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Mindelheim

14.04.2011

Wie aus einem Hitler-Jünger ein Brückenbauer wurde

Pater Theobald Rieth wird heute 85 Jahre alt und blickt auf ein bewegtes Leben zurück.
Bild: Foto: Stoll

Der Jesuitenpater Theobald Rieth zog Lehren aus der Nazi-Barbarei und bemüht sich seit Kriegsende um Ausgleich und Versöhnung. Heute lebt der 85-Jährige in Lohhof

Lohhof/Mindelheim Vor mehr als 50 Jahren ist Theobald Rieth zum Priester geweiht worden. Seit 65 Jahren setzt er sich für Versöhnung und Frieden ein, bringt junge Menschen aus der halben Welt zusammen, wirbt für Verständigung und für die Zivilgesellschaft. Es gab aber auch einen anderen Theobald Rieth. Wie so viele seiner Generation gehörte er zu den Verblendeten der Nazidiktatur. Am liebsten hätte er sich in jungen Jahren der Waffen-SS angeschlossen, die er für eine Elite hielt. Aus Saulus wurde Paulus. 85 Jahre alt wird der Ordensmann heute am 14. April. Aufgewachsen ist er in Limburg an der Lahn. Heute lebt er in Lohhof bei Mindelheim. Wie es dazu kam, später mehr. 1947 schloss er sich den Jesuiten an.

„Ich habe Hitler geglaubt“, erzählt er offen. Sein Vater, zurück aus dem Ersten Weltkrieg, fand erst 1932 Arbeit – Hitlers Arbeitsprogramm sei Dank. So sah Theobald Rieth das damals. Der junge Theobald war mit Hurra der Hitlerjugend beigetreten. Sein Kopf sei voller Naziparolen gewesen. Freiwillig ging er zur Wehrmacht. Zwischen Heldenwahn und Soldatentod schwankte seine Gefühlswelt damals.

Die Wende kam 1944. Am Duklapass in den Karpaten standen sich Russen und Wehrmachtssoldaten gegenüber. Innerhalb eines Tages waren 127 Mann seiner Einheit gefallen. Nur drei überlebten. Rieth heute: „Was für ein Wahnsinn!“

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Nur mit Glück und einem einsichtigen Vorgesetzten entging er der Todesstrafe wegen Zersetzung der Wehrmacht, als er sich kurz vor Kriegsende gegen einen Offizier zur Wehr setzte. Dieser hatte gemeint: Was Hitler sagt, sagt er an Gottes Statt.

Drei junge Jesuiten haben ihn als Student gerettet

Eine solche Katastrophe darf es nie mehr geben, sagte er sich nach dem Krieg. Die Ideen des Jesuiten Nell-Breuning über ein freies Europa begeisterten ihn. 1949 studierte er in Belgien Philosophie. Nur weil er Deutsch sprach, wurde er auf offener Straße von wildfremden Leuten zusammengeschlagen. Drei junge Jesuiten – ein Amerikaner, ein Belgier und ein Franzose – haben ihn da rausgeholt.

Der Anfang für eine lange Freundschaft und große Idee war gemacht. „Wir haben uns gesagt, so kann das nicht weiter gehen“. Es war die Geburtsstunde einer Initiative, die 1951 etwas völlig Neues war. 430 Jugendliche aus 19 Ländern kamen zum ersten internationalen Jugendlager in Belgien zusammen. Sie haben sich Friedhöfe angesehen. Und sie haben zu denken begonnen.

Rieth übernahm in den Folgejahren verschiedene Aufgaben. Mal war er Erzieher und Lehrer für Sport und Französisch in einem katholischen Internat in Bad Godesberg. Dann studierte er Theologie, bildete Entwicklungshelfer aus, arbeitete für Misereor und wurde in den 60er Jahren Studentenpfarrer in Bremen.

Es war ein buntes Leben. In Aachen baute Rieth europäische Jugendarbeit auf. In Nordirland zum Beispiel konnten 6000 junge Leute ein freiwilliges soziales Jahr ableisten. Im russischen St. Petersburg kämpfte er mit einer Ärztin dafür, dass behinderte Heimkinder menschenwürdig untergebracht werden können. In Krakau holte ihn das Dritte Reich ein. 500 Überlebende des KZ Auschwitz betreute Rieth. Darunter war eine jüdische Musikerin aus Lemberg, der die Flucht gelungen war und die sich sechs Jahre lang in einer Höhle versteckt gehalten hatte.

2004 gründete er in Aachen die Stiftung „Brücken in die Zukunft“. Da war der rührige Pater bereits 78 Jahre alt und hatte zwei Schlaganfälle hinter sich. 2008 kam das Aus, weil der Schwesternorden das Bildungshaus verkaufte. Rieth bekam vom Chef der Augsburger Lehmbaugruppe, einem Freund, den Tipp, nach Lohhof zu gehen. Seit 2008 lebt er im Unterallgäu.

Frauen aus Rumänien leisten soziale Arbeit

Von Ruhestand kann auch heute keine Rede sein. Vier junge Frauen aus Rumänien leben derzeit im Bildungshaus Lohhof, das vom Verein „Christen bauen Brücken über Grenzen“ getragen wird. Sie leisten gegen ein Taschengeld freiwillige Arbeit in sozialen Einrichtungen wie dem Förderzentrum, Haus St. Josef und den Alten- und Blindenheimen Pfaffenhausen. Finanziert wird das Projekt aus EU-Mitteln, sagt Rieth. In ein bis zwei Jahren sollen 15 Freiwillige in Lohhof leben.

Seinen 85. Geburtstag wird der Pater nicht im Unterallgäu verbringen. Er reist nach Dresden, wo er mit 80 Weggefährten feiern will. Auch der Dresdner Bischof hat sein Kommen zugesagt. Auch dort lebte Rieth schon mal. Unmittelbar nach der Wende knüpfte er von dort aus auch erste Kontakte in den früheren Ostblock.

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