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Die Kirche darf nicht länger ein Männerbund sein

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Kommentar Von Daniel Wirsching
06.02.2019

Die katholische Kirche befindet sich in einer tiefen, selbst verschuldeten Krise. An Wegen in die Zukunft fehlt es dennoch nicht. Doch die erfordern Mut.

Innerhalb der katholischen Kirche brennt es gerade an allen Ecken – und Papst Franziskus sowie Bischöfe oder Pfarrer kommen nicht hinterher damit, die Brandherde einzudämmen. Sie kommen nicht hinterher damit, zu beteuern: Wir haben verstanden.

Aber haben sie das wirklich? Kirchenverantwortliche, etwa in Deutschland, taten in der Vergangenheit alles dafür, dass Zweifel bleiben und Skepsis angebracht ist. Und so ist das weitaus größere Problem, das der Kirche neben der Vielzahl an Skandalen nun verstärkt zusetzt: Katholiken verlieren den Glauben an diese moralische Institution, an ihr Personal und mitunter auch an Gott.

Studie zeigt immensen Vertrauensverlust

Wie groß der Vertrauensverlust ist, zeigte erst kürzlich eine Studie. Der zufolge erwägen vier von zehn deutschen Katholiken den Austritt aus der Kirche. Befragt wurden sie im Jahr 2017 und damit bevor weitere Missbrauchs- und Finanzskandale öffentlich wurden. Man kann also annehmen, dass eine aktuellere Befragung noch verheerender ausfallen würde.

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Die Kirche befindet sich in einer tiefen, selbst verschuldeten Krise. Einer Krise, die mit jedem Skandal tiefer wird. Und an Skandalen mangelt es ihr beileibe nicht. Allein in den vergangenen Tagen wurde bekannt, dass die Finanz-Affäre im Bistum Eichstätt im offensichtlich jahrzehntelangen Machtmissbrauch einer Kleriker-Clique gründet. Das Bistum Gurk in Österreich erstattete Selbstanzeige wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung. Und Papst Franziskus räumte ein, dass Priester und Bischöfe Ordensfrauen missbrauchten – und dass dies „immer noch getan“ werde. Er sprach vor Journalisten gar von „sexueller Sklaverei“. Ein Zitat, das tags darauf von der vatikanischen Pressestelle abgeschwächt wurde.

Nur Bedauern reicht nicht!

Gleichwohl sind seine Aussagen spektakulär. Nicht so sehr, weil er über ein Thema sprach, das etwa vor 18 Jahren weltweit für Schlagzeilen sorgte. Sondern weil er sich selbst unter Druck setzte. Am 21. Februar beginnt in Rom ein viertägiges Bischofstreffen, ein „Missbrauchsgipfel“. Aus Bischofskreisen hörte man bereits die Frage, was das Treffen bringen könne. Natürlich müsse etwas geschehen, nur was? Nur wie? Nach seinen jüngsten Aussagen wird vom Papst nun mehr erwartet als weitere Worte der Scham und des Bedauerns.

Was die katholische Kirche dringend braucht, hat Franziskus immerhin längst erkannt: weniger Klerikalismus. Über Jahrhunderte hat sich ein System verfestigt, in dem Geistliche im Namen des Herrn nahezu unkontrolliert agieren konnten. Es ist ein männerbündlerisches System, das eine Wagenburgmentalität befördert und Machtmissbrauch begünstigt. Machtmissbrauch wiederum ist der Schlüssel zum Verständnis der Missbrauchs- und Finanzskandale. Daraus folgt keinesfalls, dass Kleriker pauschal verdächtig sind oder verdächtigt werden dürfen.

Das System muss aufgebrochen werden

Was daraus aber folgen muss, ist die Erkenntnis, dass es an ihnen liegt, dieses System aufzubrechen. Indem sie sich öffnen. Der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke zum Beispiel hat damit begonnen. Er hat gegen Widerstände hochrangige Geistliche aus der Bistumsleitung gedrängt, setzt auf externen Sachverstand, Kontrolle und Transparenz. Er kann sich eine Frau als Amtschefin, als Verantwortliche für die Bistumsverwaltung, vorstellen. Im Erzbistum München und Freising ist so ein Schritt schon ab dem Jahr 2020 vorgesehen.

Ob Hanke der Richtige ist, um einen der größten Finanzskandale der katholischen Kirche in Deutschland zu bewältigen, wird sich zeigen. Fest steht, und das gilt für die Kirche insgesamt: Es fehlt nicht an Wegen in die Zukunft. Es fehlt immer noch an Kirchenverantwortlichen, die sie zu gehen bereit sind.

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