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Erinnerungen

09.05.2015

Die „schwarze Farbe“ auf der Haut des Soldaten

Am 8. Mai 1945 feierten US-Soldaten am Hauptplatz in Landsberg und stellten ein abgeschossenes deutsches Flugzeug „Klemm 35“ zur Schau.
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Am 8. Mai 1945 feierten US-Soldaten am Hauptplatz in Landsberg und stellten ein abgeschossenes deutsches Flugzeug „Klemm 35“ zur Schau.
Bild: Stadtarchiv

Christel Kemény aus Landsberg war 22 Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Sie hat viel zu erzählen

An diese Begebenheit wird sich Christel Kemény wohl immer erinnern. Es war Ende April, Anfang Mai 1945 und die amerikanischen Soldaten schon in der Stadt. Ein „kohlrabenschwarzer“ GI hat es sich auf einem Poller vor der heutigen Musikschule bequem gemacht, als ein fünf bis sechs Jahre altes Mädchen vor ihm stehen bleibt. Vorsichtig und scheu nähert es sich dem Soldaten, befeuchtet seinen Zeigefinger mit der Zunge und versucht, die „schwarze Farbe“ von der Haut des Mannes zu putzen.

Christel Kemény ist 92 Jahre alt. Sie lebt heute im Betreuten Wohnen am Englischen Garten. Im hohen Alter hat sie noch gelernt, mit Computer und Internet umzugehen, damit sie mit ihren acht Kindern und den zahlreichen Enkeln und Urenkeln in Kontakt bleiben kann. Und Christel Kemény hat viel zu erzählen. Bei Kriegsende war sie 22 Jahre alt, kann daher vieles selbst berichten. Zudem hat sie die Tagebücher ihrer Eltern gelesen.

Ihre erste Erinnerung an das Kriegsende? „Die Tiefflieger“, sagt Christel Kemény und erzählt davon, dass sie mit dem Fahrrad zwischen Landsberg und Fürstenfeldbruck hin und her pendelte, weil sie als Praktikantin am dortigen Landwirtschaftsamt arbeitete. Mindestens zwei Mal habe sie sich samt Fahrrad in den Straßengraben geworfen, um von den Piloten nicht entdeckt zu werden. An den 27. April 1945, den Tag, an dem die Amerikaner nach Landsberg kamen, erinnert sich die 92-Jährige noch gut. Im Garten des Wohnhauses in der Von-Kühlmann-Straße 27 hatte die angehende Lehrerin für landwirtschaftliche Haushaltungskunde am Zaun zum Nachbargrundstück ein kleines Beet angelegt und Gelbe Rüben frisch angesät. „Die Soldaten stiegen über den Zaun und trampelten über mein frisch angelegtes Beet.“

Nur wenige Stunden zuvor hatte es „fürchterlich gekracht“. Die in der Stadt verbliebenden deutschen Soldaten hatten die beiden Lechbrücken gesprengt, als die US-Panzer anrollten. Danach kam es zu Schusswechseln, bei denen etwa 30 Soldaten und einige Zivilisten ihr Leben verloren, wie Anton Lichtenstern in seinem Buch „Landsberg am Lech – Geschichte und Kultur“ schreibt. Die amerikanischen Truppen überschritten den Lech durch die Staustufe 15 und besetzten die Stadt.

Zuvor hatten die Amerikaner die KZ-Außenlager im Westen der Stadt befreit. Ausländische Zwangsarbeiter und jüdische Überlebende kamen nach Landsberg und plünderten. Auch das Haus von Christel Kemény und ihren Eltern. „Sie haben meinen Vater bis auf die Haut ausgezogen“, erinnert sie sich. Er musste auch seinen Ehering hergegeben. Schon einige Tage vorher hatte Professor Willi Gradmann mit Frau und Tochter die letzte Flasche Rotwein getrunken. „Mein Vater sagte an diesem Abend, dass wir einer furchtbaren Zeit entgegengehen“, erzählt Christel Kemény. Ihr selbst stand das vielleicht schlimmste Erlebnis noch bevor.

Anfang Mai sollte sie in der heutigen Bäckerei Lahner in der Katharinenstraße Brot holen. Sie kam aber nur bis zum Postberg. Dort warteten die amerikanischen Soldaten und setzten wahllos Passanten in Lastwagen – auch die 22-Jährige. Die Lastwagen fuhren ins KZ-Außenlager nach Hurlach, das am Morgen des 27. April 1945 von der SS samt den nicht mehr gehfähigen Häftlingen in Brand gesteckt worden war. Christel Kemény sagt, sie habe Jahre gebraucht, bis sie über ihre Erlebnisse habe sprechen können. Sie beschreibt riesige ausgehobene Gräben und die vielen Leichen, die daneben lagen. „Wir mussten die Leichen in die Grube legen.“

Den ganzen Nachmittag seien die Landsberger damit beschäftigt gewesen, danach mussten sie zu Fuß zurück nach Hause. Weil ab 18 Uhr eine Ausgangssperre angeordnet war, hatte Christel Kemény Angst, auf dem Heimweg erschossen zu werden. Mit einer gleichaltrigen Frau stahl sie sich bis in die Stadt durch. Bis heute weiß sie nicht, wer ihre Begleiterin war.

Wenige Tage nach Kriegsende wurde Christel Keménys Vater Willi Gradmann verhaftet. Aus Angst um seine Familie habe er der Kreisleitung der NSDAP bei der Erstellung von Lokalnachrichten für Soldaten an der Front geholfen. Obwohl der Lehrer an der Oberschule ein Gegner der Nationalsozialisten gewesen sei. Erst drei Jahre später kam er wieder aus der Gefangenschaft nach Landsberg zurück.

"Seiten 25 und 26

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