Newsticker
Impfkommission Stiko empfiehlt AstraZeneca jetzt auch für über 65-Jährige
  1. Startseite
  2. Lokales (Mindelheim)
  3. „Ihre Söhne sind elende Sauhunde“

Mindelheim

31.01.2019

„Ihre Söhne sind elende Sauhunde“

Weil sie sich heftig gegen die Polizei gewehrt hat, steht eine ganze Familie vor Gericht.
Bild: Alexander Kaya (Symbolbild)

Eine polizeibekannte Familie leistet Widerstand gegen Polizeibeamte. Vor Gericht fallen deutliche Worte.

Warum sie nicht gleich den Hund losgelassen hätten, will der Richter wissen. „Ihr müsst Euch nicht alles gefallen lassen.“ Der Polizist, der vor dem Amtsgericht Memmingen als Zeuge aussagt, überlegt kurz. Der Hundeführer, der vernommen wird, betont, es sei dort einfach zu eng gewesen.

Dort im Hausflur einer – wie Richter Markus Veit sagt – bekannten, „gewaltbereiten“ Familie eskaliert die Situation im Sommer 2018. Aus einer Hausdurchsuchung wird ein Handgemenge. Ursprünglich sind die vier Beamten der Mindelheimer Polizei nur da, um das Haus der sechsköpfigen Familie zu durchsuchen: Einer der Söhne wird des Bandendiebstahls und mehrerer Drogendelikte verdächtigt. Als die Beamten das Handy des damals 18-jährigen Alexander K.* beschlagnahmen, wird er aggressiv. „Ich habe gesagt: ,Junge, beruhig dich, sonst müssen wir dich fesseln’“, erzählt ein Beamter vor Gericht. Doch Alexander K. beschimpft die Polizisten und wird gefesselt.

Die Mindelheimer Polizei fordert Verstärkung an

Währenddessen läuft die Mutter „schreiend durchs Haus“, so beschreiben es mehrere Beamte. Alexander K.’s Brüder Igor K.* und Michail K.* laufen in den zweiten Stock und verbarrikadieren sich. Igor K. versucht, eine Polizistin durch einen Kopfstoß außer Gefecht zu setzen – die Beamten fordern Verstärkung an.

Irgendwann kommen die beiden jungen Männer herunter, Igor K. deshalb, weil er eine Zigarette drehen will. „Ich habe gesagt: ,Ja, okay’. Ich kenne den Igor aus seiner Jugendzeit – die Stimmung war aufgeheizt und ich dachte, ich könne ihn so beruhigen“, erinnert sich ein Beamte. Er begleitet den 24-Jährigen nach draußen zum Rauchen. „Ich wollte ihn als Gefahrenpotenzial weghaben.“ Während die beiden draußen stehen, läuft der Vater Andrej K. ins Haus: „Wieder ging das Geschrei los“, erzählt der Beamte vor Gericht.

Was im Haus geschah, schildert sein Kollege: „Der Vater fing mit seinem jüngsten Sohn Michail an, uns zu schubsen.“ Außerdem soll Michail immer wieder gerufen haben: „Du scheiß Bulle, ihr habt nichts zu melden.“ „Es war eng im Flur und wir hatten Sorge, dass jemand die Treppe herunterstürzt“, sagt der Beamte. Deshalb hätten sie den Hund nicht losgelassen: „Ein Biss auf einen Kollegen wäre nicht auszuschließen“, betont der Hundeführer.

Der Vater wehrt sich auch noch, als er gefesselt am Boden liegt

Irgendwann habe er keinen Ausweg mehr gesehen, erzählt ein anderer Beamter, und Michail und seinem Vater mit dem Schlagstock auf die Arme gehauen. Danach fesseln die Polizisten die Beiden. Doch auch als er gefesselt auf dem Boden liegt, leistet der Vater Widerstand. „Ich habe ihm mein Knie zwischen die Schulterblätter gedrückt – aber er ist immer wieder hoch“, erzählt ein Polizist, der sich die Ellenbogen aufschürfte. Andrej K. schürfte sich die Stirn auf. Der junge Beamte bezeichnet die Durchsuchung als „heftig“.

