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Deutschland

03.10.2019

Tag der Deutschen Einheit: Vom Mauerfall zur AfD

So war es letztes Jahr in Berlin: Teilnehmer der rechtspopulistischen Demonstration "Tag der Nation" des Bündnisses "Wir für Deutschland".
Bild: Foto: Michael Kappeler, dpa

Was wir im Rückblick mit der Deutschen Einheit feiern, ist im Ausblick ein akutes Problem - nicht nur im Osten: Die Ursachen einer inneren Spaltung.

Es ist eine persönliche Geschichte und eine ostdeutsche – und sie dringt auf den Grund eines gesamtdeutschen Problems. Sie zeigt, warum es eben nicht einfach aufgeht, wenn zahlreiche Kommentatoren nach den Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen die Rekorderfolge der AfD auf die Wut der Abgehängten zurückführen. Sie hilft zu erklären, warum diese Partei 30 Jahre nach dem Mauerfall gerade im Osten so stark ist – hilft aber zudem zu verstehen, was sie auch im Westen zunehmen lässt und auf welche innere Spaltung das vereinte Deutschland zugeht. Und dabei kehrt doch eigentlich nur ein 51-Jähriger in seine alte Heimat zurück: einen in den Sechzigern hochgezogenen Ortsteil von Rostock.

"Lütten Klein" heißt das daraus entstandene und nach dem Ort benannte Buch. Und es erinnert mit seinem Ansatz an ein vor zehn Jahren in Frankreich erschienenes Werk, "Rückkehr nach Reims", mit dem der Autor Didier Eribon einen internationalen Bestseller landete. Der wollte verstehen, wie es geschen konnte, dass in seiner Heimat mit klassisch starker Arbeiterschaft aus den vielen linken Stammwählern eine Region mit starken Werten für die Rechtspopulisten geworden waren. Auf einen kurzen Nenner gebracht: Die Linken sollten den Menschen damals ihren Anteil auf Aufschwung sichern, mit dem Eigenheim in Richtung Mittelschicht – die Rechten nun sollen sie vor dem Abstieg ins Prekariat mit zuwandernden Konkurrenten, sollen ihnen ihr Haus und ihre Nachbarschaft bewahren. Und dieser Befund verfing bei vielen auch außerhalb Frankreichs, die auf Ursachensuche für die Konjunktur ihrer jeweiligen neuen rechten Aufsteiger waren.

30 Jahre nach dem Mauerfall: Die nächste Transformation

Nun aber liefert diese eigene deutsche Erkundung ein viel spezifischeres Bild. Auf ein zentrales Zitat gebracht: "Im gegenwärtigen politischen Diskurs haben die rechten Populisten (...) ein Angebot in der Tasche, das kaum zu schlagen zu sein scheint, weil es die Menschen von Zumutungen entlastet. Sie sagen: ‚Die Welt muss verändert werden, um sich an dich anzupassen!‘ Die Liberalen, egal ob Marktliberale oder aufgeklärte Kosmopoliten, haben hingegen eine andere Botschaft: ‚Du musst dich ändern, um dich an eine sich wandelnde Welt anzupassen!‘ (...) Das kann den Aufruf beinhalten, sich für den Markt zu optimieren, aber auch die Aufforderung, traditionelle Werte abzustreifen und sich auf eine diverser werdende Kultur einzulassen. In einer Teilgesellschaft wie der ostdeutschen, die in den zurückliegenden dreißig Jahren einen regelrechten Transformationsgalopp durchgemacht hat, trifft diese Botschaft auf Erschöpfung, auf eine Haltung des ‚Nicht schon wieder‘."

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Doch der Reihe nach. Zunächst die persönliche Geschichte: Der Autor Steffen Mau ist Professor für Soziologie an der Humboldt-Universität in Berlin. Den Mauerfall vor 30 Jahren erlebte er im Dienst der Nationalen Volksarmee. Aufgewachsen war er eben in "Lütten Klein", später abfällig als Plattenbausiedlung bezeichnet, damals aber eine moderne, gefragte Form des Wohnens. Und dorthin kehrt er nun zurück, spricht mit den Menschen, vergleicht Damals und Heute – und stellt dabei zunächst den Widerspruch fest: Selbst wenn es nicht die von Kohl damals versprochenen "blühenden Landschaften" geworden sind, gehe es den Menschen auch hier heute im Durchschnitt besser denn je – und doch ist die Stimmung auf dem Tiefststand.

