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Unterallgäu

11.04.2011

Der Sprung in ein neues Leben als Schäferin

Ein einfaches Leben: Die Schäferin von Haselbach, Verena Pröbstl, mit einem Schaf im Arm und einer Schafherde im Hintergrund. Die 54-Jährige hat 22 Mutterschafe und 22 Lämmer unter ihren Fittichen.
Bild: Foto: Frieder

Verena Pröbstl, die „Schäferin von Haselbach“, lebt ihr einfaches Leben gerne.

Noch bevor es zu den Schafen geht, nimmt die Schäferin von Haselbach, ihre Besucherin an der Hand und sagt eifrig: „Ich muss Ihnen was zeigen!“ Nach dem Weg durch ein verwirrendes Labyrinth von Fluren, Türen und Treppen öffnet sich eine Eisentür, und unversehens findet man sich auf der luftigen Tenne des alten Haselbacher Bauernhauses wieder. Hier ist es dämmrig. Oben sieht man die Dachziegel, tief unten sind Stall, Lager und Werkstatt zu ahnen, und nach vorne geht der Blick ungehindert ins Leere, in ein Gewirr staubiger Balken.

Mit dem Tanzboden hat sie sich einen Traum erfüllt

Hier hat Verena Pröbstl (54) ihren Tanzboden eingerichtet und sich damit einen Traum erfüllt. „Träume hab ich viele“, erzählt sie fröhlich. „Ein Beduinenzelt mit vielen Teppichen hätt ich gern. Und eine riesengroße Wellnessbadewanne.“ Sie weist auf die eine, voll verspiegelte Wand: „Da kann ich mir beim Tanzen zuschauen“, sagt sie befriedigt. Legt eine CD ein. Und mit einem Mal füllen rhythmische Klänge den Raum bis in den letzten Winkel.

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Verena Pröbstl beginnt unvermittelt zu tanzen. Sie ist ganz bei sich, ohne Scheu vor der Besucherin, und sichtlich ohne einen Gedanken an ihre schmuddeligen Latzhosen und klobigen Arbeitsschuhe. In einem solchen Aufzug hätte sie früher nicht zur Arbeit kommen dürfen. Damals, in ihrem anderen Leben, war die studierte Betriebswirtin in einer Münchner Bank beschäftigt. „Es war keine schlechte Zeit“, sagt sie. „Ich habe gut verdient, hatte nette Kollegen. Aber nach dem Landleben hab ich mich immer gesehnt.“ Als die Bank übernommen wurde, entließ man sie „mit einem goldenen Händedruck“.

Das finanzielle Polster half ihr, den Sprung in ein neues Leben zu wagen. Mit ihrem Lebensgefährten ließ sie sich 1998 zunächst in Fultenbach bei Dillingen nieder und erwarb dann 2005 das Bauernhaus in Haselbach mit Acker und Wiesen.

In Fultenbach hatte sie einen Schäfer als Nachbarn. Sie stellte sich einfach in seine Tür und sagte: „Ich möcht gern Schafe halten, aber ich weiß nicht, wie’s geht.“ Beim Aufbau ihrer Herde erlitt sie einige bittere Rückschläge.

Und nicht nur dort, sondern auch privat. Ihr Lebensgefährte, schwerer Alkoholiker, erschoss sich 2007 quasi vor ihren Augen. „Ich selber hab mit therapeutischer Hilfe grad noch die Kurve gekriegt. Heute trink ich keinen Tropfen mehr.“ Inzwischen ist Verena Pröbstl fest verwurzelt im neuen Leben. Sie hat 22 Mutterschafe, 22 Lämmer, einen Bock, 40 Schlachthasen, fünf Katzen, drei Hunde, acht Enten. Die wollen alle untergebracht, gepflegt und gefüttert werden. „Die Schafe sind Feinschmecker“, erklärt sie. „Sie lieben Zwiebeln, Äpfel und Tomaten.“ Sie kennt jedes einzelne Schaf, seinen Charakter und seine Vorlieben. Sie hat festgestellt, dass Schafe sehr gelehrig und Menschen bezogen sind. Das Schlachten für den Eigenbedarf bewältigt sie selber. Sie tut es nicht gern. „Aber was hilft das ganze Geheule. In der Natur ist der Tod ständiger Begleiter.“

Mit Romantik hat das alles nicht das Geringste zu tun

Mit Romantik hat das alles nichts zu tun, mehr mit harter Arbeit und Verzicht auf alles, was einen Durchschnittsdeutschen ausmacht: Ausgehen, Reisen, Wohnkomfort, gute Kleidung ... Wovon lebt sie eigentlich? „Das frag ich mich manchmal selber“, sagt Verena Pröbstl. „Meine Reserven gehen langsam zur Neige. Was ich mit meinen zwei Händen schaffen kann, das ist mein Maß.“

Und das ist nicht wenig. Sie erteilt Hausaufgabenhilfe an der Hauptschule in Kirchheim und geht an zwei Tagen in der Woche in eine Bäckerei zum Putzen. In Möbeln vom Sperrmüll habe sie sowieso schon immer gewohnt, gibt sie unumwunden zu. Sie ist Mitglied beim dem Augsburger sozialen Zentrum „contact“. Dort arbeitet sie mit, vom dortigen Second-Hand-Lager bekommt sie fast alles, von Kleidung über Feuerholz bis zu Brot- und Gemüseabfällen für die Tiere. „Ich lebe jetzt so, wie ich immer wollte“, erklärt sie. „Die Natur und die Tiere, das ist meine Liebe. Manchmal treff ich mich mit den alten Kollegen in München. Wenn ich dann heim komm, weiß ich wieder, worum es geht im Leben.“

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