„Aber wieso geht ihr nicht gleich mit dem Hund rein – traut ihr euch nicht?“, will Richter Veit wissen. Schließlich sei sogar ihm bekannt, dass es Ärger gebe, wenn man zu Familie K. geht. Der Richter findet deutliche Worte für die deutsch-kasachische Familie: „Die sind nie in Deutschland angekommen.“ Dass der Vater kaum ein Wort Deutsch spricht, obwohl er seit 19 Jahren hier lebt, stimmt den Richter nicht milder: „Ihr bleibt Kasachen – das ist auch okay – aber ihr nehmt die Respektlosigkeit mit der Muttermilch auf“, sagt er an die drei Angeklagten Andrej, Igor und Michail K. gewandt. Gegen Alexander K. gibt es eine eigene Verhandlung.

Respektlosigkeit gegenüber Polizisten – das wäre in seiner Jugend nicht gegangen, schimpft der Richter: „Wir mochten nicht alle Polizisten, aber dass wir einen angegriffen hätten – unmöglich!“ Da hätte man vom eigenen Vater Prügel bekommen, wirft Verteidiger Michael Bogdahn ein.

Richter Markus Veit ist sichtlich aufgebracht

„Seid doch froh, dass unsere Polizisten erst den Durchsuchungsbefehl zeigen und nicht gleich zuschlagen. Ich kann mir vorstellen, dass das in Kasachstan anders abläuft. Da wird zuerst geschlagen und dann werden Fragen gestellt“, sagt der Richter zu den Angeklagten, und wendet sich dem jüngsten zu. Michail K. war zur Tatzeit 16 Jahre alt: „Fang das nicht an – nur weil deine Brüder so hohl sind.“ Markus Veit ist sichtlich aufgebracht, weil er – wie er betont – zur Zeit oft solche Fälle verhandelt. Fälle, in denen Menschen sich respektlos gegenüber Polizisten verhalten.

Zumal es in diesem Fall nur „bescheuert“ gewesen sei, sich zu wehren: „Man produziert ja nur neue Straftaten.“ Unter den Familienmitgliedern herrscht laut Veit falsche Solidarität: „Wenn einer Mist baut, kann man hinter ihm stehen – aber ausbaden muss er es selber.“ Alle wären glimpflicher davongekommen, wenn sie die Durchsuchung einfach hätten geschehen lassen.

Neue Vergehen kann sich vor allem Igor K. nicht leisten: Er ist mehrfach vorbestraft, in einem Fall wegen versuchten Totschlags. Der 24-Jährige war bereits im Gefängnis. Sein Bewährungshelfer attestiert dem Mindelheimer schizoide Züge. Zumindest sei er mittlerweile nicht mehr alkohol- und drogenabhängig.

Der Unterallgäuer Vater soll seinen Kindern ein Vorbild sein

Anders sieht es beim jüngeren Bruder aus: Er hat die Mittlere Reife mit guten Noten bestanden, hat eine Ausbildung angefangen – diese aber abgebrochen. „Du musst in einen Job rein“, mahnt der Richter. „Sonst sitzt ihr zuhause und kommt auf dumme Gedanken.“ Auch Michail stand schon einmal wegen schwerer Körperverletzung vor Gericht, das Verfahren wurde jedoch eingestellt.

Die Familie lebt vom Einkommen des Vaters, der seit Jahren im selben Job arbeitet. Viel ist es nicht. „Ich kann verstehen, dass Sie ausgerastet sind, als wieder die Polizei da war. Ihre Söhne machen ihnen viele Sorgen“, sagt Richter Veit zu Andrej K.. „Aber dass Ihre Söhne – das sage ich so salopp – elende Sauhunde sind, liegt auch an der Erziehung.“ Außerdem solle ein Vater in so einer Situation ein Vorbild für seine Kinder sein. Eine Geldstrafe bekommt Andrej K. nicht: „Ihr habt ja nicht viel“, begründet Markus Veit sein Urteil. Vier Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung sollen reichen.

Zehn Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung und eine Geldstrafe in Höhe von 500 Euro gibt es für den 24-jährigen Igor K.. Da der 17-jährige Michail momentan keine Arbeitsstelle hat, verurteilt der Richter ihn zu 60 Arbeitsstunden – dazu vier Tage Kurzarrest. „Nur, weil du gleich gestanden hast – sonst wären es vier Wochen“, betont Markus Veit. Abschließend wendet er sich noch einmal an den jungen Mindelheimer: „Das ist das letzte Mal, dass ich dich vor Gericht sehe.“

*Namen von der Redaktion geändert.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren