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Staatstheater Augsburg

30.09.2018

Premiere der "Orestie": Ein Blutrausch im Martinipark

Die „Orestie“ feierte am Staatstheater Augsburg am Samstagabend Premiere im Martinipark - und wurde zu einem Gesamtkunstwerk.
Bild: Jan-Pieter Fuhr

Plus Wie eine antike Tragödie, nämlich die „Orestie“ von Aischylos, vitalisiert werden kann, dies zeigt der Regisseur Wojtek Klemm in einem Gesamtkunstwerk.

Eine abschüssige Ebene zum Stapellauf etlicher Toter. In der Mitte ein Abfluss, in dem ein klares Rinnsal dem Publikum entgegentröpfelt. Dass dieses Rinnsal bald blutig sein wird, kann sich jeder Zuschauer an fünf Fingern abzählen. Wir kennen unsere Pappenheimer. Wir sind im Schlachthaus der Atriden.

Premiere am Staatstheater Augsburg: "Orestie" als Opfer- und Mord-Reigen

Und wenn Schnitzler vor 100 Jahren einen Liebes- und Sex-Reigen schrieb, so schrieb Aischylos vor bald 2500 Jahren mit der „Orestie“ einen Opfertod- und Mord-Reigen. Zum ersten Premieren-Wochenende des neuen Staatstheaters Augsburg werden die sechs Toten – refrainhaft und meist bei guter Laune – mit einem Eimer Blut begossen. Die Rinne inmitten einer archaischen Installations-, Projektions- und Kultfläche à la Joseph Beuys („Blitzschlag mit Hirsch“) bekommt was zu tun. Eine karge, einfache und doch starke Szenerie von Katrin Kersten.

Darauf sich starkes tragisches Spiel von extrem hoher Informationsdichte ergibt. Zehn Schauspieler, jeder mal Solist, jeder mal Chorist, deklamieren, salbadern, höhnen und vergegenwärtigen binnen einer Stunde fünfundvierzig Minuten die dreiteilige Orestie, dieses preisgekrönte, an sich breit angelegte Dionysien-Spiel. Die Zehn – wovon sechs Tote wiederauferstehen – verbeißen sich regelrecht in Sprech- und Körperarbeit. Stampfend, tanzend, ringend, kuschend und killend arbeiten sie sich aneinander ab.

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Ein Räderwerk von Opfern und Tätern. Das besitzt Dichte, Intensität, ein hohes Rhythmus-Gefühl bei rascher Beschleunigung – und enorme Suggestion. Text (nach Walter Jens), physischer Einsatz und die oft zynische musikalische Unterlegung (vollkommen konsonantes Schlaflied zum Opfertod Iphigenies, „Freude schöner Götterfunken“ zum finalen winkeladvokatischen Gerichtsfreispruch) machen aus dem vor allen von Wojtek Klemm (Inszenierung) und Efrat Stempler (Körperarbeit) verantworteten Abend ein beziehungsreiches Gesamtkunstwerk.

"Orestie" im Martinipark - Apoll zeigt sich schnoddrig, Athene kreuzfidel

Dass es darin den einen oder anderen Spiel- und Schachzug auch nicht gebraucht hätte, weil er die monströse Tragödie slapstickhaft in die Farce und ins Alberne biegt und treibt, sei redlichkeitshalber auch erwähnt. Man muss die Einleitung zum Doppelmord an Klytaim(n)estra und Aigisth nicht zur Übersprungshandlung, zum kichernden Kinderspiel infantilisieren; man muss Orest nicht zum Bruder von Ödipus machen, um Verzweiflung und emotionales Chaos zu illustrieren. Die Trilogie funktioniert hervorragend auch ohne herbeigezwungene Lacher, ohne „trippel, trippel“ (Orest), ohne niederdeutsches Schnaken. In solchen Momenten trübt sich die Wucht ein, die der Abend grundsätzlich besitzt.

Dann das flotte Finale. Ein bissel Manöverlist darf schon sein beim großen Menschheitsschritt in die geordnete Gerichtsbarkeit. Apoll gibt sich schnoddrig, Athene kreuzfidel. Sie verzaubert die Punk-Rachegeister in peloponnesische Folklore-Mädchen und schickt sie mit Klaps auf den Po in die ungewisse Zukunft. Orest aber hebt an zu einer populistisch und rechtsnational dräuenden Schlusserklärung. Das lag dem Regisseur erkennbar am Herzen.

Diesen Orest spielt der hochgewachsene Sebastian Baumgart als einen Unberechenbaren – während seine Mutter Klytaim(n)estra (Katharina Rehn) zumindest im Hinterkopf kühl kalkuliert. Dass sie den Macho und Kotzbrocken Agamemnon (Thomas Prazak) über Beil und Klinge springen lässt, ist so unverständlich nicht. Natalie Hünig: zitternd und bangend als Amme, patent als Dea ex Machina. Starker Applaus.

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