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06.04.2021

Theologe Hans Küng ist tot: Weltethos statt Amtskirche

Der Tübinger Theologe und Papstkritiker Hans Küng starb am Dienstag mit 93 Jahren.
Foto: Bernd Weissbrod, dpa

Er war ein weltumspannender Idealist mit Breitenwirkung – und ein unbequemer Theologe mit Folgen. Mit 93 Jahren ist er am Dienstag in Tübingen gestorben.

Er konnte unglaublich süffisant formulieren. „Ich kann mir beim besten Willen nicht Jesus beim Pontifikalamt im Petersdom vorstellen“, gab Hans Küng beim 2. Ökumenischen Kirchentag 2010 in München zum Besten. Kein Wunder, dass diesem Theologen die Zuhörer in Scharen zu Füßen lagen. Sein Leben lang hat er für eine moderne und zugleich ursprüngliche Kirche gekämpft. Am Dienstag starb Küng im Alter von 93 Jahre. Er sei zuhause in Tübingen friedlich eingeschlafen, sagte eine Sprecherin der Stiftung Weltethos.

Küng war ein Vordenker der Verständigung zwischen Christen, Juden und Muslimen

Eine globale Ethik war sein zweites großes Lebensthema. Eine in Frieden versöhnte Menschheit sah er nicht als reine Utopie, sondern als eine realistische Vision und Leitbild. Die Stiftung hatte er 1995 selbst angeregt und als Präsident Profil und Inhalt verliehen. Nicht länger der bissige Kirchen- oder Papstkritiker wollte er sein, sondern ein Mahner. Auf seinem Lehrstuhl für ökumenische Theologie wurde Küng zu einem der wichtigsten Vordenker der Verständigung zwischen Christen, Juden und Muslimen.

Angefangen hatte der Schweizer als brillanter Theologe. Mit 20 ging er an die Päpstliche Universität Gregoriana nach Rom, mit 32 wurde er Professor in Tübingen und Berater auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965). Er und Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., waren Kollegen an der Fakultät – ein ungleiches Paar, das sich jedoch lebenslang schätzte. Als Papst lud ihn Benedikt sogar zu einer Privataudienz ein. Rehabilitiert wurde er aber nicht, wahrscheinlich weil er auch Benedikt zurechtwies.

Die Pillen-Enzyklika ließ ihn an der päpstlichen Unfehlbarkeit zweifeln

In der Auseinandersetzung mit dem Papstamt wurde Hans Küng derart zum Rebell, dass ihm 1979 der Vatikan die Lehrerlaubnis entzog. Seine Streitschrift „Unfehlbar? Eine Anfrage“ machte ihn früh zum Wortführer reformorientierter Katholiken. Letzter Anstoß war für ihn die Pillen-Enzyklika „Humanae Vitae“ (1968) von Paul VI., die in ihrer apodiktischen Ablehnung der künstlichen Geburtenregelung die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche und ihres Lehramtes so sehr erschüttert hat, dass sich die wenigsten Katholiken noch um diese restriktive Ehemoral scherten.

Der Kampf gegen die zentralistische römische Kirche wurde Küngs Mission. Die Kirche sei von einer Gemeinschaft der Gläubigen zu einer geistlichen Diktatur geworden, schrieb er 2011 in seinem Buch „Ist die Kirche noch zu retten?“ All die großen Probleme wie der Priestermangel, der Mitgliederschwund und der Skandal um den sexuellen Missbrauch durch Priester waren für Küng die Folge einer ausufernden päpstlichen Macht. Seine Interview wurden zuletzt seltener und seine Appelle weniger energisch. Durch eine Parkinson-Erkrankung versagten ihm die Hände, auch sah er immer schlechter. Vor dem Tod empfinde er keine Furcht, betonte er.

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