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Dießen

10.09.2019

Eine Hebamme, die sich um Flüchtlingsfamilien kümmert

Angelika Killi ist Familien-Hebamme. Sie kümmert sich im SOS-Kinderdorf nahezu ausschließlich um Flüchtlingsfamilien. Der knapp zweijährige Mikas liegt ihr dabei besonders am Herzen.
Bild: Mareike Spielhofen

Angelika Killi hat im SOS-Kinderdorf Dießen einen ganz besonderen Job. Sie betreut als Familien-Hebamme hauptsächlich junge Flüchtlingsfamilien. Das ist nicht immer leicht.

Angelika Killi steigt aus ihrem Auto. Neben ihr sitzt eine junge dunkelhäutige Frau, die einen kleinen Jungen aus dem Kindersitz von der Rückbank holt. Die junge Frau ist die 25-jährige Yohana aus Eritrea, ihr Sohn Mikas ist fast zwei Jahre alt und in Deutschland geboren. Schon während der Schwangerschaft wurden Yohana und ihr gleichaltriger Mann Fithawi von Angelika Killi unterstützt. Denn sie ist als Familienhebamme beim SOS-Kinderdorf Ammersee-Lech angestellt: Schwangere, junge Mütter und Familien, die sich in belastenden Lebenssituationen befinden und eine intensivere Betreuung benötigen, werden zusätzlich zur regulären Hebammenbetreuung von ihr unterstützt.

90 Prozent ihrer Kunden sind Flüchtlingsfamilien

Angelika Killi ist 2012 vom ehemaligen SOS-Kinderdorfleiter Erich Schöpflin gefragt worden, ob sie sich diese Aufgabe vorstellen könne. Killi hat damals sofort erkannt: „Das liegt mir.“ So machte sie eine Zusatzausbildung und nahm die Stelle, angegliedert an die SOS-Frühförderstelle in Landsberg und damals noch zum Teil refinanziert durch das Jugendamt, an.

Angelika Killi ist als Hebamme selbstständiges Arbeiten gewöhnt und arbeitet auch als Familienheb-amme ganz individuell. „Wenn ich sehe, einer Familie geht es schlecht, dann bin ich auch mal mehrere Stunden am Tag da und versorge die anderen Kinder der Familie mit.“ Vor sieben Jahren wusste noch niemand so recht, in welche Richtung sich das Konzept beim SOS-Kinderdorf entwickeln würde.

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Doch dann kamen die ersten Flüchtlinge und mit ihnen auch der Familiennachzug. „Vor rund zweieinhalb Jahren war ich das erste Mal in Bischofsried bei einer schwangeren Flüchtlingsfrau.“ Heute sind rund 90 Prozent der von ihr betreuten Familien Flüchtlingsfamilien.

Um den kleinen Mikas kümmert sie sich besonders

Mikas hebt vorsichtig einen kleinen Stein auf, nimmt ihn fest in seine Faust und legt ihn Angelika Killi in den Schoß. Sie sitzt mit Mikas’ Mutter noch kurz auf der Terrasse zusammen. Die Familie wohnt zur Untermiete in einem alten Bauernhaus in Dettenschwang. Mikas kommt gerade von einem Untersuchungstermin. Schon während der Schwangerschaft wurde eine Herzarrhythmie festgestellt, nach der Geburt hatte er Haut- und Lungenprobleme. Für das junge Paar, das vor vier Jahren aus Eritrea über das Mittelmeer geflüchtet war, war das aufgrund der Sprach- und kultureller Barrieren eine Situation, die es stark verunsicherte und belastete. Angelika Killi unterstützte daher schon in der Schwangerschaft und auch nach der Geburt. Sie fuhr die Familie zu den Ärzten, erklärte die Medikamentendosierung, tröstete und nahm Ängste. Außerdem leitete sie in die Wege, dass Mikas einen Krippenplatz bekam.

Die Hebamme arbeitete auch schon in Brasilien

Ihre Arbeit geht weit über die normale Hebammentätigkeit hinaus. „Als Familienhebamme schaue ich mir das gesamte Familienkonstrukt an.“ Wenn ältere Kinder da sind, schaut sie, ob die schon mal beim Zahnarzt waren, ob sie geimpft sind, oder ihre U-Untersuchungen regelmäßig gemacht wurden. Angelika Killi ist daher für die Flüchtlingsfrauen eine wichtige Ansprechpartnerin und eine große Hilfe. Sprachbarrieren und kulturelle Unterschiede, unbekannte bürokratische Abläufe sowie die isolierte Lebenssituation in einem fremden Land ohne die eigene Familie führen zu großen Unsicherheiten. Mit Killis Hilfe haben aber nicht nur die Eltern, sondern auch die Kinder eine Chance, vernünftig in der Gesellschaft, die nun ihre Heimat ist, anzukommen und sich zurechtzufinden. „Diese Prozesse schubse ich mit an“, so Angelika Killi.

Schon seit 20 Jahren arbeitet sie im Umkreis von Dießen als Hebamme und ist sehr gut vernetzt. Außerdem hat sie in Brasilien, weitab von jeglicher Stadt, gearbeitet. „Ich habe dort in Hängematten ohne Strom Hausgeburten betreut.“ Sie weiß aus Erfahrung, dass sie Überzeugungsarbeit für die Abläufe in Deutschland leisten muss. „Dass das Leitungswasser bei uns für die Babys gut genug ist, muss ich den Frauen erst erklären.“ Nach sechs Jahren als Familienhebamme hat sie 52 junge Familien betreut.

Yohana, ihr Mann Fithawi und Mikas liegen Angelika Killi sehr am Herzen. Fithawi arbeitet derzeit als Lagerarbeiter. Für ihn ist es schwierig, von Dettenschwang ohne Auto wegzukommen. Der 25-Jährige übernachtet daher oft bei Freunden in Dießen, um überhaupt zu seiner Arbeitsstelle zu kommen. Yohana würde gerne eine Friseur- oder Konditorausbildung machen. Der größte Wunsch des jungen Paares ist es aber, eine kleine Wohnung in Dießen zu finden.

Angelika Killi unterstützt sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Wunder kann sie allerdings auch nicht vollbringen.

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