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Landsberg

05.09.2015

Der Dampfhammer arbeitete Tag und Nacht

Auf diesem Foto der Baustelle der Staustufe bei Pitzling sind unter anderem die Spundwände zu sehen.
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Auf diesem Foto der Baustelle der Staustufe bei Pitzling sind unter anderem die Spundwände zu sehen.
Bild: Christa Zwikirsch

Der Bau der Lechstaustufen während des Zweiten Weltkriegs erforderte großen Aufwand

Schon immer versuchten die Menschen die Kraft des Lechs zu bändigen und zu nutzen. In Landsberg war bereits 1886 in der Mühle von Michael Weishaupt eine Turbine installiert, von der aus Strom für zwei elektrische Bogenlampen am Hauptplatz geliefert wurde. Die Nutzung der Wasserkraft im großen Stil nahm vor dem Zweiten Weltkrieg Fahrt auf. Wegen des steigenden Strombedarfs der Rüstungsindustrie wurde innerhalb der bayerischen Staatsregierung und bei den großen Kraftwerkbetreibern der Bau neuer Werke diskutiert. Auch der Lech oberhalb von Augsburg sollte ausgebaut werden.

Am 26. Januar 1940 wurde die Bayerische Wasserkraft Aktiengesellschaft (Bawag) gegründet. Ein weiterer Vertrag übertrug der Gesellschaft die Konzession für 90 Jahre zum Ausbau des Lechs zwischen Füssen und Augsburg. Die neun Kraftwerke zwischen Schongau und Landsberg wurden alle nach dem gleichen Plan errichtet. Wehr und Kraftwerk bilden einen gemeinsamen Baukörper. Dabei handelt es sich um ein „Stauklappenwehr“ mit acht aufgesetzten Klappen von 76 Metern Gesamtbreite und vier Grundablässen; im Wehrkörper ist auch der Maschinenraum integriert. Die Werke leisteten pro Jahr bis zu 40 Millionen Kilowattstunden.

Zwischen Schongau und Landsberg gab es ein älteres Kraftwerk, das 1907 fertiggestellte Kanalkraftwerk Kinsau. Verhandlungen der Bawag mit der Firma Haindl in Schongau ab Dezember 1942 scheiterten, sodass dieser Bereich ausgespart werden musste. Für den Bau der Staustufen wurde 1940 in Landsberg die Oberbauleitung eingerichtet. Diese befand sich in einer Baracke am Hindenburgring die heute noch steht und zuletzt als Vereinsheim genutzt wurde.

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Im Sommer 1940 begannen an fünf Stufen die Arbeiten. Der Bau der Staustufen erforderte einen großen Aufwand an Material, Arbeits- und Maschineneinsatz. Nach dem Erwerb der Grundstücke für die Kraftwerksanlagen und für die Überschwemmungsflächen fanden die Vermessungsarbeiten statt, bei denen an den Bäumen des Talrandes die Wasserlinie der Stauseen markiert wurde. Die Baustellen mussten auf beiden Seiten des Lechs eingerichtet werden, dazu wurden zuerst Zufahrtsstraßen gebaut. Dann legte man Lagerplätze für das Material, Abstellplätze für die großen Baumaschinen und eine Fläche für die Kiesaufbereitung an.

Der Pitzlinger Müllermeister Heinrich Hiesinger (1904-1980) schreibt in seinen Erinnerungen über den Beginn der Bauarbeiten an der Stufe 14: „Wir sahen über dem Lech einen großen Bagger, der wochenlang schon eine Zufahrtsstraße in Richtung Lech baute. Auf unserer Seite waren Geometer und machten Verpflockungen. Wir konnten nichts erfahren, sie waren alle sehr schweigsam. Viele Baumaschinen wurden angefahren. Täglich kamen Autos mit dicken Herren drin und besichtigten das Bauwerk. Mit den Leuten hatten wir lange keinen Kontakt. Auf einmal kam mit einem Boot [von der anderen Lechseite] die „Invasion“. Sie feierten im Dorfgasthaus und wollten alle Quartier in Pitzling haben, was sie auch bekamen. Es waren lauter Maschinenführer. Es machte ihnen nichts aus, 16 Stunden am Tag zu arbeiten.“ Dass die Geometer „sehr schweigsam“ waren, passt dazu, dass in der Landsberger Zeitung kein einziger Bericht über die Großbaustellen am Lech zu finden ist. Wegen der „Kriegswichtigkeit“ war wohl Geheimhaltung angeordnet worden.

