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Festival der Nationen

04.10.2018

Jeder Ton wird zum Erlebnis

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3 Bilder
Energiegeladen präsentierte sich Seong-Jin Cho bei seinem Auftritt im Kursaal von Bad Wörishofen. <b>Foto: Tobias Hartmann</b>
Bild: Tobias Hartmann

Er kam als Ersatz für die verletzte Hélène Grimaud – und verlässt Bad Wörishofen als gefeierter Held: Seong-Jin Cho lässt die Zuhörer staunen und rätseln.

Der Anfangsschock war groß: Ausgerechnet Hélène Grimaud musste beim „Festival der Nationen“ verletzungsbedingt passen. Gleich drei Konzerte hätte sie in diesem Jahr bestreiten sollen. Aus der anfänglichen Not haben die Veranstalter, Werner und Winfried Roch, eine wahre Tugend gemacht. Drei Weltklassepianisten ersetzten Grimaud. Dritter im Bunde war nun Seong-Jin Cho aus Südkorea, Gewinner des renommierten Chopin-Wettbewerbs 2015 in Warschau, seit 2016 Exklusivkünstler der Deutschen Grammophon und erst 24 Jahre alt. Grimaud hätte Satie, Chopin, Debussy, Silvestrov und Brahms gespielt. Cho entschied sich für Bach (Chromatische Fantasie und Fuge in d-Moll, BWV 903), Schubert (Fantasie für Klavier in C-Dur, die sogenannte „Wandererfantasie“), Chopin (Polonaise-Fantaisie in As-Dur, op. 61) und Modest Mussorgsky (das bekannte Werk „Bilder einer Ausstellung“).

Ein anderes Programm für Bad Wörishofen

Die am Dienstagabend präsentierten Werke zählen gewiss zu den Repertoire-Stücken, die Cho jederzeit abrufen kann. Wie auch sonst hätte er kurzfristig in Bad Wörishofen zusagen können. Doch Cho muss die gespielten Werke höchst intensiv durchdacht haben, seine Interpretation immer wieder überarbeitet, ruhen und wieder aufgegriffen haben, kurz: total verinnerlicht haben. Cho zeigte in seinem Ausdruck, dass er über einen faszinierenden Gesamtüberblick verfügt. Dabei war sein Spiel keinesfalls verkopft oder abgehoben. Es war ergreifend, mitreißend, leidenschaftlich und wunderschön. Es bot Weichheit, Schlichtheit, Verspieltheit, Authentizität und Eleganz, aber auch Virtuosität und Pathos.

Zahlreiche Kinder verfolgen das Konzert in Bad Wörishofen

Man konnte nur staunen und beinahe kopfschüttelnd, auf jeden Fall bewundernd rätseln: Wie schaffte es Seong-Jin Cho, jeden einzelnen Ton, jeden Anschlag, jede musikalische Aktion zu einem Erlebnis und zu einem Hörgenuss zu machen? Selbst die Pausen, die er in seinem Gesamtüberblick musikalisch immer vorbereitete, waren von diesem wunderbaren Musizieren nicht ausgenommen. Hier konnten die Kinder und Jugendlichen, die über eine Aktion der Mindelheimer Zeitung Konzertkarten vermittelt bekommen haben, erleben, was der musikdidaktisch fast schon abgedroschene Satz, wonach die Pausen zur Musik gehörten, konkret bedeuten kann: zum Beispiel ein mucksmäuschenstiller Kursaal, in dem die letzten Frequenzen des Steinway-D-Flügels langsam verklingen dürfen.

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Zahlreiche weitere Komponenten trugen zu einem herausragenden Konzerterlebnis bei. Dazu zählen die ausgefeilte und souveräne Technik, der filigrane und facettenreiche Anschlag, die feinfühlige Pedaltechnik und vor allem die ganzheitlich abgestimmte Zusammenfügung der besprochenen Parameter. Anders als bei seinem recht unscheinbaren Betreten der Kursaalbühne schien der Weltklassepianist, saß er erst auf seinem Klavierhocker, total ergriffen von der Musik. Dann bebte mitunter sein ganzer Körper, dann fauchte und stampfte er sogar, wenn es nötig war und zur Musik passte. Ein zutiefst beeindrucktes Publikum quittierte die musikalische Leistung mit tosendem Applaus, Bravo- und Jubelrufen. Seong-Jin Cho hatte noch zwei Zugaben in petto: darunter die bekannte Polonaise in As-Dur von Chopin.

Hoffentlich kommt Seong-Jin Cho bald wieder. Dann aber nicht mehr als Ersatz.

Hier gelangen Sie zur Bildergalerie vom Musikfest im Rahmen des Festivals der Nationen.

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