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Landsberg

06.05.2020

Kriegsende in Landsberg: Charles Baron sprang einem Amerikaner in die Arme

Ein 1948 auf Charles Baron ausgestellter Pass.
Bild: Familie Baron

Plus Der KZ-Häftling Charles Baron hat einen Zeitzeugenbericht vom Kriegsende im Landkreis verfasst. Wie es ihm und einem Mithäftling gelang, vor der SS zu fliehen und wer ihnen geholfen hat.

Charles Baron war Auschwitz-Überlebender. Am 25. Oktober 1944 wurde er von dort ins KZ-Außenlager Kaufering II und VII gebracht. Die „Association Fonds Mémoire d’Auschwitz“ (AFMA) hat dem Landsberger Tagblatt eine Übersetzung aus Barons Buch „Aus dem Gefängnis meiner Erinnerungen“ zugesandt. Der Generalsekretär der AFMA, Charles G. Leniger, berichtet, dass Baron, der im Jahr 2016 starb, den 27. April 1945, an dem er der SS entkam, als „Geburtstag“ betrachtete. In seinen Erinnerungen erzählt er von seiner Flucht und seinem Retter aus Pestenacker.

„Don’t cry little Frenchy, don’t cry – Weine nicht, kleiner Franzose, weine nicht“, ist das Kapitel überschrieben, in dem Charles Baron seine Flucht beschreibt: Und eines schönen Tages, als die amerikanischen Truppen immer näher rückten, beschlossen sie (die Deutschen, Anm. d. Red.), uns an einen anderen Ort zu bringen... Wir wurden in Züge gesteckt. Der Zug, in dem ich war, bestand zum Teil aus Wagen, die dem Transport von Erz dienten, und Waggons ohne Dach, was mein Leben rettete... Mit einem Freund, ein Deportierter wie ich, nutzten wir die Gelegenheit bei einem amerikanischen Angriff zu flüchten...wir stolperten über die Jungs, die vor uns lagen, und begannen zu rennen. Man musste den Mut haben, sich zu retten. Die SS schrien uns an, stehen zu bleiben, die Kapos schrien uns an, wieder in die Waggons zu steigen. Wir rannten einfach weg, wir waren ein paar, nicht viele, aber ein paar die es wagten. Wir rannten, bis wir in einen Wald kamen.

Nach der Flucht konnte er nicht einschlafen

Wir hatten Wunden an unseren Füßen, im Wald haben wir unsere Füße mit Wasser gewaschen. Mein Freund, Dr. Fred Seydel, der Arzt war, hatte es geschafft, von Ärzten aus dem Lager eine Salbe zu bekommen, mit der wir unsere Füße einrieben. Er legte sich hin und schlief ein. Ich lag neben ihm, aber ich fand keinen Schlaf ... Am Ende meiner Kräfte war ich in Versuchung, mich zu ergeben. Es gibt einen Moment, an dem man nicht mehr kann. Ich war 18 Jahre und acht Monate alt, ich war kein erfahrener Mann. In diesem Moment habe ich meinen Freund gesehen, der ruhig schlief. Es gab ein Prinzip im Lager: Jeder ist für sein eigenes Leben verantwortlich, keiner darf für den anderen entscheiden oder handeln und ich habe mir gesagt, wenn ich mich ergebe, wird er auch wieder gefangen. Wir hatten nicht darüber gesprochen, er hatte nicht vor wieder gefangen zu werden, so bin ich still geblieben. ...

Wir sind in ein kleines Dorf gelangt, Pestenacker. Wir hatten Hunger. Ich sagte zu meinem Freund Fred: „Lass uns zum Pfarrer gehen, wenn er uns nicht hilft, wird er uns nicht verraten, das ist nicht seine Aufgabe als Pfarrer.“ Trotz heftigen Klopfens, blieben die Türen verschlossen... Als wir die Treppe runter gingen, sahen wir zwei Männer in ziviler Kleidung und einen in Kaki-Uniform. Wir dachten, es ist vorbei, aber einer der Männer in Zivil sagte uns: „Nun, hör zu, die Amerikaner werden morgen hier sein, wir werden Euch verstecken, bis sie hier sind.“ ...

Charles Baron (rechts) und seine Frau (Zweite von rechts) am Grab von Paul Seyrer in Pestenacker.
Bild: Familie Baron

Der Kerl in Uniform fasste in seine Jacke, und mein Freund sagte mir: „Es ist vorbei für uns! Es ist vorbei, aber schließlich war es der Versuch wert ... Wir dachten, er würde uns erschießen. Doch dann zog er seine Hände aus seiner Jacke und hatte in jeder ein Stück Speck, das er uns zu essen gab. Der Bauer, der am besten gekleidet aussah, war der Bürgermeister (Paul Seyrer, Anm. d. Red.), er sagte uns: „Morgen werden die Amerikaner ankommen, es wird für euch vorbei sein. Wir werden euch verstecken und wir werden euch zu essen geben.“

Was er getan hat. Er versteckte uns drei Tage lang. Wir lagen im Stroh über dem Stall. Er hat uns Weißbrot und warme Milch gebracht. Unsere Lagerkleidung wurde im Misthaufen versteckt und nachdem wir gebrauchte Kleider bekommen hatten, sind wir in unser Versteck im ersten Stock der Scheune zurückgekehrt. Für uns hatte das Ende des Krieges begonnen ...

Der Soldat sagte: "Don't cry little Frenchy"

Am Morgen des dritten Tages – wir schliefen noch im Stroh – kam der Bauer und rief freudig: „Die Amerikaner, die Amerikaner“... Ich hatte die Kraft in die Arme eines Amerikaners der VII. Armee zu springen. Ich klammerte mich an ihn und er sagte ununterbrochen in Englisch „ Don’t cry little Frenchy, don’t cry – weine nicht, kleiner Franzose, weine nicht.“ Ich weinte viel ...

Charles Baron war später Präsident der „Association Fonds Mémoire d’Auschwitz“. Er kam im Jahr 2008 nach Landsberg und besuchte auch die Orte des ehemaligen Konzentrationslagerkommandos Kaufering. In Pestenacker legte Charles Baron mit seiner Familie ein Blumengebinde am Grab seines ehemaligen Retters nieder.

Ein Interview mit der Historikerin Edith Raim zum Kriegsende 1945 lesen Sie hier: KZ Dachau: "Es schwebte immer der Tod über den Köpfen der Häftlinge"

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