Zu den Baustellen verlegte man Starkstromleitungen. Das Baumaterial und später die Maschinenausstattung der Kraftwerke wurden mit der Bahn antransportiert und dann mit Lastwagen oder auch von Bauern der umliegenden Gemeinden zur Baustelle gebracht. Zu den Baustellen baute man Transportbrücken, teilweise mit Förderbändern. Benedikt Willig erinnert sich, dass man im Staubereich der Stufe 14 nach dem Abtragen der Humusschicht den Kies ausbaggerte und auf der Transportbrücke, einer Hängebrücke, über den Fluss beförderte, wo er zum Bau des Kraftwerksgebäudes verwendet wurde. Ein Betonfundament dieser Brücke findet man noch am Rand des Altwassers unterhalb des Kraftwerks.

Für den Kies und Materialtransport gab es Feldbahnen mit Loren und kleinen Dampfloks. In großen Betonmischern, angetrieben von Dampfmaschinen, wurde der Beton hergestellt. Die Bauarbeiten begannen jeweils mit der Herstellung einer Spundwand um den Bereich des späteren Kraftwerksgebäudes. Das Kiesbett des Lechs wurde innerhalb der Baugrube bis auf den Flinz abgetragen, diese musste mit Pumpen wasserfrei gehalten werden. Anschließend begannen die Schalarbeiten für die Beton- und Eisenbetonarbeiten. Wo möglich, schlug man gleichzeitig die Spundwände für die Dämme ein, betonierte den Dammfuß und begann mit der Aufschüttung. Heinrich Hiesinger berichtet, dass beim Einschlagen und Herausziehen der sechs Meter langen Eisenspundwandbohlen für den Damm mit einem Dampfhammer Tag und Nacht gearbeitet wurde.

Auf den Baustellen waren Facharbeiter beschäftigt, die in der Regel in den umliegenden Dörfern oder in Landsberg wohnten. Die Fremd- und Zwangsarbeiter sowie Kriegsgefangenen wurden den Firmen zugeteilt. Auch Zeitzeugen erinnern sich daran, dass außer den deutschen Facharbeitern viele Ausländer auf den Baustellen tätig waren. In der Nähe der Baustellen ließ die Bawag Wohnbaracken für die Unterbringung der Arbeiter, je eine Kantinenbaracke und Baracken für die Baustellenleitung aufstellen.

Dass man mit Luftangriffen auf die Baustellen rechnete bestätigt die Erzählung eines Zeitzeugen aus Dornstetten, dessen Familie die Rodung eines Waldstückes neben der Baustelle untersagt wurde, um den Sichtschutz zu erhalten. Die Stadt befürchtete eine Überflutungskatastrophe im Fall einer Bombardierung der Kraftwerke. Die Bawag musste deshalb den Wasserspiegel der Stufen 14 und 15 absenken.

Im Jahr 1943 waren erst die Arbeiten an vier Stufen abgeschlossen, die Kraftwerke Landsberg (15), Dornstetten (13), Lechmühlen (12) und Lechblick (11) nahmen die Stromlieferungen auf. 1944 gingen trotz der durch die Kriegssituation sich immer mehr verschärfenden Probleme auch die Stufen Pitzling (14) und Apfeldorf (9) ans Netz. Die fehlenden drei Stufen wurden erst nach Kriegsende vollendet.

1950 schlossen Staat und der Unternehmen einen Vertrag, in dem unter anderem festgelegt wurde, dass die Bawag die Konzession für den Lech zwischen Füssen und Schongau behielt. Nach dem Ende des Krieges wurden die Stufen 7, 8 und 10 fertiggestellt, dann folgte der Kopfspeicher Roßhaupten. Bei allen neuen Kraftwerken trennte man Wehr und Kraftwerkgebäude. Über die Staustufen führen befahrbare Straßen. Die Werke erhielten eine höhere Ausbauleistung. Nach dem Kopfspeicher baute man die fehlenden Stufen zwischen Füssen und Schongau. Dann begann der Ausbau des Lechs zwischen Landsberg und Augsburg mit Staustufen unter anderem in Kaufering, Scheuring, Schwabstadl und Prittriching. Zwei Kraftwerke sind im Plan der Bawag auch in Landsberg vorgesehen, im Lechwehr und bei Sandau. Planungen für den Einbau eines Kraftwerks im Lechwehr wurden nach Auseinandersetzungen mit einer Bürgerinitiative 1989 vorläufig aufgegeben. Als bisher letztes Kraftwerk wurde als Ersatz für das alte Kanalkraftwerk bei Kinsau 1992 ein neues Werk in Betrieb genommen.

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