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Türkheim

23.04.2016

Mit vielen kleinen Schritten in ein neues Leben

Ein Herzinfarkt ändert alles. Er ändert die Menschen und ihre Einstellung zum Leben. Die Geschichte seiner beiden Herzinfarkte hat Oliver Gaw aus Türkheim sehr persönlich und Mut machend niedergeschrieben. Ein Buch für Betroffene, aber auch für jeden Leser, der es erst garnicht soweit kommen lassen will.
Bild: Kienle und Bühler

Oliver Gaw aus Türkheim hat nach seinen zwei Herzinfarkten einen Blog und jetzt auch ein Buch über seine Erlebnisse geschrieben. Wie er zu sich selbst, zum Leben zurückgefunden hat, erzählt er auch im folgenden MZ-Interview

Rund 800 Menschen erleiden in Deutschland täglich einen Herzinfarkt. Sie Herr Gaw hatten gleich zwei Infarkte. Haben Sie so ungesund gelebt?

Gaw: Ich war eigentlich ein relativ durchschnittlicher Mensch, habe viel aber gerne als Außendienstler in einem Verlag gearbeitet. Ich war verheiratet und in meiner Freizeit drehte sich eigentlich alles um meinen Sohn. Ich dachte, ich hätte mein Leben im Griff. Currywurst, Hamburger und Leberkässemmeln zählten zu meinem Lieblingsessen und als Nachspeise gab es oft Schokoladenriegel oder Schokolade pur. Ich war aber nicht überdurchschnittlich dick, hatte wohl aber einen Bauch, der aber bei meiner Körpergröße von 1, 87 Metern kaum auffiel.

Fühlten Sie sich wohl in Ihrer Haut?

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Gaw: Nein, sicher nicht. Ich hatte so ein Gefühl, eine Vorahnung würde ich heute sagen, dass irgendetwas in meinem Körper nicht stimmt. Beim Treppensteigen ging mir schnell die Luft aus, aber ich dachte, so ist das halt, wenn du älter wirst. Eine Woche vor meinem Infarkt habe ich auch sowohl meine geschäftlichen als auch privaten schriftlichen Arbeiten erledigt und meinen Schreibtisch aufgeräumt. Ja, und dann ist es passiert.

Was ist genau geschehen?

Gaw: Kurz vor meinem 47. Geburtstag, ich fuhr gerade mit 160 km/h mit dem Auto von München nach Türkheim, dachte ich plötzlich, einer stößt seinen eisernen Schuhabsatz auf meinen Brustkorb. Ich bekam Schweißausbrüche, kaum noch Luft und konnte gerade noch bei Schöffelding von der Autobahn herunterfahren. Bei einer Bushaltestelle stoppte ich den Wagen, riss die Tür auf und klappte zusammen. Obwohl ich mich in unerträglichen Schmerzen wand, war ein Teil meines Gehirns ganz klar. Ich dachte noch, sicher wird dir gleich jemand helfen, doch alle Autos fuhren vorbei. Viele Minuten vergingen und niemand hielt an.

Sie wurden dann aber doch gerettet?

Gaw: Ja, eigentlich kann man sagen, dass ich mir selbst geholfen habe. Als nach rund zehn Minuten die Schmerzen etwas nachließen, konnte ich meine Frau anrufen, ihr auf der Standspur der Autobahn dann sogar noch entgegenfahren. Auf einem Parkplatz bei Landsberg trafen wir uns und sie fuhr mich ins dortige Krankenhaus, wo ich eine super Erstversorgung bekam. Am nächsten Tag wurde ich nach München Großhadern überführt. Schnell war klar, dass ich eine Herz-OP benötigte, zwei Bypässe mussten gelegt werden. Es stellte sich auch heraus, dass ich schon Wochen vorher unbemerkt einen ersten Herzinfarkt gehabt haben musste.

Jetzt waren aber diese Erlebnisse für Sie Gott sei Dank nicht das Ende, sondern ein neuer Anfang, wie Sie in ihrem Blog und jetzt auch in Ihrem Buch schreiben.

Gaw: Ja, das kann ich wirklich sagen. Dass man sich morgens mit einem tschüs von seiner Familie verabschiedet und erst nach über sechs Wochen, nach OP und Reha, wieder nach Hause kommt – dieser Einschnitt hat mein Leben wirklich verändert. Auch wenn einem vor der Herz-OP gesagt wird, dass die Körpertemperatur auf 31 Grad heruntergefahren wird. Doch habe ich nicht von heute auf morgen alles verändert, sondern in vielen kleinen Schritten.

