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Mindelheim

26.03.2020

Corona: Blick hinter die Kulissen der Mindelheimer Klinik

Die Mindelheimer Klinik appelliert, zuhause zu bleiben. Nur so kann die Infektionskurve möglichst flach gehalten werden.
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Die Mindelheimer Klinik appelliert, zuhause zu bleiben. Nur so kann die Infektionskurve möglichst flach gehalten werden.
Bild: Kirsten Boos

Plus Das Krankenhaus erwartet einen Patientenansturm. Ein Chefarzt erklärt, warum die nächsten Wochen für den Pandemie-Verlauf entscheidend sind.

Man spürt in diesen Tagen die Verunsicherung der Bevölkerung. Was rollt da auf uns zu? Während in Supermärkten um Klopapierrollen gestritten wird, treffen die Mediziner am Mindelheimer Krankenhaus Vorkehrungen, damit das Gesundheitssystem in den kommenden Wochen nicht zusammenbricht. Aber bei allem Katastrophenmanagement: Die Pfleger und Ärzte, also die, die im Ernstfall die erkrankten Menschenmassen versorgen müssten, sind vor allem auf eines angewiesen: die Vernunft der Bürger. Wir haben mit den Mitarbeitern des Mindelheimer Krankenhauses gesprochen.

Chefarzt: Bald eine deutliche Zunahme an Corona-Patienten im Unterallgäu

Dr. Manfred Nuscheler, ärztlicher Direktor und Chefarzt für Anästhesie und Intensivmedizin im Mindelheimer Krankenhaus, sagt zu den Corona-Fällen im Unterallgäu: „Wir sind statistisch noch im flacheren Teil der Kurve.“ Das könne sich jederzeit ändern. Nuscheler rechnet in zwei bis drei Wochen mit einer deutlichen Zunahme an Corona-Patienten in seiner Klinik.

Im Mindelheimer Krankenhaus starb am Dienstag ein Patient an der Lungenkrankheit Covid-19. Es handelt sich um einen 67-Jährigen, der erhebliche Vorerkrankungen hatte und zwei Wochen lang intensivmedizinisch behandelt worden war.

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Zweiter Corona-Todesfall im Mindelheimer Krankenhaus

Am Mittwoch vermeldete das Landratsamt einen weiteren Corona-Todesfall im Unterallgäu. (Lesen Sie auch: Update: Zweiter Patient im Unterallgäu stirbt an Corona-Virus)

Vier infizierte Patienten werden derzeit in Mindelheim stationär betreut, hinzu kommen einige Verdachtsfälle. Die geringe Zahl der Corona-Patienten sei jedoch nur eine Momentaufnahme, so Nuscheler.

Das Krankenhaus hat die Kapazität an Intensivbetten mit Beatmungsgeräten von vier auf elf erhöht. Diese Zahl sei für eine kleine Klinik wie das Mindelheimer Krankenhaus sehr hoch, sagt der Anästhesist, der in diesen Tagen vor allem für die Intensivmedizin zuständig ist. Mittelfristig werden zusammen mit den anderen drei Standorten im Allgäuer Klinikverbund etwa 100 Beatmungsplätze für schwer erkrankte Corona-Patienten eingerichtet.

Alle planbaren Behandlungen im Unterallgäu sind verschoben

Das übergeordnete Ziel sei es, alle Patienten, die ins Krankenhaus müssen und eine Beatmungstherapie brauchen, aufzunehmen. „Wir wünschen uns nicht den Moment, an dem unsere Kapazitäten überlastet werden.“ Der Moment könne aber kommen, sagt Chefarzt Nuscheler. Aktuell arbeiten in Mindelheim 48 Ärzte und 237 Pflegekräfte im Schichtbetrieb. Prophylaktisch wurden planbare Behandlungen und Operationen verschoben, um Kapazitäten freizuhalten „Wir haben ja weiterhin die nicht planbaren Ereignisse wie Geburten oder Knochenbrüche.“

Damit der Albtraum der Mediziner, eine Behandlung von der Überlebenschance der Patienten abhängig machen zu müssen, nicht eintrifft, sei die staatlich verhängte Ausgangsbeschränkung ein Schlüsselmoment. Denn klar ist: Je niedriger die Infektionsrate gehalten werden kann, desto größer sind die Chancen , alle schwer Erkrankten zu versorgen. Die medizinischen und personellen Möglichkeiten der Krankenhäuser stehen nicht bis ins Unendliche zur Verfügung.

Mitarbeiter appellieren: "Bleibt ihr für uns Zuhause!"

Um die Bevölkerung in dieser Krisenzeit zu sensibilisieren, hat das Mindelheimer Krankenhaus wie viele andere Kliniken ein Foto veröffentlicht. „Wir bleiben für euch hier! Bleibt ihr für uns Zuhause!“, steht auf Plakaten, das sieben Krankenhausmitarbeiter in die Kamera halten. Vielen Bürgern sei der Ernst der Lage nicht bewusst, sagt Martin Mendel, Fachkrankenpfleger in der Anästhesie. „Die Leute sehen die Konsequenzen erst dann, wenn sie krank sind.“

Was die Solidarität angeht, gehen die Pfleger und Ärzte mit einem weiteren guten Beispiel voran: Es herrsche große Bereitschaft unter den Kollegen, erklärt Mendel. So wurden etwa Urlaubstage verschoben, um besser aufgestellt zu sein, sollte die Patientenzahl schnell steigen. Auch medizinisches Fachpersonal im Ruhestand wurde bereits angefragt, im Notfall mitzuhelfen. „Da machen alle mit.“

Der Umgang mit gefährlichen Keimen ist nicht neu

Regina Thoma, Leiterin der OP-Pflege, erklärt, sie verspüre bei der Arbeit keine Angst. „Ich vertraue unserem Gesundheitssystem.“ Der Umgang mit gefährlichen Keimen und Viren sei für sie nicht neu. Allenfalls seien die Sinne geschärft, sagt Thoma. In ihrem privaten Alltag habe sich nichts geändert – auch bei ihrem Einkaufsverhalten nicht. „Ich mache keine Hamsterkäufe.“

Bei aller Zuversicht der Mitarbeiter des Krankenhauses: Sie sind nicht davor gewappnet, selbst an Corona zu erkranken. Nuscheler erklärt: „Vielleicht hat ein infizierter Patient ganz andere Symptome und es entsteht ein ungeschützter Kontakt.“ Derzeit würden Listen von Mitarbeitern angelegt, die einen direkten Kontakt untereinander haben.

Oberstes Gebot ist, den Klinikbetrieb aufrechtzuerhalten

So können sie für den Fall in häusliche Quarantäne geschickt werden. Und was würde passieren, wenn die isolierten Pfleger und Ärzte dringend in der Klinik gebraucht werden? „Dann holen wir die Mitarbeiter zurück und sie müssen Schutzkleidung tragen.“ Nuscheler sagt, oberstes Gebot sei es, den Klinikbetrieb aufrechtzuerhalten.

Lesen Sie auch unseren Kommentar zu diesem Thema: Kommentar zu Corona-Helden: Danke sagen reicht nicht!

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