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Neujahrsempfang

13.01.2012

Erfrischend ungemütlich

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Sylvia Kink, Julian Freisinger, Christopher Geist, Florian Hilpold und Sebastian Vetter unterhielten als „5 ohne Namen“ mit humorigem A-cappella-Gesang.

Festredner Martin Wölzmüller regt mit streitbaren Gedanken zur Heimat zum Nachdenken an

Mindelheim Es hätte ein so gemütlicher Abend werden können: Man hätte sich in die roten Plüschsessel im Mindelheimer Stadttheater zurücklehnen, der wunderbaren Musik der Jugendkapelle II und des A-cappella-Ensembles „5 ohne Namen“ lauschen und so einen geruhsamen Neujahrsempfang der Stadt Mindelheim verleben können. Hätte – wenn Bürgermeister Dr. Stephan Winter nicht schon in seiner Neujahrsansprache angedeutet hätte, dass beruhigtes Zurücklehnen die Gefahr des Zurückfallens birgt – und daraufhin Festredner Martin Wölzmüller das Wort übergab.

„Heimat: Die Welt in Reichweite“ lautete der Titel seines Referats und der Geschäftsführer des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege und damit sozusagen oberste Heimatpfleger Bayerns machte schnell klar, dass er es den Zuhörern – Vertretern aus Wirtschaft, Politik, öffentlichen Einrichtungen und Vereinen – damit nicht gemütlich machen will. Keine „Trachtenknöpf“ wolle er vorzählen, sondern auf die „Welt im Kleinen“ eingehen, „die Welt um Sie herum“.

Und in der, daran ließ Wölzmüller in seinem ebenso leidenschaftlichen wie streitbaren Vortrag keinen Zweifel, gebe es einigen Handlungsbedarf. So reiche es etwa nicht aus, es bei dem frommen Wunsch „Gott segne unsere Heimat“ zu belassen, wie auf der Mindelburg zu lesen ist, sondern man müsse selbst aktiv werden. „Es braucht unseren Willen und unsere Bereitschaft. Wenn wir uns nicht einsetzen, wird’s irgendwann keinen Grund mehr geben, die Bayernhymne zu singen oder das Allgäulied ,Eiser Ländle‘, das wir vorher gehört haben.“

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Heimat sei nämlich „nicht nur Blasmusik und Dreigesang, nicht nur Tradition und gute alte Zeit“, sondern sie brauche auch Arbeitsplätze, Verkehrswege, kurz: eine gewisse Infrastruktur. „Heimat geht weiter als die Vorstellung von trauter Stube, in die man sich zurückziehen kann. Heimat ist keine Folkloreveranstaltung.“

Ganz in diesem Sinne wetterte er gegen „Feste, deren Kreativpotenzial sich in der Wahl zwischen roten und weißen Bratwürsten“ erschöpfe, gegen inszenierten Kommerz, der selbst gemachte Kultur verdränge, und gegen „Dummheiten, die wir uns abgewöhnt haben, als dumm zu bezeichnen“. Als Beispiele nannte er Halloween, krachige Inszenierungen mit bis zum Gartenzaun beleuchteten Häusern im Advent, aber auch Bauten, die „4000 Jahre Baukultur in einem einzigen Vorhaben vereinen“.

Von seinem Rundumschlag blieb auch die Energiewende mit ihren Windrädern, Fotovoltaikanlagen und Maisfeldern nicht verschont. „Wenn schon Energiewende, dann müssen alle mitreden und auch mitverdienen dürfen“, sagte er, nachdem er zuvor noch die „kollektive Energieverschwendung“ mit Heizspiralen für eine eisfreie Garagenzufahrt, beheizbaren Außenpools und Nachmittagsausflügen an den Gardasee gegeißelt hatte. Am Schluss stand das eindringliche Plädoyer an die Zuhörer, „Heimat selber in die Hand zu nehmen“.

Dass das in Mindelheim durchaus bereits der Fall ist, hatte Winter in seiner Neujahrsansprache zuvor schon deutlich gemacht. Darin hatte er all jenen gedankt, die sich für das Gemeinwesen einsetzen. „Denn eine Kommune funktioniert am besten, wenn sich viele beteiligen.“

Landrat Hans-Joachim Weirather knüpfte an diesen Gemeinschaftssinn an und lobte die Zusammenarbeit zwischen Landkreis und Stadt. Es sei gelungen, beide noch stärker ins Allgäu einzubinden, sagte er mit Verweis auf die Allgäuer Passivhaustage, die seinerzeit auch nach Kempten hätten vergeben werden können. Daneben blickte er auf die Projekte des vergangenen Jahres wie die Schulsanierungen und die neue Zukunftsperspektive für das Medizinische Versorgungszentrum zurück und betonte, dass es auch künftig bei zwei Klinikstandorten unter kommunaler Trägerschaft bleibe. „Wir dürfen nicht den Fehler machen und dieses Thema zerreden“, so Weirather. Geredet wurde anschließend aber durchaus – beim sogenannten gemütlichen Teil des Abends mit Buffet im großen Saal.

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