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Memmingen

27.02.2020

Eine der modernsten Besamungsstationen Europas ist in Memmingen

Der sechsjährige Braunviehbulle Ag Hudson beim Absamen in der neuen Rinderbesamungsstation.
Bild: Wilfried Bager

Springende Stiere und tiefgefrorener Samen sind in Hitzenhofen nichts Ungewöhnliches. Ein Einblick in eine besonders moderne Besamungsstation.

Von Neu-Ulm im Norden bis Oberstdorf im Süden, von Wasserburg am Bodensee bis nach Türkheim : Auf zahlreichen Bauernhöfen in einem Großteil des Allgäus und darüber hinaus lassen die Landwirte ihre Kühe mit Sperma aus Memmingen besamen. Genauer gesagt aus Hitzenhofen , denn dort bezog die Rinderbesamungsstation im November ihre neuen Ställe. Verwaltung und Samenlager zogen vom alten Standort an der Buxheimer Straße nur etwa einen Kilometer weiter in die Karatas-Straße im Gewerbegebiet Nord.

Wie eine der nach eigener Aussage „modernsten Besamungsstationen Europas “ arbeitet, erläuterten Geschäftsführer Konrad Bischof und Stationstierärztin Dr. Manuela Günther anhand des sechsjährigen Stieres „Ag Hudson“. Der Bulle gibt in Hitzenhofen zweimal wöchentlich seinen Samen (ein bis zehn Milliliter) in eine künstliche Scheide ab. Dies geschieht, indem er auf ein Phantom springt. Die gepolsterte Metallkonstruktion ähnelt dem Rücken einer Kuh. Besonders anspruchsvollen Stieren werden sogenannte Untermänner, meist gutmütige Original-Braunviehstiere, zum Aufspringen zur Verfügung gestellt.

Der Samen der Stiere wird mit Eigelb und Glyzerin verdünnt

Im Labor untersuchen Mitarbeiter den Samen auf Dichte und Massenbeweglichkeit, verdünnen ihn mit Eigelb und Glyzerin und füllen ihn in beschriftete Kunststoffröhrchen ab. Langsam herabgekühlt und schließlich in Minus 196 Grad kaltem, flüssigem Stickstoff tiefgefroren ist er nahezu unendlich haltbar. Pro Sprung produziert ein Stier zwischen 77 und 1024 Sperma-Portionen. Seit einigen Jahren ist es in Speziallaboren möglich, die Spermien per Gleichstrom so zu trennen, dass mit 95-prozentiger Sicherheit bei der Befruchtung ein gewünschtes weibliches (zur Zucht) oder männliches Kalb (zur Mast) entsteht.

Eine der modernsten Besamungsstationen Europas ist in Memmingen

Transportiert wird der Samen ausschließlich in isolierten Containern, gefüllt mit flüssigem Stickstoff. In dem Verbreitungsgebiet zwischen Ulm und Oberstdorf kümmern sich etwa zehn Prozent der Landwirte (Eigenbestands-Besamer) selbst um die Belegung ihrer Tiere. In 40 Prozent der Fälle werden die Tiere vom Hoftierarzt und in 50 Prozent von Besamungstechnikern besamt: Hierzu wird das Samenröhrchen in warmem Wasser aufgetaut, aufgeschnitten und der Samen über eine Pipette im Uterus des Rindes platziert.

Eine DNA-Probe des Kalbes dient dazu, die künftige Vererbungsleistung zu beurteilen

Während die Station bis zum Jahr 2011 ihre interessanten Stiere auf der Zuchtvieh-Auktion erworben hat, erfolgt der Ankauf der Kälber heute fast ausschließlich aufgrund des Gesamt-Zuchtwertes (Milchleistung und Fitnessmerkmale je zur Hälfte). Zur Beurteilung der künftigen Vererbungsleistung wird aus dem Ohr des Kalbes eine kleine DNA-Probe (Geno-Typisierung) entnommen. Diese sagt vorher, welche Eigenschaften in Leistung (Milchleistung/Inhaltsstoffe), Exterieur (Größe/Aussehen) und Gesundheit (Fitness) von den Nachkommen erwartet werden können.

Laut Bischof treffen diese genetischen Vorhersagen mit einer Sicherheit von rund 65 Prozent später auch tatsächlich ein: Etwa wie viel Milch die Nachkommen des Stieres geben, wie alt sie werden oder wie lange ihre Zitzen ausgebildet sind, was besonders bei automatisierten Melkanlagen wichtig ist. Lag der Schwerpunkt früher auf Milchleistung, rücken heute Fitnessmerkmale, wie Euter und Klauengesundheit immer weiter in den Züchtungsfokus.

"AG HUDSON" gehört zu den gefragten Stieren

Gute Zuchteigenschaften brachten auch die Eltern von „AG HUDSON“ mit, die deshalb gezielt gepaart wurden. Die "Alpengenetik eG ", die EU-weit größte Braunvieh-Besamungsgenossenschaft, kaufte das damals dreimonatige Stierkalb wegen seines geschätzten Zuchtwerts auf und zog ihn in einem der vier Zuchtbetriebe groß. Neun Monate später kam er nach der Körung (Bewertung) in den Quarantänestall und nach zahlreichen Gesundheitsuntersuchungen 30 Tage später in den Produktionsstall.

Als Prüfstier produzierte er zunächst 1000 Samendosen. Bevor er regelmäßig zur Zucht eingesetzt wurde, musste er vier Jahre warten – bis seine Töchter wiederum ihre ersten Kälber bekamen. Bei ihnen überzeugten die verbesserten Leistungen, sodass er in den Regeleinsatz kam. Gefragte Stiere bleiben dann noch bis zu fünf Jahre lange auf der Station.

Weil ein Besamungsstier keine „umgängliche Kuh“ ist, darf er nicht auf die Wiese zum Grasen: Jeder hat in dem Produktionsstall eine mit Stroh ausgestreute Einzelbox mit Sichtkontakt zum Nachbarn.

Eine Gruppenhaltung für Stiere sei grundsätzlich nicht geeignet, sagt Konrad Bischof

Da ein Bulle immer sein Revier verteidigen will, ist er laut Konrad Bischof für die Gruppenhaltung grundsätzlich nicht geeignet: „Sie wollen immer den Ranghöheren anfechten!“

Elf Boxen haben jedoch einen fest umzäunten Freilauf zwischen Produktions- und Wartestall. Ältere, die mehr Bewegung, Sonneneinstrahlung oder frische Luft brauchen, dürfen hier ins Freie gehen. Günther : „Es ist durchaus möglich, dass sich die frische Luft auch positiv auf die Spermaqualität auswirkt!“

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