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Berlinale

19.02.2018

Vom Gehen und Finden

Marie (Paula Beer) sucht ihren Mann und trifft auf Georg (Franz Rogowski): Szene aus „Transit“, dem Wettbewerbsbeitrag von Christian Petzold.
Bild: Chr. Schulz/Berlinale

Regisseur Christian Petzold hat mit „Transit“ eines der wichtigsten Werke der deutschen Exilliteratur verfilmt. Wettbewerbskonkurrenz kommt vor allem aus Russland

Die Gala-Vorstellung am Samstagabend ist das Filetstück im Berlinale-Wettbewerb. In diesem Jahr wurde der Prime-Time-Termin an Christian Petzolds „Transit“ vergeben. Der deutsche Regisseur war schon mit „Yella“ und „Gespenster“ im Berlinale-Wettbewerb vertreten und gewann 2012 mit „Barbara“ den Silbernen Bären für die beste Regie. Erstmalig bedient sich Petzold nun einer literarischen Vorlage. Anna Seghers’ 1944 erschienener Roman „Transit“ gehört zu den wichtigsten Werken der deutschen Exilliteratur und hat bis heute nichts an seiner Kraft und Eindringlichkeit eingebüßt.

Petzold erzählt die in Paris und Marseille der beginnenden Besatzungszeit angesiedelte Geschichte nicht als museales Historiendrama, sondern vor einer gegenwärtigen Kulisse. Schon von der ersten Filmminute an, als ein Mannschaftswagen der französischen Polizei mit Sirene und Blaulicht durch die Straßen des heutigen Paris fährt, wird der Historisierung des Stoffes eine klare Absage erteilt. Aber ebenso wenig geht es Petzold um eine angestrengte Aktualisierung. Die Gegenwart dient hier auf visueller Ebene und in wenigen Dialogpassagen nur als Resonanzraum für eine zeitlose Erzählung.

Nur knapp schafft es der deutsche Flüchtling Georg (Franz Rogowski) aus dem besetzten Paris nach Marseille. In der Tasche hat er den Pass und das letzte Manuskript des Schriftstellers Weidel, der sich das Leben genommen hat. Mit dessen Identität hofft Georg nun, Visum und Schiffspassage nach Mexiko zu bekommen. Marseille ist für zahllose Flüchtlinge aus Deutschland die letzte Hoffnung. Hier trifft Georg auf Weidels Ehefrau Marie (Paula Beer), die ihren Mann verlassen hat, nichts von dessen Tod ahnt und Tag für Tag die Straßen von Marseille nach ihm absucht, um sich zu versöhnen.

Ein wenig wie ein Gespenst taucht diese Marie mit klackenden Absätzen immer wieder in den Bistros und Wartesälen auf und passt sich damit ein in das Arsenal der Petzold-Figuren, die oft als Gespenster der eigenen Vergangenheit die Gegenwart bewohnen. Aber eigentlich wird hier die ganze Erzählung selbst zum Gespenst, die ins Heute hineinragt, wo Flüchtlinge erneut in Transiträumen zum Warten verdammt sind. In der Pressekonferenz weist Petzold, auf die Aktualität des Stoffes angesprochen, darauf hin, dass gerade das Schicksal von Exilantinnen wie Anna Seghers dazu geführt habe, dass der Asylparagraf ins Grundgesetz aufgenommen wurde.

Die Folgen von Flucht und Vertreibung sind das Thema, das im Berlinaleprogramm auch in diesem Jahr omnipräsent ist. In dem Dokumentarfilm „Zentralflughafen THF“ untersucht Karim Aïnouz mit der Flüchtlingsunterkunft im Flughafen Tempelhof einen modernen Transitraum, an dem ebenfalls Vergangenheit und Gegenwart ineinandergreifen. Besonders eindringlich brachte in der Sektion „Panorama“ Wolfgang Fischers „Styx“ die moralischen Konflikte in Zeiten der Flüchtlingskrise auf den Punkt. Eine fabelhafte Susanne Wolf spielt hier eine Ärztin, die sich als Alleinseglerin von Gibraltar zu den Darwin-Inseln aufmacht und nach einem Sturm in der Ferne ein seeuntüchtiges Flüchtlingsboot vor sich sieht. Die über Funk alarmierte Küstenwache warnt sie davor, sich dem Boot zu nähern. Das würde nur dazu führen, dass die in Seenot Geratenen von Bord sprängen. Ihre Segeljacht sei aber für ein Rettungsmanöver zu klein. Hilfe wird angekündigt, bleibt aber aus.

Mit einem klaren Erzählkonzept bricht Fischer das hochpolitische Thema auf einen ganz persönlichen Entscheidungsprozess herunter und verweigert sich mit erstaunlicher Konsequenz einfachen Lösungskonzepten. Dabei wird „Styx“ nie zum Thesenfilm, sondern macht sich in meditativer Ruhe zunächst mit Schönheit und Gefahr der Meereselemente vertraut, baut seine starke weibliche Hauptfigur in ruhigen Beobachtungen auf, bevor deren moralische Integrität auf den Prüfstand gerät. Ein stiller, klug konstruierter Film von nachhaltiger dramatischer Intensität, den man sich auch gut im Wettbewerb hätte vorstellen können.

Dort hat man allerdings mit vier deutschen Beiträgen die Heimspiel-Obergrenze bereits erreicht. Wirklich bärenverdächtige Ware war am Wochenende im Wettbewerb noch nicht in Sicht. Benoît Jacquots behäbiger Erotik-Thriller „Eva“ mit Isabelle Huppert als Edel-Prostituierter enttäuschte ebenso wie der schwedische Beitrag „Real Estate“ von Axel Petersén und Måns Månsson, der zwar über eine schrille ältere Frauenfigur verfügte, sich aber allzu selbstgefällig in seinem zynischen Blick auf den habgierigen Zustand der Gesellschaft sonnte. Deutlich überzeugender fiel da schon „Dovlatov“ des russischen Regisseurs Alexey German aus. Das Porträt des Schriftstellers Sergei Dovlatov wird zu einem atmosphärisch dichten Sittengemälde der Sowjetunion der 1970er Jahre ausgeweitet, als die verbotenen Autoren der Breschnew-Ära in den Transit-Räumen der russischen Geschichte vergeblich auf Erlösung hofften.

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