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Führerschein

16.02.2019

Keine Lehrer und weniger Kunden: Fahrschulen in der Krise

Fahrschulen sind im Umbruch: Immer weniger Jugendliche machen den Führerschein und immer mehr Menschen fallen bei der Fahrprüfung durch. Gleichzeitig Fahrlehrer werden dringend gesucht.
Bild: photocrew, Adobe Stock

Immer weniger Jugendliche machen den Führerschein und immer mehr Menschen fallen bei der Prüfung durch. Über eine Branche im Umbruch.

Was müssen Sie beachten, bevor Sie in einen Tunnel einfahren?

a) Nebelscheinwerfer einschalten

b) Auch am Tage in gut beleuchteten Tunneln mit Abblendlicht fahren

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c) Sonnenbrille abnehmen

Einfach, oder? Sie haben natürlich nicht a angekreuzt. Sondern b. Aber vielleicht nicht auch noch c? Macht nichts. Ein paar Fehlerpunkte, genauer gesagt zehn, darf sich ein Fahrschüler in der Theorieprüfung leisten. Die Durchfallquote dennoch: 39 Prozent. Höher denn je. Alles eben doch nicht so einfach. Das aber gilt nicht nur für die Prüfung, sondern seit Jahren für die gesamte Branche. Immer weniger Fahrschulen, immer weniger Fahrlehrer und immer mehr Jugendliche, für die der Führerschein nicht mehr so wichtig zu sein scheint. Braucht man halt – aber vielleicht auch erst später. Erkundungen in und über eine Branche also, die sich gerade viele Fragen stellen muss. Vor allem die nach der Zukunft…

Sie befahren eine Kurve ein Mal mit 30 km/h und ein anderes Mal mit 60 km/h. Wie ändert sich dabei die Fliehkraft? Die Fliehkraft ist bei 60 km/h…

a) viermal so groß

b) doppelt so groß

c) gleich groß

Die Fragen mit den Zahlen. Sie zählen zu denen, mit denen sich Fahrschüler am schwersten tun. Die Zahlen, mit denen sich die Branche beschäftigt, lassen wiederum nur einen Schluss zu. Die Fliehkraft wächst. Jedes Jahr geben vor allem die kleinen Ein-Mann-Betriebe auf, wachsen die großen. Im Jahr 2010 waren bundesweit noch etwa 13.736 Fahrschulen registriert, 2018 sind es nach Angaben der Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände nur noch 10.850. Vom großen Fahrschulsterben ist die Rede.

Zugleich sank die Zahl der Fahrlehrer, allein in Bayern laut Kraftfahrt-Bundesamt innerhalb von zehn Jahren von 9100 auf derzeitig 8000. Und es werden erst einmal noch weniger werden. Das Durchschnittsalter liegt laut Moving-Branchen-Report bei 53,3 Jahren, die meisten also sind der Rente viel näher als dem Berufsstart. Und damit erst einmal Schluss mit den Zahlen. Richtig ist im Übrigen Antwort a.

Auf welchen Straßen gilt die Richtgeschwindigkeit von 130 km/h?

a) Auf der Autobahn

b) Auf Kraftfahrtstraßen außerhalb geschlossener Ortschaften mit mindestens zwei markierten Fahrstreifen für jede Richtung

c) Auf Kraftfahrstraßen außerhalb geschlossener Ortschaften mit baulich getrennten Fahrbahnen für jede Richtung

Diesmal gleich vorneweg: Alle Antworten zutreffend. Und damit zu Sabine Keinath. Als sie ihren Führerschein ausgehändigt bekam, einen Tag nach ihrem 18. Geburtstag, weil der dummerweise auf den Sonntag fiel, war es noch ein grauer… und der galt als Schlüssel zur Freiheit. Die Fahrlehrerin hieß Keinath, die eigene Mutter, damals eine der ganz wenigen Fahrlehrerinnen in Bayern. Mit ihrem Bruder führt Sabine Keinath in dritter Generation eine der großen Fahrschulen in Augsburg, fünf Filialen, zwölf Fahrlehrer. Ein gutes Geschäft. Aber nicht mehr das gleiche wie das ihrer Eltern.

