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Mindelheim

23.01.2020

Mindelheimer Pfarrer predigen über Raffgier, Sex und die Hölle

Die evangelischen Pfarrer Claudius Wolf und Erik Herrmanns (von links) mit Martin Luther in der Mitte sprechen ungewöhnliche Themen an.
Foto: jsto

In diesen Wochen predigen die evangelischen Pfarrer Herrmanns und Wolf über eher ungewöhnliche Themen. Sie erklären, was es damit auf sich hat.

In der evangelischen Johannes-Kirche in Mindelheim ist eine ungewöhnliche Predigtreihe angelaufen. Es geht um Raffgier, Sex, Gerechtigkeit, Tod und Hölle. Die Pfarrer Erik Herrmanns und Claudius Wolf verraten, was es mit diesen besonderen Predigten auf sich hat. Diesen Sonntag, 26. Januar, 9.30 Uhr geht es um Sex.

Wie wichtig ist das Wort von der Kanzel heute in der evangelischen Kirche?

Herrmanns: Nach wie vor ein Wichtiges im Gottesdienst. Nicht das Einzige, aber das Entscheidende. Luther hat mal gesagt: Gottesdienst ist in erster Linie Gespräch mit Gott. Er redet mit uns im Hören auf die Heilige Schrift und in der Predigt, und wir reden mit ihm in Lied und Gebet.

Wie frei sind die Pfarrer in der Wahl ihrer Predigthemen?

Wolf: Wir haben vorgegebene Texte, die wir bepredigen sollen. Wenn einem ein Text aber so gar nicht liegt, kann man auch mal etwas anderes wählen.

Herrmanns: Das gilt in der gesamten Evangelischen Kirche in Deutschland. Das nennt sich Perikopenordnung.

Wolf: Altes und Neues Testament sollen darin zu Wort kommen. Wir als Pfarrer sollen uns schon daran halten, damit wir nicht nur Lieblingstexte predigen.

Jetzt tanzen Sie an sechs Sonntagen aber gehörig aus der Reihe. Raffgier, Sex, Gerechtigkeit – Sie nehmen sich die Menschen ziemlich zur Brust.

Herrmanns: Heiße Eisen heißt deshalb die Überschrift über dieser Predigtreihe. Diese Idee kam jetzt nicht nur von uns beiden Pfarrern. Das war Beschluss im Kirchenvorstand. Wenn wir von der Perikopenordnung abrücken, wird das im Kirchenvorstand diskutiert und beschlossen, auch mit der Auswahl der Themen. Bei diesen Themen hatten wir das Gefühl: Das brennt den Menschen auf den Nägeln.

Die Reihe läuft nicht zum ersten Mal.

Herrmanns: Die vergangenen Jahre haben wir das so gemacht und sehr gute Erfahrungen gemacht.

Vorigen Sonntag war Auftakt. Da war es um Money, Mammon und Moneten gegangen, also ums Geld. War die Kirche da voller als sonst?

Wolf: Es kommen mehr Gläubige. Das sind jene, die das Thema auch anspricht. Manche sprechen mich an, dass sie genau dieses Thema gewünscht haben.

Was ist aus christlicher Sicht am schnöden Mammon problematisch?

Herrmanns: Geld ist ein Zahlungsmittel, das wir brauchen. Ich will nicht mehr mit Äpfeln und anderen Naturalien zahlen. Wenn man meint, das Leben ist mit Geld zu kaufen, dann setzt man auf Dinge, die beziehungslos sind. Gott setzt auf die Beziehung. Wir können mit ihm als lebendiges Wesen umgehen.

Am Sonntag geht es in der evangelischen Kirche um Sex

Am Sonntag müsste die Hütte voll sein.

Herrmanns: Sex sells. Da geht es um Sex, ja. Zunächst schlicht die Feststellung: Die ganze Sache mit der Sexualität war Gottes Idee. Das hat der sich ausgedacht. Sonst gäbe es uns gar nicht. Wir leben davon, dass Menschen in Liebe ihr Leben miteinander teilen. Gerade hat Pfarrer Wolf von der Beziehungsfähigkeit des Menschen gesprochen, weil Gott ein Beziehungswesen ist. Das wird in der körperlichen Liebe deutlich.

Weitere Themen sind Verlust und Tod – eher klassische Themen in Predigten.

Wolf: Auf Beerdigungen beschäftigen sich Pfarrer mit einem ganz konkreten Todesfall. An Karfreitag geht es um den Tod Jesu. Aber das Thema grundsätzlich anzugehen, das kommt eher selten vor. Wir haben ein endliches Leben und was erwartet uns in christlicher Sicht nach diesem irdischen Leben?

Herrmanns: Damit endet auch die Predigtreihe. Himmel und Hölle: Was erwartet uns nach dem Tod? Interessanterweise ist das ein viel diskutiertes, aber wenig gepredigtes Thema. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich schon einmal über die Hölle gepredigt hätte. Was ist damit gemeint? Was kann man sich damit vorstellen?

Gab es Themen, die nicht den Gefallen im Kirchenvorstand gefunden haben?

Herrmanns: Es gab Themen, die wir im vorigen Jahr ausführlich besprochen hatten, die haben wir jetzt außen vor gelassen. Da ging es um die Ökologie, Bewahrung der Schöpfung. Das war in der ersten Welle der Fridays-for-Future-Bewegung.

Die Themen gehen den beiden Mindelheimer Pfarrern nicht aus

Mir würden noch ein paar andere Themen einfallen: Hetze und Hass im Netz oder mangelnde Wertschätzung in unserer Gesellschaft.

Wolf: Der Stoff geht uns nicht aus.

Herrmanns: Wir sind offen für Vorschläge und Ideen. Danke!

Auf welchen Wegen kommuniziert Kirche heute? Sind Sie auf Facebook oder Instagram, um junge Leute zu erreichen?

Wolf: Kürzlich in einer Schulstunde ging es um Paulus, der Briefe verschickt hat. Das war damals das Medium. Die Schüler haben auf meine Frage, was Paulus heute benutzen sollte, gesagt: Er sollte ein Influencer sein, auf Facebook oder Youtube. Da hinken wir als Kirche leider hinterher, sind noch sehr der Tradition verhaftet. Wir wollen aber vor allem Beziehung leben. In den neuen Medien kommt das aber zu kurz. Ich kann natürlich über Social Media informieren. Aber eine Beziehung zwischen den Menschen wird da nur schwer möglich sein.

Hermanns: Wir merken das auch an unserer Predigtreihe. Wer kommt, ist in der Regel von einem Bekannten persönlich angesprochen worden. Der persönliche Draht ist das wertvollste Kommunikationsmittel, das wir haben.

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