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Vermisstensuche

06.09.2019

Jeden zweiten Tag wird ein Mensch im Unterallgäu vermisst

Wird ein Erwachsener vermisst und geht man davon aus, dass er in Gefahr schwebt, wird eine Suchaktion gestartet.
Bild: Matthias Becker (Symbol)

Wenn ein Angehöriger plötzlich verschwindet, ist die Sorge groß. Was die Polizei nach einer Vermissten-Meldung tun kann – und wo es Grenzen gibt.

Man kann sich vorstellen, wie unendlich groß die Erleichterung einer Wiedergeltingerin gewesen sein muss, als ein Polizeihubschrauber am Wochenende ihren 83-jährigen Ehemann, der von einem Spaziergang nicht mehr nach Hause zurückgekehrt war, im Dickicht ausmachen konnte. Dank der schnell eingeleiteten Suche der Polizei konnte der leicht dehydrierte Mann, der offenbar gestürzt war und nicht mehr alleine aufstehen konnte, aus seiner Notlage befreit werden.

Nicht immer geht es so schnell, einen Menschen wiederzufinden, der plötzlich von der Bildfläche verschwindet. Wir sprachen mit Holger Stabik vom Polizeipräsidium Schwaben Süd/West in Kempten über dieses Thema.

Wie oft werden Menschen im Unterallgäu vermisst?

148 Mal wurden im vergangenen Jahr Menschen im Unterallgäu als vermisst gemeldet, in diesem Jahr ist die Tendenz laut Polizeisprecher Stabik bislang dieselbe. Das ist der niedrigste Wert der vergangenen fünf Jahre, 2017 waren es sogar 252 Vermisstenfälle. Im Durchschnitt wird also jeden zweiten Tag ein Unterallgäuer als vermisst gemeldet. Allerdings sind diese Zahlen mit Vorsicht zu genießen: Beispielsweise können Minderjährige, die mehrfach aus einem Heim "ausbrechen", die Statistik schnell mal nach oben verschieben. Und auch minderjährige Flüchtlinge, die zu ihren Verwandten ins Ausland ziehen, ohne sich abzumelden, gelten als vermisst. Die Polizeistatistik gibt laut Stabik keine Auskunft darüber, wie viele Fälle geklärt wurden und wie lange eine Person vermisst wurde oder wird. "Der Zeitrahmen kann dabei von wenigen Minuten oder Stunden bis hin zu vielen Jahren gehen."

Welche Personengruppe wird im Unterallgäu am häufigsten vermisst?

In den vergangenen Jahren gefühlt ansteigend waren die Vermisstenzahlen im Zusammenhang mit Demenz, so der Polizeisprecher. Einen weiteren großen Teil machen Jugendliche, (Sucht-)Kranke und Suizidgefährdete aus. "Der erwachsene, gesunde Vermisste ist eher die Seltenheit, es gibt aber natürlich immer wieder Fälle, in denen von einem Unglück oder einer Gewalttat ausgegangen werden muss", sagt Stabik. Aber: "Ebenso gibt es Menschen, die alle Brücken hinter sich abreißen und so als vermisst gelten."

Was tut die Polizei?

Geben Angehörige eine Vermisstenanzeige auf, so wird die Polizei als erstes versuchen, ein komplettes Bild über die vermisste Person zu bekommen. Dazu gehören neben den Grundsteinen wie einer Personenbeschreibung, einem Foto und einer Auflistung der mitgeführten auffälligen Gegenstände auch Ermittlungen zum Umfeld: Wo hält sich die Person auf? Gab es Streit? Einen Grund für das Verschwinden – etwa Krankheit oder Schwermut?

Anhand dessen werde dann das weitere Vorgehen entschieden: Es werden Bekannte und Verwandte befragt, Wohnungen und Örtlichkeiten im Freien abgesucht. Die Polizei erkundigt sich bei Ärzten und Krankenhäusern und bei Taxiunternehmern, Bahn und Busunternehmen, ob sie den Vermissten oder die Vermisste gesehen haben.

Auch Rettungsdienste (mit Personensuchhunden), die Feuerwehren, das Technisches Hilfswerk, die Wasserwachten sowie eine Öffentlichkeitsfahndung kommen als weitergehende Maßnahmen in Betracht. Zudem sucht die Polizei natürlich im internen Fahndungssystem nach dem Vermissten. Streifen und Polizeisuchhunde können eingesetzt werden, dazu Drohnen oder ein Polizeihubschrauber – dessen Einsatz hängt allerdings vom Wetter und dem Einsatzort ab.

Werden Fälle von vermissten Kindern und Jugendlichen anders behandelt die von Erwachsenen?

Es besteht laut Stabik ein gravierender Unterschied, ob Kinder und Jugendliche oder ein Erwachsener vermisst werden: Bei Ersteren liegt eine sogenannte "Vermissung" bereits dann vor, wenn ihr Aufenthaltsort unbekannt ist und sie ihren gewohnten Lebenskreis verlassen haben. Bei Erwachsenen muss noch eine Gefahr für Leib und Leben dazukommen. "Man gesteht ihnen also ein gewisses Recht auf Verschwinden zu", erläutert Stabik. "Das ist auch der Grund, warum nicht gleich jede Vermisstenmeldung auch in eine Vermisstenanzeige und -suche mündet." Die Öffentlichkeitsfahndung stelle relativ hohe Anforderungen an den Verhältnismäßigkeitsgrundsatz. "Sie ist erst als eine der letzten Suchmöglichkeiten vorgesehen oder andersherum: Die Polizei ist verpflichtet, erst nahezu alle anderen Möglichkeiten auszuschöpfen."

Der Grund dafür ist simpel: Der Vermisste kann in die Veröffentlichung seiner Daten nicht einwilligen. Gerade über das Internet verbreiten sich Namen und Bilder rasend schnell und werden selbst dann, wenn der Vermisste wieder aufgetaucht ist, nicht überall gelöscht. Deshalb muss die Polizei jedes Mal die Persönlichkeitsrechte des Betroffenen abwägen mit den Gefahren, die ihm drohen, sollte er nicht gefunden werden.

Wie lange werden Menschen in der Regel vermisst?

"Grob gesagt erledigt sich ein Großteil aller Vermissungen noch am selben oder innerhalb der darauffolgenden Tage", erklärt Holger Stabik. Hintergrund ist beispielsweise, dass ein Unglücksfall vorliegt und die Person hilflos aufgefunden wird, dass Demenzkranke an einer unerwarteten Stelle aufgegriffen werden oder dass Kinder und Jugendliche als vermisst gemeldet werden, weil sie nicht zum vereinbarten Zeitpunkt zu Hause sind, wenige Stunden später aber wieder auftauchen. Es gibt aber natürlich auch ungeklärte Fälle, bei denen Personen tatsächlich von der Bildfläche verschwinden und nicht wieder auftauchen. Über die Hintergründe kann dann oft nur gerätselt werden.

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