Jedes Jahr fallen in Deutschland Hunderttausende durch die Führerscheinprüfung: 39 Prozent aller Kandidaten schaffen die Theorieprüfung nicht im ersten Anlauf.
Bild: Armin Weigel, dpa

„Früher galt der Fahrlehrer als Respektsperson, so wie der Polizist“, sagt Keinath, und am Ende gab es zum Dank vielleicht gar ein Geschenk. Heute mag es zwar im Netz die Seite www.verliebt-in-den-fahrlehrer.de geben – Zitat: „Vor einer Fahrstunde bin ich richtig verzweifelt, weil ich nicht weiß, was ich anziehen soll“ – aber der Beruf zumindest hat an Image und Attraktivität verloren. Etwa 60 Prozent aller bayerischen Fahrschulen suchen einen oder sogar mehrere Fahrlehrer. Wenn Keinaths Fahrlehrer, fast alle selbst ausgebildet, beim TÜV vorbeifahren, werden sie regelmäßig von Kollegen angesprochen: „Und wie schaut es aus, wann kommst du zu mir?“

Warum das so ist? Viele Antworten zutreffend. Eine zum Beispiel: Seit die Bundeswehr kaum mehr ausbildet, ist die Zahl stark zurückgegangen. Wer nun Fahrlehrer werden möchte, muss für die Schule auch erst einmal zahlen. Am Münchner Verkehrsinstitut beispielsweise 11.680 Euro. Zumindest aber müssen die künftigen Fahrlehrer nicht mehr wie noch vor kurzem auch den Lkw- und Motorradführerschein vorlegen. „Seitdem ist der Zulauf wieder größer“, sagt Keinath.

Was der Mangel auch bewirkt hat: Das Gehalt ist gestiegen. Was aber bleibt: Frei einteilbare Arbeitszeiten zwar, nur eben dann, wenn andere frei haben: Ab dem späten Nachmittag, am Samstag… Und dann wäre da noch die Sache mit der Wertschätzung. Sie würden mittlerweile als reine Dienstleister wahrgenommen, sagt Keinath. Einer, der einen möglichst schnell zum Ziel bringen soll. Da könne schon auch mal der Satz „Spinnst du“ fallen. Aber nicht vom Fahrlehrer…

Sie kommen aus einer Straße mit abgesenktem Bordstein und wollen in eine andere Straße einbiegen. Von links kommt ein Pkw. Was gilt hier?

a) Die Regel „rechts vor links“ b) Der abgesenkte Bordstein ist für die Wartepflicht ohne Bedeutung c) Wer über einen abgesenkten Bordstein in eine Straße einfährt, ist wartepflichtig

Kuruma Banare. Das ist japanisch, bedeutet tatsächlich nicht „abgesenkte Bordsteinkante“ (richtig ist Antwort c), sondern „Demotorisierung“ und lässt sich auf Deutsch auch schlicht so erklären: Kein Bock mehr aufs Auto. Mit dem Phänomen haben Fahrschulen auf dem Lande nicht zu kämpfen, in Großstädten wie Berlin aber schon. „Dort gehört der Führerschein zum Erwachsenwerden nicht mehr so selbstverständlich dazu“, sagt Weert Canzler, Mobilitätsforscher am Wissenschaftszentrum Berlin.

Weil es ja Alternativen gibt, weil das Autofahren in der Stadt ja keine reine Freude ist, Stau, Parkplatzsuche et cetera, und auch, weil das Auto als Statussymbol bei den gut ausgebildeten Jugendlichen in der Stadt ausgedient hat: Ein neues Smartphone kann da schon mal mehr zählen als der erste klapprige alte Golf. Nicht zutreffend dagegen die Antwort: Aus Umweltschutzgründen wird verzichtet. „Das ist für die Jugendlichen eher nachrangig, meist zählen pragmatische Gründe,“ sagt Weert Canzler. Und noch immer gilt im Autoland Deutschland: 80 Prozent haben zwar nicht mehr mit 17 oder 18, dann aber doch mit spätestens Mitte 20 ihren Führerschein in der Tasche.

