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Geschichte

14.11.2013

„Die NS-Zeit in Mindelheim muss unbedingt aufgearbeitet werden“

Im Mai 1992 erinnerte man sich bei einer Veranstaltung an die jüdische Familie Liebschütz. Bis letztlich die Gedenktafel errichtet wurde, dauerte es noch zwei Jahre. Jetzt könnten „Stolpersteine“ an das Schicksal von Unterallgäuer Juden erinnern.
Bild: Johann Stoll

Bürgermeister Winter: Im Heimatmuseum soll Abteilung über das Dritte Reich geschaffen werden.

Es ist noch keine zehn Jahre her, da erklärten einflussreiche Persönlichkeiten aus Mindelheim hinter vorgehaltener Hand eine umfassende Aufarbeitung der NS-Zeit in Mindelheim für „noch nicht reif“. Andere zeichnen bis heute die Kreisstadt gerne in rosaroten Farben. Nationalsozialismus in Mindelheim? Aber nicht doch. War doch eine schöne Zeit damals in der Hitlerjugend.

Schicksal von Jakob Liebschütz und seiner Familie berührt

Der 75. Jahrestag der Reichspogromnacht vom 9. November und das Schicksal der jüdischen Familie Liebschütz haben jetzt offenbar für Bewegung gesorgt. Auf Anfrage der Mindelheimer Zeitung erklärte Bürgermeister Stephan Winter schriftlich: „Die NS-Zeit in Mindelheim muss unbedingt aufgearbeitet werden. Das traurige Schicksal, das der Familie Liebschütz widerfahren ist, soll nicht in Vergessenheit geraten.“

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Die Stadt Mindelheim will daher das Buch von Berndt Linker über Geschichte Mindelheims im 20. Jahrhundert finanziell unterstützen, in dem auch die Zeit des Nationalsozialismus thematisiert wird. Diese Zusage ist neu.

Das Werk dürfte aller Wahrscheinlichkeit nach im neuen Jahr erscheinen. Linker hofft allerdings, dass sein Verlag noch vor Weihnachten mit dem 450 Seiten starken Buch erscheinen kann.

Im neuen Heimatmuseum will die Kreisstadt laut Winter eine Abteilung „Mindelheim im Dritten Reich“ schaffen. Nähere Angaben über die Beschaffenheit dieses Teilmuseums machte die Stadt nicht. Im Stadtarchiv sind laut Archivar Andreas Steigerwald nur noch wenige Dokumente aus der Zeit zwischen 1933 und 1945 erhalten geblieben. Dort wurde gegen Kriegsende offensichtlich systematisch heikles Material vernichtet.

Jakob Liebschütz, den die Nationalsozialisten zwangen, sein Textilgeschäft in der Maximilianstraße (heute O2-Laden) aufzugeben und der in die USA emigrieren konnte, ist 1994 mit einer Gedenktafel an der Gruftkapelle geehrt worden. Die Initiative hatte damals Ingrid Friedrich ergriffen, die im Herbst 1991 zur Ortsvorsitzenden der SPD gewählt worden war. Friedrich hatte den damaligen Chefredakteur der Augsburger Allgemeinen, Gernot Römer, nach Mindelheim eingeladen. Dieser hatte das Buch „Der Leidensweg der Juden in Schwaben“ verfasst und war darin auch auf Mindelheim zu sprechen gekommen. Die Einladung an Römer war 1991 von mehreren Parteien ausgesprochen worden. CSU, Freie Wähler und Grüne machten mit, erinnert sich Ingrid Friedrich. Die Veranstaltung fand dann am 12. Mai 1992 in Mindelheim statt.

Schon auf dieser Veranstaltung war gefordert worden, Liebschütz mit einer Gedenktafel zu ehren. Es dauerte dann aber noch bis 1994, bis es soweit war. „Wir haben da immer wieder anmahnen müssen“, sagt Friedrich heute.

Bürgermeister Winter hält es für denkbar, neben der Gedenktafel an der Gruftkapelle, die an die Familie Liebschütz erinnert, auch sogenannte „Stolpersteine“ für die während der NS-Zeit ermordeten Juden zu schaffen. Über diese ebenen Platten „stolpert“ der Passant gedanklich und erinnert sich somit an das schlimme Schicksal, das der Familien widerfahren ist. „Dies wird deutschlandweit so gehandhabt. Vor der Ludwig-Maximilians-Universität am Münchner Geschwister-Scholl-Platz beispielsweise erinnern Stolpersteine an die Studenten der Weißen Rose, die hingerichtet wurden“, erklärt Kulturamtsleiter Christian Schedler. Ob und wo die Steine angebracht werden, müsse der Stadtrat entscheiden.

Im Rathaus hängen sämtliche Porträts der Mindelheimer Bürgermeister – mit einer Ausnahme. Das Bild von Friedrich Kellner (1937 bis 1945 Bürgermeister der Stadt Mindelheim) im Rathaus, wurde entnommen und durch den Hinweis ersetzt, dass während der Zeit des nationalsozialistischen Unrechtregimes keine demokratisch legitimierten Wahlen zum Bürgermeisteramt stattfanden.

Bürgermeister Kiefersauer „von Nazis schwer bedrängt“

Verwickelt in die Zeit des Dritten Reiches war auch Friedrich Kiefersauer, der von 1925 bis 1937 Bürgermeister der Stadt Mindelheim war. Sein Porträt hängt weiterhin im Rathaus. Kiefersauer sei in einer demokratisch legitimierten Wahl gewählt worden, heißt es in einem Antwortschreiben der Stadt. Laut Aussage von Berndt Linker wurde dieser „honorige und konservative Mann von den Nazis schwer bedrängt, verfolgt und musste Gehaltskürzungen hinnehmen“.

Die Nazis hätten versucht, ihn loszuwerden, seien jedoch an seinem Vertrag nicht vorbeigekommen. Nach der Beendigung des Vertrags im Jahr 1937 hatte Kiefersauer existenzielle Probleme. Linker sagte gegenüber der MZ: „Kiefersauer blieb nichts anderes übrig, als in die NSDAP einzutreten, um zu überleben.“ Im Zuge des Entnazifizierungsprozesses sei Kiefersauer entlastet worden.

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