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Igling

21.09.2019

Aktion: Warum eine Frau aus Igling ihre Haare spendet

Spenderin Franziska Ziegler sieht sich zum ersten Mal ohne Haare im Spiegel, den Initiatorin  Sara Eisenbarth hält.
Bild: Uwe Bolten

Nach rund drei Jahren erhält die Aktion „Echt-Haarig“ die 700. Haarspende. Spenderin Franziska Ziegler aus Igling erzählt, wie sie sich „Oben ohne“ fühlt.

Die 23 Zöpfe, die auf dem großen Küchentisch im Haus an der Langerringer Hauptstraße liegen, waren vor Minuten noch Teil der Haarpracht von Franziska Ziegler. Die 30-jährige gelernte tiermedizinische Fachangestellte aus Igling hatte ihre Haare seit Dezember 2016 wachsen lassen, um sie zu spenden. „In der Zeitung hatte ich damals von der Aktion Echt-Haarig gelesen und war sofort davon begeistert“, erzählt sie. Die Haarspenden gehen nach Hamburg zum gemeinnützigen Verein Königinnen, der aus den Naturstoffen Echthaarperücken für Patientinnen herstellt, die sich die sonst sehr teuren Haarteile nicht leisten könnten.

Die Haare werden zu Zöpfen gebunden

Sara Eisenbarth, Initiatorin der Spendenaktion, hatte zusammen mit Zieglers Freundin Elisabeth Ried, die rund einen halben Meter langen Haare der Spenderin zu Zöpfen auf den Kopf zusammengebunden, bevor der Schnitt beginnen konnte. „Das ist notwendig, damit die Haare für die Weiterverarbeitung in der Werkstatt in einer Flucht liegen, da sie so nicht verfilzen“, erläutert Eisenbarth das Prozedere. Alles läuft ruhig ab, vom besonderen Moment der 700. Spende ist nichts zu spüren. Die innere Befriedigung über den Erfolg der Aktion erfüllt den Raum, die positive und lebensbejahende Ausstrahlung der Spenderin ergänzt die Atmosphäre.

Viele Frauen haben kreisrunden Haarausfall

Im Dezember wird die Aktion „Echt-Haarig“ ihr dreijähriges Bestehen feiern. Eisenbarth erinnert sich genau an ihre Startveranstaltung, bei der sie selbst ihre Haare ließ, um sie für die Perücken- und Haarteilherstellung zu spenden. „Die Krankenkassen zahlen nur einen begrenzten Anteil dazu“, begründet Eisenbarth die Aktion. Mittlerweile habe sich das Klientel der Hamburger Haarwerkstatt etwas verändert. „Bei rund ein Drittel der Patientinnen handelt es ich um Frauen mit Haarausfall nach einer Chemotherapie, die Mehrzahl ist vom kreisrunden Haarausfall betroffen“, berichtet sie von den Erkenntnissen nach dem vierten Besuch in der Hansestadt, von dem sie vor Kurzem zurückkehrte.

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Weiter unterstreicht sie die enorme psychologische Wirkung bei den Patientinnen, die wieder unbeschwert in der Öffentlichkeit auftreten könnten. „Ich habe Geschichten gehört, die mehr als nur berühren. Jetzt verstehe ich, warum die Haarwerkstatt die Identitäten und Persönlichkeiten der Patientinnen so schützt“, sagt Eisenbarth.

Haare sind ein wertvoller Rohstoff

Es habe sich herausgestellt, dass viele Menschen ihre langen Haare, die sie sich irgendwann haben anschneiden lassen, daheim in den Schubladen lagern. „Dabei sind Haare ein sehr wertvoller Rohstoff“, meint Sara Eisenbarth. Umso mehr freut es sie, dass sich Menschen finden, die diese Erinnerungen für gemeinnützige Zwecke spenden und nicht den Weg über den Verkauf an diverse Agenturen gehen würden. „Ich hätte nie zu wagen gehofft, dass nach noch nicht mal drei Jahren heute die 700. Spende geleistet wird“, sagt Eisenbarth mit Blick auf Franziska Ziegler, kurz bevor sie den Rasierer einschaltet. „Franzi, du bist absolut mutig.“

Der jungen Frau aus Igling ist eine leichte Nervosität anzumerken. Auf die Nachfrage, ob sie die Spende wirklich tätigen wolle, bejaht sie das. „Ich habe es mir fest vorgenommen, es ist für mich ein Abschnitt im wahrsten Sinne des Wortes“, sagt Franzi Ziegler und lächelt. Hinzu käme, dass sie ein Kurzhaartyp sei und die Haare extra für die Spende haben wachsen lassen. „Ich habe jetzt noch etwas am Kopf, womit später ein Mensch glücklich wird. Das erfüllt mich mit gewissem Stolz“, sagt sie und fügt hinzu, dass sie mit der Spende die Leute auch zum Nachdenken über Alltägliches anregen wolle. „Heute ist der Tag endlich da. Auf geht’s.“

Nach 20 Minuten sind alle Haare abrasiert

Stückeweise rasiert Sara Eisenbarth die vorbereiteten Zöpfe vom Kopf. Nach 20 Minuten ist von den langen Haaren keiner mehr auf dem Kopf. Während der ganzen Zeit lehnt Franziska Ziegler den Blick in den Spiegel ab, erst nach getaner Arbeit betrachtet sie sich doch. Kurzes Schweigen, ein Lächeln. Mit leicht gerötetem Gesicht und weit geöffneten Augen schaut die junge Frau auf ihr verändertes Äußeres. „Irgendwie komisch, aber sehr gut“, sagt sie zu ihrer Freundin Elisabeth Ried, für die Franziska Ziegler aus Rücksicht auf die vor Kurzem gefeierte Hochzeit die Haare etwas länger getragen hatte. „Ich habe auch noch etwas“, sagt Elisabeth Ried und holt einen Zopf aus der Tasche, der im Zusammenhang mit ihrer Hochzeit anfiel. „Jetzt sind es 701 Haarspenden“, freut sich die Initiatorin von „Echt-Haarig“ und ergänzt: „Derzeit werden auch dringend graue Haare gesucht.“

Wer mehr über die Spendenaktion wissen will, kann Initiatorin Sara Eisenbarth unter der Telefonnummer 0160/94565370 kontaktieren.

Mehr zur Spendenaktion: Haare sind viel mehr als eine Kopfbedeckung

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