Mau beginnt einen Gang durch die ostdeutsche Geschichte, der im ersten Teil des Buches das "Leben in der DDR" erkundet, im zweiten dann die "Transformationen". Wesentlich am Osten vor dem Mauerfall: Man lebte in einer sehr homogenene und durchaus unbeschwert aufs gemeinsame (bessere) Deutsch-Sein bezogene Gesellschaft – die allerdings ihre Aufstiegsversprechen an die Bevölkerung nicht mehr einhalten konnte. Umso wuchtiger wirkte das, was dann als die erste Transformation erlebt wurde aufs Selbstbewusstsein. Denn was die ehemaligen DDR-Bürger in der deutschen Einheit nach dem Mauerfall erlebten, war in vielen Bereich nicht nur wieder kein Aufstieg – sondern zudem durch den vorherrschenden Westblick die Entwertung ihrer Lebens- und Arbeitsleistung. Und dann, Anfang der 90er, wurden in den Plattenbauten auch Flüchtlinge und Asylbewerber untergebracht – und mitunter zwei Kilometer von Lütten Klein entfernt, in Rostock-Lichtenhagen, entlud sich der Wut, der Hass in Anschlägen. Das war nur die radikale Spitze eines verbreiteten Gefühls, in dieser Gesellschaftstransformation kein Faktor zu sein, unter die Räder zu kommen und dabei die Beheimatung in einer homogenen Gesellschaft. Um die "Integration" der Lebensläufe und der Menschen aus der ehemaligen DDR kümmerte sich keiner …

Es herrscht das Gefühl einer "kulturellen Entwertung"

Und das, so Steffen Mau, wiederholt sich heute nun in einer weiteren Transformation. In den Verschiebungen der liberalisierten, digitalisierten, globalisierten Gesellschaft erneuerte sich das "Gefühl der kulturellen Entwertung". Denn, "nimmt man den Faden der empfundenen Verluste und biografischen Narben auf, wird verständlich, dass in einem solchen Milieu leicht Wut aufkommt. Denn wieder hat man den Eindruck, es werde sich um die Notleidenden aus aller Welt mehr gekümmert als um die eignen Bedürftigen, die Integration der eigenen Vergangenheit. Und vor allem im Osten, der keine große demokratische Tradition habe, wachse so die Ablehnung gegen ein System, das sich eben nicht um die Belange kümmere. Gesamtdeutsch betrachtet: Im Westen sorgt die erste derartige Transformation ebenfalls für einen Wut-Schub nach Rechts – und langst nicht nur bei den wirtschaftlich abgehängten. Denn das Gefühl der "kulturellen Entwertung" existiert auch hier. Die verstärkenden Faktoren im Osten sind aber beträchtlich. Und das ist das Kapital populistischer Bewegungen. Mau: "Wie bei allen sozialen Bewegungen lässt sich die Schwungkraft des Unbehagens noch verstärken …"

Und weiter: "Die Gemeinschafts- und Sicherheitsverluste werden auch – aber nicht nur – durch die Hinwendung zu ethnisch bestimmten Kategorien der Zugehörigkeit und durch recht rigide Ordnungsvorstellungen kompensiert …" Schließlich, so Mau: "Auch noch dreißig Jahre nach der Wende fehlt es der ostdeutschen Gesellschaft letztlich an einem robusten sozialmoralischen und sozialstrukturellen Unterbau, der Toleranz und ein empathisches Demokratieverständnis tragen könnte." Gleichzeitig droht in Teilen des Westens gerade das abhanden zu kommen. Und der Soziologe schließt: "Naiv sind deshalb diejenigen, die meinen, dies alles ließe sich durch eine innerdeutsche Gesprächstherapie umstandslos heilen … Die Frakturen sitzen tiefer, sie betreffen das, was die Gesellschaft als Ganze ausmacht."

Das Buch: Steffen Mau: Lütten Klein – Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft. Suhrkamp, 284 Seiten, 22 Euro

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