Dabei erinnert die Theorieprüfung heute eher an ein Videospiel: Die Darstellung auf dem Bildschirm soll die Prüfungssituation realistischer machen.
Bild: argetp21/dpa/tmn

In Zahlen also schlägt sich „Kuruma Banare“ weniger nieder, durchaus aber im Arbeitsverhalten. Mit „Abnahme der Bedeutung des Fahrerlaubnisbesitzes im Vergleich zu früher“ sei ebenfalls eine „Abnahme der Lernmotivation“ verbunden, vermeldet die Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände. Eine Erklärung für die hohe Durchfallquote vor allem im theoretischen Teil. Aber auch da können mehrere Antworten angekreuzt werden: Die Jugendlichen sind vom Alltag gestresster, weniger belastbar, brauchen oft länger für die Theorie und vergessen deswegen unterdessen wieder einiges, oft ist Deutsch nicht die Muttersprache…

Was in der Praxis mitspielt: Früher hätten die meisten Jugendlichen erste Verkehrserfahrungen mit dem Fahrrad gesammelt, sagt Sabine Keinath. „Die wussten, wie es ist, wenn ich zu schnell in die Kurve fahre.“ Das könne man heute nicht mehr bei allen voraussetzen. Auch deswegen brauchen manche noch die eine oder andere Stunde mehr (und etwas mehr Geld, durchschnittlich in Bayern rund 2000 Euro). Was aber vor allem erschwerend hinzukommt, fügt Keinath verteidigend für ihre Schüler an: viel, viel mehr Verkehr!

Sie mussten nach einer Reifenpanne das Notrad montieren. Was ist bei der Weiterfahrt verboten?

a) Personen mitzunehmen

b) Schneller als 80 km/h zu fahren

c) Mit dem Notrad länger als unbedingt erforderlich zu fahren

Vorletzte Frage, Antworten b und c zutreffend. Letzte Station: Mike Fischer in Gera. Wer ihn nach der Zukunft fragt, dem erzählt er erst einmal von der Vergangenheit. Wie er schon Anfang der 90er Jahre, als „man Kunden gar nicht verhindern konnte“, die Probleme kommen sah. Da schaute er nämlich auf die Geburtenzahlen seiner Heimatstadt, stark rückläufig, und rechnete 18 Jahre weiter… Immer weniger Kinder, immer weniger Fahrschüler. Simple Rechnung also. Wer heute nach Gera fährt, sieht, wie er sie Jahre später löste. Es gibt in der Stadt ein eigenes Dorf mit seinem Namen. Das Fischer-Dorf. Mit Pizzeria, Schulungszentrum, Internat. Mehr als 1000 Fahrschüler aus ganz Deutschland legen an der Fischer-Academy jährlich ihre Prüfung ab, jeweils innerhalb von einer Woche. „Ich muss sagen, das war eine geile Idee“, sagt Fischer. Nach so einer sucht er weiter. Denn das nächste Problem ist längst in Sichtweite.

Was eigentlich, wenn man irgendwann das Fahren ganz dem Auto überlässt? Lenken, überholen, bremsen, einfach alles? Wofür braucht es dann noch den Fahrlehrer? Vor einem Jahr hat er deswegen im Fischer-Dorf „Das Institut für autonomes Fahren“ gegründet, bietet dort Vorträge vor allem für Kollegen an, arbeitet mit der Universität zusammen. Nicht weil er Treiber der neuen Technik werden möchte, sondern weil er wissen will, wo sie steht.

Derzeit sei man mit dem autonomen Fahren etwa im zweiten Monat schwanger, „weiter sind wir nicht“. Aber er wolle sich schon mal auf den Weg machen, um rechtzeitig Konzepte für den Strukturwandel zu entwickeln. So ähnlich wie beim Automechaniker, dem die Mechanik immer mehr abhandenkam: Der ist nun Mechatroniker… Und was wird mit dem Fahrlehrer? Sabine Keinath sagt: „Auch Computer stürzen ab, wer soll dann eingreifen?“ Doch der Mensch? Fischer sieht es so: „Wenn das autonome Fahren erklärt werden muss, dann ist es eine Scheiß-Technik.“ Deshalb: Wenn es so weit ist, „dann ist das auch das Ende des Fahrlehrers“. Und damit zur Abschlussfrage:

Ein Kraftfahrer hat zu viel Alkohol getrunken und darf deshalb nicht mehr fahren. Wie kann er seine Fahrtüchtigkeit kurzfristig nicht wiederherstellen? Indem er

a) zwei Tassen starken Kaffee trinkt

b) eine halbe Stunde spazieren geht

c) eine halbe Stunde schläft

Sie haben mit a, b, c geantwortet? Ausgezeichnet. Bestanden!

Lesen Sie dazu auch: Was Fahrlehrer im Augsburger Land alles erleben

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17.02.2019

Und wieder ein Artikel den man vergessen kann, weil die AZ es wieder geschafft hat ungeprüft einfach nach zu plappern was andere schreiben.

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