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Landsberg

30.09.2016

„Mahlers Musik hat Sucht-Potenzial“

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Johannes Skudlik nutzt oft die Landsberger Stadtpfarrkirche für seine Konzerte. Ob hier auf dem Archivbild von Julian Leitenstorfer beim „Te Deum“ oder nun aktuell nächste Woche mit der Mahler-Synphonie.
Bild: Leitenstorfer

Johannes Skudlik spricht darüber, warum die Musik des Komponisten gut in eine Kirche passt

Am Sonntag, 9. Oktober, dirigiert Johannes Skudlik in der Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt Gustav Mahlers 3. Symphonie. Darüber sprach das Landsberger Tagblatt mit dem künstlerischen Leiter der „Landsberger Konzerte“.

Herr Skudlik, Mahlers 3. Symphonie ist jetzt bereits das dritte Werk des Komponisten, das Sie innerhalb von fünf Jahren in Landsberg aufführen. Warum das?

Skudlik: Es gab bisher jedes Mal einen konkreten Anlass. 2011 war Mahlers 100. Todestag, da passte seine „Auferstehungssymphonie“ so gut. 2014 war Herkomers 100. Todestag und in Landsberg wurde ein Herkomer-Jahr begangen, da passte die Verbindung Herkomer - Richard Strauss - Gustav Mahler, die ja alle miteinander in Kontakt standen, ebenfalls zur Fünften. Und jetzt eben die Dritte, ohne äußeren Anlass. Es ist einfach wunderbare Musik.

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Was fasziniert Sie denn so an Mahler?

Skudlik: Mahlers Tonsprache ist ungeheuer dicht und vielschichtig, ganz dem spätromantischen Erbe verpflichtet und dennoch, für seine Zeit, unerhört neu. Mahler hat sich ja selbst als „Zeitgenosse der Zukunft“ bezeichnet. Außerdem spricht aus seinen Werken, bei aller handwerklichen Meisterschaft in der Form, eine Emotionalität, die einem direkt ans Herz greift, also mir zumindest.

Hätte man nicht erwartet, wenn man sieht, dass Sie doch auch viel Bach aufführen, und in der Kirche auch häufig die klassischen Komponisten, Mozart, Beethoven, Haydn…

Skudlik: Diese Musik liebe ich ja deswegen nicht weniger. Bach ist und bleibt ein Wunder, mit dem man sich ein Leben lang beschäftigen kann. Aber speziell die Emotionalität, die mich bei Mahler so anzieht, steht bei Bach und auch bei den Klassikern nicht so im Vordergrund. Die hatten ein ganz anderes musikalisches Programm. Bach orientierte sich z.B. an der musikalischen Rhetorik des Barock, und schuf damit, streng nach den damals geltenden Regeln, eine Ausdrucksweise, die natürlich auch berührt, aber auf ganz andere Art. Das kann man nicht miteinander vergleichen. Beides ist auf je eigene Weise genial.

Seit wann beschäftigen Sie sich mit Mahler?

Skudlik: Eigentlich seit dem Studium und auch später immer wieder. Aber um diese Werke zu dirigieren, war ich früher wahrscheinlich einfach zu jung.

Da muss man hineinwachsen. Als Dirigent habe ich mich über die Romantiker an ihn herangetastet. Meinen ersten Mahler, die 4. Symphonie, habe ich schon vor vielen Jahren in Rumänien dirigiert. Seitdem bin ich sozusagen süchtig. Das bestätigen mir auch befreundete Dirigenten. Mahlers Musik hat Sucht-Potenzial.

Und passt Mahlers Musik in eine Kirche?

Skudlik: Und wie! In der Kirche klingt sie nicht nur schöner, sondern wirkt meiner Meinung nach viel intensiver als in jedem Konzertsaal. Natürlich ist Mahlers Musik keine Kirchenmusik im strengen Sinne, aber es ist eine durch und durch religiöse Musik, sozusagen „Glaubensmusik“.

Wie meinen Sie das?

