Newsticker

Pflicht-Corona-Tests: Einreisende aus Risikogebieten müssen sich ab Samstag testen lassen
  1. Startseite
  2. Lokales (Mindelheim)
  3. Diese Polizisten verhandeln in brenzligen Situationen

Mindelheim

29.01.2020

Diese Polizisten verhandeln in brenzligen Situationen

Beim SEK-Einsatz in Mindelheim am vergangenen Sonntag war auch die Verhandlungsgruppe des Polizeipräsidiums vor Ort.
2 Bilder
Beim SEK-Einsatz in Mindelheim am vergangenen Sonntag war auch die Verhandlungsgruppe des Polizeipräsidiums vor Ort.
Bild: Julian Leitenstorfer Photographie/Symbolbild

Bei Suizidgefahren und Bedrohungen wie beim Großeinsatz am Sonntag in Mindelheim kommt die Verhandlungsgruppe der Polizei ins Spiel.

Ein Familienstreit eskaliert – der Täter hat sich mit einer Geisel verbarrikadiert und droht sie umzubringen. Die Polizei steht vor verschlossenen Türen, die Lage kann jederzeit aus dem Ruder laufen. Was sich anhört wie eine Szene aus einem Action-Film, wurde für Rainer Fuhrmann oft Realität. Der 59-jährige Erste Polizeihauptkommissar leitete von 2010 bis 2019 die Verhandlungsgruppe des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West. Er rückte mit seinem Team immer an, wenn es brenzlig wurde. Etwa 20 Einsätze hat die Gruppe im Jahr. Zuletzt waren Fuhrmanns Kollegen am vergangenen Wochenende in Mindelheim vor Ort, als ein vermeintlicher Selbstmörder drohte, sich in die Luft zu sprengen. (Mehr über den Großeinsatz erfahren Sie hier: SEK-Einsatz: Mann droht, sich in die Luft zu sprengen)

Ziel dieser Einheit ist es, den Kontakt zum Täter herzustellen und ihn zum Aufgeben zu bewegen. Familiäre Streitigkeiten, die eskalieren, machen dabei etwa die Hälfte aller Einsätze aus, schätzt Fuhrmann. Ein weiterer Großteil der Einsätze sind Suizidgefahren. „Dann versuchen wir demjenigen zu zeigen: Das Leben ist lebenswert“, sagt der Memminger. „Man kann mit der halben Welt zerstritten sein – es gibt trotzdem immer jemanden, dem man wichtig ist.“ Dies kann zum Beispiel auch ein Haustier sein, das sein Herrchen oder Frauchen vermissen würde.

Im Teamwork versuchen die Polizisten Informationen über den "Täter" zu bekommen

Doch um solch einen emotionalen Zugang zu der jeweiligen Person zu finden, muss sich die Verhandlungsgruppe erst die entsprechenden Informationen beschaffen. Hier ist Teamwork gefragt: Während der Sprecher der Verhandlungsgruppe den Kontakt zum „Täter“ aufbaut, versuchen die anderen Teammitglieder, mehr über denjenigen herauszufinden – beispielsweise, indem sie Angehörige oder Freunde befragen. Jede Information kann in dem Moment wichtig sein – selbst, wenn es nur der Lieblings-Sportverein ist: „Ich hatte schon Fälle, wo wir wussten, derjenige ist zum Beispiel Bayern-Fan“, erinnert sich der Polizist. Über dieses Gesprächsthema sei es dann gelungen, Empathie aufzubauen und die Situation letztlich zu entschärfen.

Diese Polizisten verhandeln in brenzligen Situationen

So dramatisch wie die Fälle manchmal auch waren: Gerade die Herausforderung war es, die Fuhrmann immer an dieser Aufgabe gereizt hat, wie er selbst sagt. „Am Anfang blocken sie fast alle ab und möchten nicht mit uns sprechen.“ Doch irgendwie fand er mit seinem Team immer einen Weg, um den Draht herzustellen. Manchmal müsse man sich eben was einfallen lassen: „Wir nutzen zum Beispiel auch soziale Medien.“

Die Polizisten der Verhandlungsgruppe sind fast immer erfolgreich bei ihren Einsätzen

Auch wenn das Team in etwa 95 Prozent der Fälle erfolgreich ist, gebe es immer wieder Einsätze, die den Polizisten nahegingen, erzählt Fuhrmann. Er erinnert sich zum Beispiel an einen Fall, bei dem eine Kollegin fast zwei Stunden mit einer suizidalen Person gesprochen hat, die sich am Ende doch erschoss. „Natürlich überlegt man dann: Was habe ich falsch gemacht? Hätte ich anders vorgehen müssen? Aber wenn ich nicht in der Lage wäre, manches auch abzuhaken, dann könnte ich meinen Job nicht machen.“ Das gelte auch für seine hauptamtliche Tätigkeit als Leiter der Autobahnpolizei Memmingen, bei der er regelmäßig mit tödlichen Unfällen konfrontiert werde.

Ein besonders ungewöhnlicher Einsatz wird ihm jedoch für immer in Erinnerung bleiben: 2012 gab ein Memminger Schüler mehre Schüsse in der Lindenschule ab und floh. „Damals war die ganze Stadt in Aufruhr, man wusste lange gar nicht, wo er sich aufhielt.“ Das SEK spürte ihn nach mehreren Stunden auf dem Steinheimer Sportplatz auf. Dort spitzte sich die Lage zu: „Es war schon heftig – er hat auf Polizisten geschossen“, erinnert sich Fuhrmann. Die Waffe richtete der Schüler schließlich auch gegen sich selbst. Die Verhandlungsgruppe schaffte es aber, über den Außenlautsprecher eines gepanzerten Fahrzeugs Kontakt zu dem Jungen aufzunehmen. „Das Problem daran war: Er hat uns gehört, aber wir ihn nicht“, sagt Fuhrmann. Die Beamten haben ihm deshalb ein Funkgerät hingelegt, welches der Bub nahm. So konnte der gegenseitige Kontakt hergestellt und die Situation unblutig beendet werden.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren