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Unterallgäuer Pilger berichten

04.04.2016

„Der zweite Tag ist am schlimmsten“

Prächtige Ausblicke auf die Alpengipfel gibt es auf dem Weg nach Flüeli immer wieder. Eine beeindruckende Kulisse für Wanderpausen oder ein kurzes Gebet.
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Prächtige Ausblicke auf die Alpengipfel gibt es auf dem Weg nach Flüeli immer wieder. Eine beeindruckende Kulisse für Wanderpausen oder ein kurzes Gebet.
Bild: Maier

Pilgern kann zur Herausforderung werden. Es ist aber auch Erholung für Körper, Geist und Seele, sagen Vier, die es wissen müssen. Sie erzählen, warum sie sich auf den Weg machen – und warum alte Zeitungen dabei sehr nützlich sind

Das ist kein Pappenstiel – aber auch nicht wirklich schlimm, wie Susanne Sirch (47) aus Mörgen, Isolde Siller (53) aus Nassenbeuren, Werner Botzenhart (46) aus Dirlewang und Josef Neumann (64) aus Lauchdorf glaubhaft versichern. Zumindest sind alle Vier „Wiederholungstäter“ und auch heuer wieder mit spürbarer Vorfreude dabei: Werner Botzenhart dann schon zum 18. Mal, Josef Neumann zum 12. Mal.

„Ich bin ja nicht gerade der sportliche Typ“, sagt er und greift sich lachend an den Bauch, der nicht eben von Askese zeugt. Aber das ist ohnehin so ein Klischee: Der ausgemergelte Pilger, der sich unter der Last der eigenen Frömmigkeit gramgebeugt und Rosenkranz-leiernd zum Wallfahrtsort schleppt. Es mag ihn zwar geben, aber die vier Pilger des Landvolks gehören unter Garantie nicht dazu. Fröhlich und lebenslustig wirken sie, gläubig, aber nicht fromm. Und selbst mit dem Glauben ist das so eine Sache:

Josef Neumann ist zu seiner ersten Wallfahrt regelrecht überredet worden. „Damals war mir Gott eher fern“, gibt er zu. „Das ist erst allmählich wieder zurückgekommen. Da hat sich der Glaube wieder entwickelt.“ Auch Werner Botzenhart sagt, dass er beim ersten Mal „ein Stück weit auf der Suche war“ – so wie viele, die sich mit auf den Weg machen und zum Teil nicht einmal getauft sind.

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Und es gibt Teilnehmer wie Susanne Sirch, die sich mit der Wallfahrt einfach eine kleine Auszeit vom Alltag nehmen wollen – und damit schon mal ein bisschen Verwunderung ernten. Denn wäre da ein Wellness-Hotel mit Rundum-Verwöhn-Service nicht die bessere Wahl anstatt sich jeden Morgen um drei Uhr aus dem Bett zu quälen, um pünktlich um vier loszumarschieren? Susanne Sirch schüttelt nachsichtig den Kopf: „Die Wallfahrt ist Wellness für Körper, Geist und Seele.“ Und Isolde Siller ergänzt: „Die Kombination macht’s. Das kann einem kein Wellness-Hotel bieten.“ Die Gemeinschaft mit den anderen Pilgern nicht, die alle vier als einmalig bezeichnen, und auch nicht das Gefühl, über sich selbst hinausgewachsen zu sein.

Jeder Tag sei ein kleiner Sieg. Und am zweiten, da ist es mitunter sogar ein großer. „Der zweite Tag ist am schlimmsten“, sagt Werner Botzenhart. Weil nach dem ersten Tagesmarsch jeder Muskel schmerzt und die Frage naheliegt: „Warum tust du dir das eigentlich an?“ Aber am dritten, beruhigt Josef Neumann, „da muss man die Schuhe festbinden, damit sie nicht allein weiterlaufen“. Und für den Fall, dass sie das nicht tun sollten, gibt es ja immer noch die Gruppe, etwa 80 Gleichgesinnte, die einen im übertragenen Sinne mitträgt. Unterwegs wird viel geredet – und auch das tue gut: zu hören, wie andere mit ihrem Leben umgehen. Manchmal sei das fast wie ein Gebet. Und natürlich gibt es auch das „richtige“ Gebet, den Rosenkranz zum Beispiel, zweimal am Tag. Der sei beim Pilgern längst „kein so Geleier“ wie oft in der Kirche, könne aber auch wie ein Mantra über die Strecke hinwegtragen. Höhepunkt jedes Tages ist der abendliche Gottesdienst am Etappenziel. „Da kann man spüren, wie lebendig Kirche sein kann“, schwärmt Werner Botzenhart. „Die haben so viel Schwung.“

Damit der eigene im Laufe der Wanderung nicht auf der Strecke bleibt, rät er, ein zweites Paar Schuhe mitzunehmen, falls das erste nass geworden ist oder drücken sollte. Josef Neumann hat für diesen Fall immer ein paar alte Zeitungen im Gepäck, um die Schuhe damit auszustopfen. Die sollten unbedingt groß genug und gut eingelaufen sein. Daneben kann ein gescheiter Regenschirm Gold wert sein und Isolde Siller empfiehlt, die Füße schon im Voraus daheim gut zu pflegen und auf die Tagesmärsche vorzubereiten.

Sie wird das Wallfahrtsabzeichen mit ihrem Namen heuer an einer braunen Schnur tragen und so für die anderen als erfahrene Pilgerin erkennbar sein. Die Anfänger starten als „Weißbändel“, aber das ist dann wirklich das einzige Unterscheidungsmerkmal. „Weil Titel oder so was sind ganz egal“, sagt Isolde Siller. „Das bleibt alles zuhause.“ Wenn die Wallfahrt zu Ende ist, sind die Abzeichen fast so etwas wie Medaillen, „eine ganz besondere Auszeichnung“, sagt Isolde Siller. Und das Zeichen dafür, dass sich das Training gelohnt hat.

Für alle, die sich für die Fußwallfahrt nach Flüeli interessieren bietet die KLB am Donnerstag, 7. April, einen unverbindlichen Infoabend an. Treffpunkt ist in der Burggaststätte Mindelheim. Die Veranstaltung beginnt um 20 Uhr.

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