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Das Unterallgäu geht besonders sorglos mit Böden um

05.10.2016

Spitzenplatz im Verschwenden

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Mindelheim von oben im Jahr 1965.  Das Gewerbegebiet im Süden und das Wohngebiet im Norden sind noch nicht gebaut.
Bild: Landesvermessungsamt

Vor allem entlang der Autobahn gehen besonders viele Böden verloren, kritisiert der Bund Naturschutz. Warum die Landespolitik den Flächenfraß sogar noch anheizt

Hier ein neues Wohnquartier mit Traumhäusern für Familien, dort neue Flächen für Gewerbe und Industrie, die wiederum mit neuen Straßen erschlossen werden. Kommunalpolitiker begreifen diese Entwicklung gerne als Ausdruck des Aufschwungs. Die Wirtschaft brummt. Die Kehrseite beleuchtete jetzt Thomas Frey vom Bund Naturschutz. Der Regionalreferent sprach von einem leichtfertigen Umgang mit der endlichen Ressource Boden.

Nicht nur der Lebensraum seltener Pflanzen und Tiere werde vernichtet und den Bauern wertvolle Flächen entzogen. „Wir laufen Gefahr, unsere Identität zu verlieren“. Das Unterallgäu gehört im bayernweiten Vergleich zu den größten Verschwendern von Flächen.

Als hätte der Boden keinen Wert

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Auf Einladung von Leonhard Warzecha von der Katholischen Erwachsenenbildung KEB sprach Frey im Haus St. Georg in Mindelheim. Gerade auf dem Land werde wenig sparsam mit dem Boden umgegangen. Es werde gebaut, als hätten Flächen keinen Wert. 18 Hektar Grund gehen täglich in Bayern verloren.

Im Unterallgäu ist es vor allem die Achse entlang der A96, wo sich die Dinge verselbstständigt hätten. Lange Zeit galt der Grundsatz, dass die freie Landschaft nicht zugebaut werde, sagte Frey. Inzwischen würden alle paar Kilometer große Gewerbegebiete mit 60 bis 80 Hektar ausgewiesen.

Es könnte noch schlimmer kommen. Heimatminister Markus Söder (CSU) will den Landesentwicklungsplan dahingehend ändern, dass künftig an allen vierspurigen Straßen Gewerbegebiete erlaubt sind. Das derzeit noch geltende „Anbindegebot“ würde damit wegfallen. Gemeint ist, dass nur an bestehende Siedlungen angebaut werden darf.

Fachleute entsetzt über Pläne der Staatsregierung

Mindelheim nannte Frey hier ausdrücklich als positives Beispiel, weil das Industriegebiet sich direkt an die Stadt anschließe und so weniger Verkehr verursacht werde.

Derzeit läuft das Anhörungsverfahren für die Verbände, darunter den Bund Naturschutz. Anfang 2017 könnte der Landtag den Beschluss fassen. Aber obwohl Architekten, Landschaftsplaner, Landvolk, Landjugend diese Pläne „als totalen Quatsch“ ablehnten, halte die Staatsregierung daran fest.

Der Bund Naturschutz fürchtet massive ökologische Folgen. Der Flächenverbrauch werde damit noch mehr angeheizt, nicht begrenzt. Derzeit läuft eine Unterschriftenaktion. Am 13. Oktober werde eine Petition an Landtagspräsidentin Barbara Stamm übergeben.

Frey sprach von „kommunalem Kannibalismus“. Städte und Gemeinden überböten sich in der Bereitstellung weiterer Gewerbegebiete. Land werde verscherbelt, um Betriebe anzusiedeln. Besonders kritisch bewertet der Referent die Kurstadt Bad Wörishofens, die die Gewerbesteuer gesenkt habe und so „Flächendumping“ betreibe.

Die Gemeinden heizen den Wettbewerb an

Die Kommunen könnten sich allein aus diesem Teufelskreis nicht befreien. Sie unterlägen Zwängen. Die Gemeinden befänden sich untereinander im Wettbewerb um die Gewerbesteuerzahler. Nur Gesamtregeln für alle könnten helfen, den Flächenverbrauch zu begrenzen. Die Staatsregierung wolle den Gemeinden aber ihre Freiheit lassen.

Die Gewerbebetriebe haben aber nicht einmal den größten Flächenhunger. Auf sie entfallen nur 22 Prozent. Für Straßen werden 26 Prozent der Flächen verbraucht und fürs Wohnen gar 41 Prozent.

Dank einer „absurden Förderpolitik“ würden viele Straßen voll ausgebaut, obwohl eine einfache Sanierung oft reichen würde. Zuschüsse gebe es nur für die große Lösung. Die Menschen sollten sich gegen weitere Straßen wehren. Eine zweite Umfahrung für Mindelheim lehnt der Referent als unnötig ab.

Die Wohnfläche habe sich im Schnitt pro Person auf 50 Quadratmeter erhöht. Vor 50 Jahren waren es 15 Quadratmeter. 80 Prozent der Häuser werden laut Frey nur von einer oder zwei Personen bewohnt. Statt weiter Flächen für Einfamilienhäuser auszuweisen, rät Frey den Gemeinden, sie sollten Anreize schaffen, dass die Menschen im Ortskern wohnen wollen.

Und vor allem: Statt Einfamilienhäuser sollten altengerechte Wohnungen errichtet werden. Dann könnten ältere Menschen ihre Häuser für Familien frei machen und in Wohnungen umziehen, so Frey weiter. Wie sehr der Flächenverbrauch vorangeschritten ist, belegte Frey mit Luftbildern von Mindelheim. Vor allem in den vergangenen 20 Jahren wuchs Mindelheim stark nach Norden und Süden.

In der Diskussion gab es auch Kritik an den Naturschützern. Überschwemmungsgebiete sollten als Ausgleichsflächen für Eingriffe in die Natur anerkannt werden, ebenso Böschungen. Der Kreisvorsitzende des Bund Naturschutz, Helmut Scharpf hielt dagegen: Nicht der Naturschutz sei dafür verantwortlich, dass so viele Ausgleichsflächen benötigt würden.

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