischen, sich gut anfühlenden Gefühl“ nicht mehr allein, es handelt sich um ein Phänomen ohne Namen. Sie las von Menschen, bei denen das Kribbeln seit der Kindheit auftaucht, wenn sie die sanfte Stimme von Kult-Künstler Bob Ross hören oder das Geräusch beim Haarekämmen oder -schneiden. Sie las von Menschen, die Angst vor Stigmatisierung hatten, weil sie durch dieses komische Kribbeln als irre oder pervers abgestempelt werden könnten. Das brachte Jennifer Allen auf die Idee, dem Phänomen einen klinisch-nüchternen Namen zu geben: „Autonomous Sensory Meridian Response“, Kurz: ASMR. Wer die Abkürzung heute bei Google eingibt, erhält 285 Millionen Treffer in 0,82 Sekunden.

Einige davon führen auch zu einem Rechner im Großraum Augsburg, vor dem regelmäßig Justin sitzt und vor einem grünen Hintergrund neue Youtube-Videos dreht. Über seinen großen Bruder kam der sympathische Teenager auf ASMR. „Er zeigte mir eines der Videos, die er zum Einschlafen benutzte, und das probierte ich dann auch aus“, erklärt Justin. Erst waren die Flüstervideos auch für ihn eine Einschlaf- und Entspannungshilfe, ab und zu spürte er auch das Kopfkribbeln, ein „Tingle“. Dann wechselte er die Bildschirmseite: Mit dem Handy nahm er sein erstes ASMR-Video auf. Dann sein zweites. Learning by whispering.

Er stellte die Videos online, das Feedback wurde immer größer, die Ausrüstung immer besser. Inzwischen hat „ASMR Justin“ 13300 Abonnenten auf seinem Youtube-Kanal, seine Videos wurden insgesamt schon 1,1 Millionen Mal gesehen. In Deutschland gehöre er zu den mittelgroßen ASMR-Künstlern, in deren Beiträgen auch Werbung läuft. Damit bessert er ein bisschen sein Taschengeld auf. „Ich trage aber trotzdem weiter Zeitungen aus“, sagt er. Für manch Youtube-Star mag das vielleicht jetzt schräg klingen.

Die Statistik von Justins ASMR-Videos: Es ist viel los

Nach dem Torte-Essen klappt Justin seinen Rechner auf und zeigt seine Youtube-Statistik. Seit Dezember ist auf seinem Kanal viel mehr los. Sind die Menschen im zweiten Lockdown etwa gestresster? Suchen sie mehr Entspannung? „Das weiß ich nicht“, sagt Justin, „aber im zweiten Lockdown habe ich auch mehr Videos veröffentlicht.“ Jetzt füttere er mit neuen Filmen den Algorithmus weiter, der seine Videos an immer mehr Menschen ausspielt – die meisten im deutschsprachigen Raum, aber auch aus den USA, Italien und Asien kommen die Nutzer vorbei. In den USA ist ASMR schon seit einiger Zeit ein Trend, englischsprachige Videos werden millionenfach geklickt. Hollywood-Stars wie Gal Gadot, Kate Hudson oder Margot Robbie geben sogar kichernd ASMR-Interviews.

Auch Justin schaut sich lieber englisch geflüstertes ASMR an, zum Beispiel von „ASMR Zeitgeist“, der besonders spannende „Trigger“ (Auslöser) verwende oder auch interessante ASMR-Rollenspiele zeige. Das Angebot an Flüstervideos im Netz sei inzwischen so groß, dass es nicht mehr so einfach sei, eine Nische zu finden, sagt Justin. Ganz genau kann er sich seinen Erfolg nicht erklären. Sein Aussehen? Justin zuckt mit den Schultern, Vater Jörg nickt. Inzwischen gehören er und seine Frau auch zu Justins ASMR-Crew, denn sie finden, dass ihr Sohn bei diesem Youtube-Experiment auch viel fürs Leben lernt: Annick schaut also beim Einkaufen stets nach neuen geräuscherzeugenden Gegenständen, die Justin dann in seinen Videos in Szene setzen kann. Küchenschwämme, Sprühflaschen – alles ist verwertbar. Sein Vater passt auf, dass in Live-Streams niemand Beleidigendes schreibt.

Justins ASMR-Videos sollen der Entspannung dienen

Im Großen und Ganzen geht es in der ASMR-Welt aber recht entspannt und freundlich zu. Eine nette Nische im ansonsten rauen Internet. Wenn Justin einen Live-Stream sendet, begrüßt er viele seiner Zuschauer aufmerksam lächelnd, flüsternd natürlich, beantwortet Fragen, macht dazwischen Geräusche mit Gegenständen, Fingern oder seinem Mund. Über eine Stunde lang geht das so – und wenn ein Zuschauer einschläft, ist das Maximal-Lob. „Die Leute freuen sich, dass ich ihnen beim Entspannen helfe“, sagt Justin, „dass ich helfen kann, ist ein schönes Gefühl.“

Da kümmert sich jemand gut um mich – das ist ein wichtiger Aspekt bei ASMR. In den Videos wird Nähe und Vertrautheit suggeriert. Laut Professor Craig Richard, der die Webseite asmruniversity.com gegründet hat, ein Kribbeln bei Sehtests bekommt und seit Jahren auch wissenschaftlich mit Tingles und Triggers befasst, sind beim Anblick dieser Filme dieselben Hirnregionen aktiv wie wenn ein Mensch positive Aufmerksamkeit eines freundlichen, kümmernden Gegenübers bekommt. Psychologin Giulia Poerio hat in einer Studie an der University of Sheffield herausgefunden, dass sich Menschen durch ASMR wirklich physisch und psychisch entspannen können. Der Herzschlag verlangsame sich um 3,14 Schläge pro Minute. Welche Gehirnchemie genau ASMR auslöst und warum nicht alle Menschen dieses Kribbeln angesichts der Videos bekommen, ist noch nicht erforscht. Professor Richard vermutet, dass das Liebeshormon Oxytocin und die Gene eine wichtige Rolle spielen.

Aber das Kribbeln sei ihm eigentlich egal, auch die Klicks, sagt Justin. Er möge ASMR einfach als entspanntes Hobby. Nicht mehr? Justin lacht und sagt dann, ganz bodenständig, ja, unschräg: „Mal sehen. Auf jeden Fall möchte ich nach der Schule eine Büro-Lehre machen.“

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