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Augsburg

17.01.2020

Sibylle Berg erhält den Bertolt-Brecht-Preis der Stadt Augsburg

Bild: Soeren Stache, dpa

Plus Mit Theaterstücken, Romanen und Kolumnen ist Sibylle Berg zu einer der wichtigsten literarischen Stimmen Deutschlands geworden. Nun ehrt Augsburg sie.

Sie schreibt eindringlich, analysiert die Gegenwart schonungslos, dazu meldet sie sich politisch zu Wort. Ihre Romane sind Bestseller geworden, an ihren Kolumnen arbeiten sich Kollegen (vor allem männliche) regelmäßig ab und ihre Theaterstücke sind mehrfach ausgezeichnet worden. Im Grund ist Sibylle Berg also die perfekte Brecht-Preisträgerin. Deshalb verwundert es nicht, dass die Stadt Augsburg die deutsch-schweizerische Autorin ehrt. Am 18. Februar wird Sibylle Berg für ihr Werk der Bertolt-Brecht-Preis verliehen, der mit 15.000 Euro dotiert ist und alle zwei Jahren vergeben wird.

Wer Berg nicht mag, hängt ihr böse Etiketten um, die von „Designerin des Schreckens“ bis zu "Höllenfürstin des Theaters“ oder „Kassandra des Klamaukzeitalters“ reichen. Ihre Art des Humors ist so dunkel, so schwarz, so ernsthaft, dass er von vielen nicht richtig verstanden wird. Im literarischen Deutschland ist Berg seit mehr als 20 Jahren eine Gestalt, an der sich viele reiben und die gleichzeitig verehrt wird. "Die Sibylle Berg verschanzt sich mit ihrer literarischen Arbeit nicht in den Komfortzonen des Kulturbetriebs, sondern sucht die wütende Kollision mit den gesellschaftlichen Realitäten. Sie ist eine ebenso coole wie populäre Kolumnistin, eine erbarmungslose Dramatikerin und eine geradezu einschüchternd rabiate Romanautorin, die in allen drei Berufen den Konflikten der Gegenwart auf den Grund geht", heißt es in der Jurybegründung des Brechtpreises.

Berg hält der männlich dominierten Welt schonungslos den Spiegel vor

Berg schaut in ihren Texten darauf, was mit den Schwachen, den Entrechteten, den an den Rand Gedrückten geschieht. Sie schreibt über die Ungleichheit und hält der männlich dominierten Welt schonungslos den Spiegel vor. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk Kultur sagte sie zum Beispiel über ihre neuestes Buch „GRM. Brainfuck“: „Ich fühlte mich da gar nicht warnend und dräuend und anklagend, sondern eher aufzeichnend und schauend, was macht das mit den Menschen, wie lebt man da“.

Sibylle Berg erhält den Bertolt-Brecht-Preis der Stadt Augsburg

Mit diesem Roman hat die 57-Jährige ihren bislang größten Publikumserfolg erzielt. Die ersten drei Auflagen sind sofort nach Erscheinen im April vergangenen Jahres vergriffen gewesen. Sie zeichnet darin nach, welchen Weg das neoliberale Großbritannien seit 2000 genommen hat und wie es in ein paar Jahren aussehen könnte – und das aus der Perspektive von vier an den Rand Jugendlichen, vier Vertretern der untersten Unterschicht. Darin wird beschrieben, wie der digitale Überwachungsstaat à la China durch die Hintertür eingeführt wird, in dem die Wohltaten des Sozialstaats nur an diejenigen ausgezahlt werden, die sich komplett überwachen lassen.

Mitte der 1990er Jahre begann Berg mit dem Schreiben

Die Macht der Diktatur hat Berg selbst erlebt. Als Tochter einer alkoholkranken Bibliothekarin wuchs sie erst in Weimar, dann einige Jahre bei einem entfernt verwandten Paar in Berlin und dann wieder bei ihrer Mutter auf. Nach dem Abitur ließ sie sich zur Puppenspielerin ausbilden, als sie einen Ausreiseantrag in den Westen stellte, verlor sie sofort ihre Anstellung in Naumburg, konnte dann aber doch die DDR verlassen.

Mitte der 1990er Jahre begann Berg mit dem journalistischen Schreiben, 1997 legte sie mit „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“ ihren ersten Roman vor. Nach fünfzig Absagen entschied sich der Reclam-Verlag für das Buch – und landete damit gleich einen Bestseller, ein bitterböses Buch über die Generation Spaß. Es folgten sieben weitere Romane, unter anderem „Sex II“, „Amerika“, „Ende gut“.

Gleich zweifach in dieser Woche ausgezeichnet

Welchen literarischen Stellenwert Sibylle Berg einnimmt, das veranschaulicht diese Woche sehr gut. Denn nicht nur Augsburg zeichnet die Schriftstellerin aus, nachdem sie vergangenes Jahr für „GRM. Brainfuck“ den Schweizer Buchpreis erhalten hat, folgte in dieser Woche der mit 40.000 Franken dotierte Grand Prix der Literatur für ihr Lebenswerk.

Zum zehnten Mal vergibt die Stadt Augsburg den Bertolt-Brecht-Preis. Mit ihm ehrt die Stadt Augsburg Persönlichkeiten, die sich in ihrem literarischen Schaffen kritisch mit der Gegenwart auseinandersetzen. Der Jury unter der Leitung von Augsburgs Kulturreferent Thomas Weitzel (ohne Stimme) gehören unter anderem Shermin Langhoff (Intendantin Maxim-Gorki-Theater Berlin), Prof. Jürgen Hillesheim (Leiter Brecht-Forschungsstätte Augsburg), Prof. Mathias Mayer ( Universität Augsburg) sowie die Literaturkritiker Hubert Spiegel (FAZ) und Uwe Wittstock an. Der Bertolt-Brecht-Preis feiert in diesem Jahr außerdem sein 25-jähriges Bestehen. Bisherige Preisträger sind Franz Xaver Kroetz, Robert Gernhardt, Urs Widmer, Christoph Ransmayr, Dea Loher, Albert Ostermaier, Ingo Schulze, Silke Scheuermann und Nino Haratischwili.

Lesen Sie dazu auch: Programm: Das bietet das Brechtfestival 2020

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