Können Sie vielleicht Beispiele nennen?

Gaw: Ich trank meinen Kaffee immer gerne mit mindestens drei Stück Zucker. Zuerst habe ich nur noch ein Stück Zucker pro Tasse genommen und heute brauche ich keinen Zucker mehr. Ich betreibe auch jetzt nicht wahnsinnig viel Sport. Mit meinem Hund mache ich täglich ausgiebige Spaziergänge und fahre zweimal die Woche Rad. Meine Ernährung habe ich ebenfalls Schritt für Schritt umgestellt, ohne mich zu kasteien. Es kommt jetzt viel Gemüse und Fisch auf den Tisch, aber ab und zu ein Stück Schokolade genieße ich immer noch gerne. Das Wichtigste ist aber, dass ich auf meine Freizeit achte, da fülle ich meine Batterien wieder auf. Übrigens mein Punktekonto ins Flensburg bleibt jetzt immer leer, ich habe das relaxte Zugfahren für mich entdeckt.

Sie sagen heute nach fünf Jahren, dass Ihnen nichts Besseres passieren konnte, als die zwei Herzinfarkte.

Gaw: Ja, das hört sich zwar zynisch an, doch es ist wirklich so. Sicher ist die Angst, dass es wieder passieren könnte, allgegenwärtig, doch diese Angst ist auch ein guter Freund. So achte ich einfach mehr auf mich. Große, lange Bergtouren meide ich, auch mein Lieblingssport, das Tauchen, übe ich nicht mehr aus – beides ist einfach zu anstrengend. Doch kleine Dinge genieße ich dafür umso mehr.

Wie wichtig waren in Ihrer Rehabilitationszeit Familienangehörige, Freunde und vielleicht auch Pflegekräfte und Ärzte?

Gaw: Sehr wichtig. Jedes aufmunternde, motivierende Wort tat gut. Ich beschreibe in meinem Buch sogar einen Wortwechsel mit einer Putzfrau am ersten Tag in der Reha-Klinik Bad Wörishofen. Ich stand völlig niedergeschlagen und kraftlos vor der großen Treppe. Krampfhaft hielt ich mich am Geländer fest und versuchte die erste Stufe zu erklimmen. Ein Blick nach oben zeigte mir die Dimension des Treppenaufganges – ein Alptraum, der sich ins Unendliche zu verlängern schien. Frustriert senkte ich meinen Blick und dann die Putzfrau, die sich unbemerkt hinter mich gestellt hatte. Sie sagte, dass ich nicht entmutigen lassen soll, es gehe allen anfangs hier nicht besser. Nach einer Woche Aufenthalt würde ich den ersten Treppenabsatz bestimmt schaffen, sagte sie voraus. Ihr Zuspruch hat mich wirklich motiviert, wenngleich ich an diesem Tag es nicht geschafft habe, ein Stockwerk zu bewältigen. Ich musste den Aufzug nehmen. Zu diesem Zeitpunkt schien meine Haupttätigkeit in der Reha zu sein Stühle und Bänke zu finden, bevor ich umkippe.

Warum haben Sie jetzt ein Buch zum Thema Herzinfarkt veröffentlicht?

Gaw: Medizinische Texte und wissenschaftliche Erläuterungen über Herzinfarkte findet man viele in unterschiedlichsten Foren und Publikationen. Doch meine Fragen beantworteten sie nicht. Sicher geht es Betroffenen oder deren Angehörigen auch so wie mir, dachte ich, und fing an zu schreiben. Zuerst den Blog und dann jetzt das Buch. Ich erzähle eigentlich nur meine Geschichte, meine Ängste und Gefühle. Mein Neustart soll zeigen, dass das Leben sehr gut weiter gehen kann, aber anders halt. Vielleicht lesen das Buch aber auch Menschen, die noch keinen Infarkt hatten und erst garnicht die Fehler machen, die dazu führen. Es ist so leicht, ein glückliches Leben zu führen. Eigentlich muss man nur seine Kruste, die sich über Jahre um einen herum gebildet hat, aufbrechen und wieder auf sein Innerstes hören. Ich bin kein neuer Mensch geworden. Sondern wieder zu dem, der ich eigentlich bin. Nach zwei Herzinfarkten habe ich mich endlich selbst wiedergefunden.

OliverGaw liest am Donnerstag, 28. April, um 19 Uhr in der Rehaklinik Bad Wörishofen aus seinem Buch „Neustart“. Der Eintritt ist frei.

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