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Dießen

26.01.2019

Der Mann, der mit der Kamera Geschichten erzählt

Kameramann Nicholas Wilke am Ammersee in seinem Heimatort Dießen.
2 Bilder
Kameramann Nicholas Wilke am Ammersee in seinem Heimatort Dießen.
Bild: Thorsten Jordan

Der Dießener Nicholas Wilke dreht für Fernsehproduktionen und stammt aus einer Künstlerfamilie. Seine Großmutter war die berühmte Lale Andersen. Ein Porträt.

Ein Mann, eine Kamera, ein Kamel. Nicht immer einfach. Nicholas Wilke ist beauftragt, in irgendeiner Wüste dieser Welt bewegte Bilder für eine Fernsehproduktion einzufangen. Tiere sind hier ein wichtiges Motiv. Aber nicht nur. Denn bei Reisen, Auslandsaufenthalten und Filmaufnahmen gehörten auch Schauspieler wie Robert Redford oder Julia Roberts zum Alltag. Der in Dießen aufgewachsene Kameramann führt ein abwechslungsreiches Leben. Seinen Lebensmittelpunkt hatte er jedoch bis auf ein paar Jahre immer am Ammersee. Ab 1996 führte er drei Jahre das Strandbad Riederau und im Sommer ist er fast täglich am Steg im Dießener Strandhotel zu finden.

Wie wird man Kameramann? Im Fall von Niki Wilke anfangs mit viel Chuzpe und einer gewissen Leichtigkeit, das Leben zu nehmen, die auch im Gespräch immer wieder aufblitzt. James-Bond-Filme hatten den heute 55-Jährigen als Teenager zu diesem Berufsziel inspiriert: „Schöne Strände und schöne Frauen und noch Geld dabei verdienen“, so stellte er sich diese Welt vor.

Ein bisschen Dreistigkeit verhalf ihm zu den ersten Jobs

Nach der Schule blieb er beim Berufswunsch Kameramann. Nach einem Praktikum im Filmschnitt in München ging er mit einem Touristenvisum nach Miami. Für eine Anstellung bei einer Filmfirma gab er einfach seine Münchner Telefonnummer als Sozialversicherungsnummer an. „Ich habe dort auch zumeist als Cutter, also im Schnitt gearbeitet und an den freien Tagen den Kameraleuten über die Schulter geschaut.“

Nach zweieinhalb Jahren wurde die Sache mit der Sozialversicherungsnummer zu heiß. Wilke ging 1989 zurück nach München, ausgestattet mit einer Visitenkarte als Kameramann mit Adresse in München und Miami, die Eindruck machte und einen Job brachte. „Ich war jung und ein bisserl dreist.“ Der Anfang als Freelancer war mühsam. Denn es galt, dass als Kameramann nur gebucht wird, wer 500 Drehtage vorweisen konnte. Also kaufte sich Wilke eine gebrauchte Kameraausrüstung für 60.000 Mark, die fortan gewissermaßen als Beleg dafür galt, dass er drehen konnte, wie er erzählt.

Robert Redford und andere Größen

Dem jungen Mann gelang es, sich das handwerkliche Know-how anzueignen und sich bei den Fernsehsendern einen Namen zu machen: „Ich reise wahnsinnig gerne“, sagt Wilke, so habe er sich mit der Zeit bei potenziellen Auftraggebern als „Reisekameramann“ etabliert – auch dank „fließend Englisch, ein bisserl Französisch“ und einer gewissen Weltgewandtheit. „Du musst offen sein und es vor Ort mit den Leuten können.“

Auch Kreativität ist gefragt, doch die ist Nicholas Wilke quasi in die Wiege gelegt: Seine Großmutter war Lale Andersen, die mit ihrem Lied von „Lili Marleen“ weltberühmt wurde. Nicholas Wilke erlebte sie als Kind ein paar Mal, sie starb jedoch 1972. Großvater Paul Ernst Wilke war Kunstmaler und Vater Michael Wilke Textdichter, Komponist und Musikverleger. Sohn Joshua folgt der Tradition und will zur Filmhochschule. Die Autogrammkarten prominenter Schauspieler, die der Vater mitbrachte, hängen im Zimmer des 21-jährigen an der Wand: Kurt Russel, Ben Kingsley, Jack Nicholson... „Ich war viel bei Filmfestivals und habe auch Hollywoodstars in München für Sony Picture betreut.“ Sprich, Nicholas Wilke war in der Hotelsuite, es gab Interviewslots von je zehn Minuten für deutschsprachige Medien, für die Wilke drehte.

Die Stars unterscheiden sich von den Sternchen

Die wirklich großen Stars seien bei solchen Terminen Profis, erzählt Wilke: „Robert Redford kam mit drei Hemden und fragte, welches er anziehen soll“, schildert er, wie ein Profi auch den Kameramann einbezieht. Beim amerikanischen Filmfestival in Deauville habe er auf einer Straße zufällig Denzel Washington und den Produzenten Jerry Bruckheimer gehen sehen und wollte dies als atmosphärische Bilder für den Festivalbeitrag festhalten. „Ich bin rückwärts auf der Straße gegangen und der Bodyguard hat mich geführt, damit ich nicht falle“, schildert er. Hollywoodgrößen wissen um die Bedeutung von Publicity und gehen damit professionell um. „Bei weniger bekannten kann man da andere Erfahrungen machen.“

Die jugendliche Vorstellung, dass Kameramann-Dasein nur Strand und Cocktails bedeuten, ist längst von der Realität eingeholt: „Es gibt Drehs, da falle ich abends tot ins Bett.“ Er erlebt auch Einsparungen bei den Fernsehsendern. „Früher konnte ich mehr Reportagen mit Substanz machen.“ Denn von Wilkes jungenhafter Nonchalance und der mit verschmitztem Lächeln vorgetragenen Bekenntnis, sehr gerne zu leben, sollte man sich nicht täuschen lassen. Dem Dießener sind nicht nur die Glamour-Termine wichtig, ihn beeindruckt es ebenso, mit einem Ärzteteam in Westafrika unterwegs zu sein und Mediziner zu filmen, die ihren Urlaub dort verbringen, um ehrenamtlich zu arbeiten. Oder mit einem Reisbauern in Indien in dessen Hütte zu sitzen. „Du kommst in Gegenden, da kommt kein Tourist mehr hin.“

Auch mit 55 Jahren ist da etwas Spitzbübisches

Und in gefährliche Situationen? „In Cottbus bei einer Reportage über Frauen in der rechten Szene.“ Die männlichen Neonazis waren von den Journalisten nicht so angetan und verfolgten das Team mit zwei Autos auf einen Waldparkplatz. Statt das Journalistenauto einzuparken, stellten sie sich jedoch daneben, die Journalisten entkamen. „Im Nachhinein war’s amüsant.“

„Ich lebe gerne und empfinde es als wahnsinnigen Luxus, dass mir diese Arbeit so viel Freizeit lässt, im Sommer am Strand zu sein.“ Die Ruhe am See ist der Gegenpol in diesem Leben – und das Netzwerk an Freunden, „die ich seit über 50 Jahren kenne“. Das klingt nach ruhiger Selbstreflexion – doch einige Sätze später bricht wieder diese jungenhafte Lust, die Welt zu entdecken, durch: „Du kannst Sachen machen, die darf kein anderer machen“ – Beispielsweise auf der Brücke eines Ozeanriesen stehen, bei einer Operation assistieren oder eine 737 fliegen...

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