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Mindelheims höchster Arbeitsplatz

13.05.2015

Dem Himmel ganz nah

Manfred Hauk an seinem Arbeitsplatz in 80 Metern Höhe über dem Grund. Der Mindelheimer ist Kranführer bei der Firma Glass.
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Manfred Hauk an seinem Arbeitsplatz in 80 Metern Höhe über dem Grund. Der Mindelheimer ist Kranführer bei der Firma Glass.
Bild: Johann Stoll

Manfred Hauk hat einen luftigen Job. Sein Arbeitsplatz liegt in 80 Metern Höhe, und da gibt es gewisses Problem

Der Polier der Firma Glass weiß, was in solchen Fällen zu tun ist. Im Wilden Westen hätte man solche Besucher wohl Greenhorn, Grünschnabel, genannt. Kommt mit grauer Bürohose, Hemd und Krawatte auf die Baustelle. Na dann. Dem Büromenschen drückt er einen roten Schutzhelm mit der Aufforderung in die Hand, ihn am besten gleich aufzusetzen. Ist Vorschrift. Dazu gibt es eine knallgelbe Warnweste. Auch die muss sein auf dieser Großbaustelle im Süden Mindelheims, wo die Weltfirma Grob derzeit ihre neue Firmenzentrale baut.

Dann mustert der freundliche Mann die Schuhe. Es ist ein kritischer Blick. Sie finden Gnade. Scheinen ein ausreichend tiefes Profil zu haben und festen Tritt zu garantieren. Passt. Die Fototasche, rät er noch, solle ich doch möglichst auf dem Rücken tragen, weil sonst die Gefahr zu groß ist, dass etwas herausfallen könnte. Und dann blickt er mich von der Seite an und stellt die eine alles entscheidende Frage. „Schwindelfrei sind Sie doch?“

Ja, ähm schon. So schlimm wird das ja wohl nicht werden, denke ich mir. Der Kranführer geht den Weg schließlich auch jeden Tag rauf und runter. Was sind schon 80 Meter. Ist doch nicht viel. Dann blicke ich nach oben, und denke, oh, doch ein ganz schönes Stück Wegs bis zum Himmel, den ich da vor mir habe um zu Mindelheims höchst gelegenem Arbeitsplatz zu kommen.

Den Riesenkran der Firma Glass haben manche schon zum neuen Wahrzeichen der Kreisstadt ausgerufen. Nachts ist das beleuchtete Symbol des Aufschwungs von Mindelheim besser zu sehen als die Mindelburg.

Ein gelbes Warnschild empfängt mich gleich beim Beginn des Aufstiegs. „Gefahr durch Kran! Unbefugter Aufstieg verboten! Berechtigte zuvor Kranführer verständigen“. Das Ganze steht auch auf Englisch und Französisch auf dem Schild. Scheint doch nicht ganz so ungefährlich zu sein, dieser Besuch. Diese Himmelfahrtsgeschichte wird doch nicht zum Himmelfahrtskommando werden?

Auf steilen Metallleitern geht es nach oben, Schritt für Schritt. Ein mühsames Geschäft ist das. Nach 15 Stufen kommt ein Zwischendeck, das aus einem Metallgitter besteht. Mit jeder Zwischenetage, die ich vorankomme, scheint das Gitter dünner und durchsichtiger zu werden. Ist natürlich nicht so. Aber jetzt bloß nicht mehr nach unten schauen. Ich bin doch schwindelfrei, habe ich gesagt.

Auf halber Strecke der insgesamt 16 Etagen zieht leichter Wind auf. Der grüne Kran scheint leicht zu wanken. Rede ich mir sicher nur ein. Alles in Ordnung, nur schnell weiter rauf, und immer schön festhalten. Vor allem: nicht nach unten schauen.

Mache ich dann aber doch irgendwann – und bin begeistert. So habe ich die Gegend noch nie gesehen. Im Süden der Blick auf die Bergkette der Allgäuer Alpen, im Norden die Altstadt und davor all die Industrie- und Bürobauten der Firma Grob, die plötzlich gar nicht mehr so riesig wirken wie von der Allgäuer Straße aus. Auch im Osten ist viel Grob zu sehen bis hin zu den Parkplätzen.

Manfred Hauk erwartet mich schon. Er hat in seinem Regiesessel Platz genommen in einer Kabine, die einen atemberaubend schönen Rund-um-Blick bietet. Nur am Eingang hat er eine Art Vorhang angebracht. Soll gegen die Hitze helfen, die unweigerlich kommen wird.

An diesem Tag ist es erträglich. 16, 17 Grad hat es draußen trotz des Sonnenscheins nur. Der 45-jährige Mindelheimer ist schon ein paar Stunden oben. Im Radio läuft leise Hintergrundmusik. Mit Funk ist er mit der Bodenstation verbunden. Das ist dort, wo Hauk die schweren Lasten zentimetergenau abliefert.

Vor ein paar Tagen musste der Kranführer pausieren. Da blies der Wind viel zu stark. Bei mehr als 72 Stundenkilometern darf der Kran nicht mehr betrieben werden. Da kann das Gestänge oben schon mal drei Meter hin und her schwanken. Heute sind es nur 2,8 Stundenkilometer, es ist also fast windstill. Seit einem Vierteljahrhundert bedient Hauk immer wieder mal Kräne. Aber einen so hohen wie derzeit, hatte er noch nie. Ihm macht das nichts aus, sagt er. Auch der Blick in die Tiefe bereitet ihm keinen Schwindel.

Dabei ist er alles andere als einer, der unbedingt Höhenluft braucht. Bergsteigen tut er nicht. Hauk ist fest in Mindelheim verwurzelt, wo seine Familie mit den drei Kindern lebt. Oben gibt es einen kleinen Kühlschrank für die Getränke. Aber ansonsten: kein Luxus, nichts, obwohl er dem Himmel doch so nah ist. Auch eine Toilette sucht man vergeblich. Wie macht er das, 13 Stunden an Bord? Die Frage habe er erwartete, sagt Hauk. Aber er gibt keine Antwort. „Lass Dir was einfallen“, scherzt er. Thema durch.

Bis September ist der Riesenkran noch nötig, um das fast 50 Meter hohe Bürogebäude fertigzustellen. Jeden Arbeitstag heißt es für Manfred Hauk 230 Stufen morgens rauf und 230 Stufen abends wieder runter. Wer in den Himmel will, muss sich anstrengen. (jsto)

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