Skudlik: Mahler war ja jüdischer Abstammung, ist aber mit 37 Jahren zum Katholizismus konvertiert. Die Spannung zwischen jüdischer Messias-Erwartung und christlicher Auferstehungsfreude zieht sich durch alle seine Werke. Abgesehen davon weiß man aus vielen überlieferten Gesprächen und Briefen, dass Mahler ein sehr spiritueller Mensch war und sein Leben lang um Glaubensgewissheiten gerungen hat.

Bei der 2. Symphonie mit dem Titel „Auferstehungssymphonie“ ist das einleuchtend. Aber wie ist das bei der Dritten?

Skudlik: Auch die 3. Symphonie hat ein ganz klares spirituelles Programm: Mahler wollte eine Stufenleiter der Natur darstellen, quasi eine Schöpfungsgeschichte, von der unbelebten Natur über die Pflanzen und Tiere bis hin zum Menschen. Dort, beim Menschen und seinem irdischen Dasein, bleibt er aber nicht stehen, sondern zielt weiter, über die Engel bis hin zum letzten Satz, der - ohne Worte - von der Liebe Gottes zu den Menschen handelt.

Dafür scheut er keinen Aufwand und herausgekommen ist das größte symphonische Werk der Musikgeschichte.

Was ist mit „größte“ gemeint?

Skudlik: „Größtes symphonisches Werk“ bezieht sich auf die Dauer, nämlich rund 100 Minuten. Dann auch auf die Besetzung. Das Orchester verlangt neben den Streichern einen riesigen Bläserapparat, zwei Harfen, ein Schlagwerk, das von sieben Musikern bedient wird, nicht zuletzt Glocken für den Engelsgesang. Bei der Größe des Chors allerdings hat Mahler sich später noch übertroffen. Seine 8. Symphonie heißt „Symphonie der Tausend“.

Frauenchor und Kinderchor sind angekündigt.

Skudlik: Ja, die Frauenstimmen aus verschiedenen Landsberger Chören kommen für dieses Projekt erstmals als „Landsberger Frauenchor“ zusammen, einstudiert von Marianne Lösch. Der „Landsberger Kinderchor“ ist ebenfalls mit dabei. Dazu kommen etwa 30 Knaben der „Wiltener Sängerknaben“. Über meinen Füssener Kollegen Albert Frey, der bei den Wiltenern seit einiger Zeit Stimmerzieher ist, kam der Kontakt zustande und ich freue mich auf ihre Mitwirkung.

Passen so viele Leute überhaupt in den Chorraum der Stadtpfarrkirche?

Skudlik: Nur das Orchester ist vorne platziert. Der Frauen- und Kinderchor singt oben von der Empore. Von dort hört man sie viel besser, als wenn der Chor hinter dem Orchester steht, das ist akustisch in unserer Kirche schwierig. Es wird eine enorme Klangwirkung haben. Bei der Aufführung im letzten Jahr mit Berlioz und Saint-Saens hat der Einsatz der Orgel von oben schon einen so unwiderstehlichen Zusammenklang mit dem Orchester vorne bewirkt. Das wird diesmal nicht anders sein. Nur dass eben jetzt Stimmen von der Empore erklingen. Der Chor steht in Mahlers Dritter ja auch für den Engelsgesang.

Darüber hinaus gibt es auch eine Solo-Stimme.

Skudlik: Ja, eine wunderbare Alt-Partie. Häufiger als Sopran setzt Mahler eine Alt-Stimme solistisch ein, er war offenbar von der Wärme der tieferen Lage angetan. Ich freue mich, dass die Mezzosopranistin Stephanie Irányi erneut zugesagt hat.

Wir kennen uns seit vielen Jahren, und sie singt inzwischen große Partien in der ganzen Welt. Sie macht gelegentlich auch Ausflüge ins Sopran-Fach und konnte das bei uns in Landsberg zuerst ausprobieren. Sie ist eine wunderbare Sängerin, die Verständigung mit ihr klappt sozusagen blind.

Planen Sie noch weitere Mahler-Symphonien in den nächsten Jahren?

Skudlik: Erst einmal nicht.

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