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Unterallgäu

23.05.2020

Wie vier Unterallgäuer Corona er- und überlebt haben

Rund 3500 Mal wurden im Unterallgäu Menschen auf das Coronavirus getestet. 270 Mal fiel der Test positiv aus. Wir haben nach Infizierten gesucht, die uns ihre Geschichte erzählen wollen – darunter auch ein 53-jähriger Mann aus dem Unterallgäu.
Bild: Marcus Merk

Plus Vier Betroffene berichten von ihrer Infektion mit dem Coronavirus und darüber, was die Krankheit mit ihnen gemacht hat.

Corona ist in aller Munde, Infektionszahlen, Lockdown und Maskenpflicht sind nur einige Schlagworte. Doch wie trifft das Virus eigentlich die Menschen? Wie krank ist man bei einer Corona-Infektion? Wir haben vier Unterallgäuer befragt, wie sie Corona er- und überlebt haben.

Fall 1: Ein 53-jähriger Sportler hatte Muskelschmerzen und Atemprobleme

Er ist Leistungssportler, Leichtathletik und Radfahren gehören zu seinen liebsten Sportarten – doch Ende März war erst mal Pause damit. Das Coronavirus hatte ihn erwischt – und zwar richtig. „Wenn ich mich als Sportler schon so schwer tue damit, wie ergeht es dann anderen?“, fragt sich ein 53-jähriger Unterallgäuer, der lieber anonym bleiben möchte.

Er warnt jeden, mit dem er darüber spricht, vor dem Virus – und wenn er die Proteste und Hygienedemos im Fernsehen sieht, „krieg ich einen richtig dicken Hals“. Auch die Politiker seien noch nie mit einer solchen Situation konfrontiert gewesen, sagt der 53-Jährige. Da sei es absolut verständlich gewesen, dass solche strengen Maßnahmen ergriffen wurden – und letztlich auch gewirkt hätten.

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Er selbst hatte sich wohl über seine Frau, die als Krankenpflegerin arbeitet, infiziert. Ein erster Test verlief noch negativ, tags darauf begannen allerdings die Symptome – ein zweiter Test fiel dann positiv aus. Dass es sich bei der Infektion um keine normale Erkältung handelte, hatte der Unterallgäuer aber auch so gemerkt. Von seinen extremen Muskel- und Gelenkschmerzen wachte er nachts auf. „Ich weiß, was Muskelkater ist, aber dass der im ganzen Körper auftritt, das kenne ich nicht.“ Er hatte ein bisschen Fieber, aber keinen Husten oder Schnupfen wie seine Frau, die eher unter klassischen Erkältungssymptomen litt – aber er habe gemerkt, dass ihm das Atmen schwer fiel. „Das macht einem Angst“, sagt er. „Verschlechtert sich das? Muss ich morgen ins Krankenhaus und beatmet werden?“ Zehn Tage lang hielten die Atemprobleme bei ihm an.

Von den erwachsenen Kindern strikt getrennt

Um die beiden erwachsenen Kinder nicht anzustecken, haben er und seine Frau strikt von ihnen getrennt gelebt und zwischendrin alles regelmäßig desinfiziert. In der Quarantäne hat der 53-Jährige viel im Garten gemacht, auch mal auf der Terrasse sitzend mit Bekannten gesprochen, die in entsprechendem Abstand auf der Straße vorbeikamen. Wenn er heute jemanden von seiner Erkrankung erzählt, die bis Anfang April anhielt, „zucken sie alle zusammen und gehen einen Schritt zurück“, sagt er. Er ist froh, dass sein erster Test noch negativ ausfiel. So könne er sich sicher sein, niemanden angesteckt zu haben

Sein Blickwinkel habe sich verändert. „Ich denke, viele Menschen halten diese Erkrankung für harmlos, was sie aber für viele Menschen nicht ist“, sagt der 53-Jährige. „Ich bin sehr sportlich und es hat mich doch überrascht, wie es alles verlaufen ist – wobei es bei mir auch noch ein leichter Verlauf war.“

Fall 2: Andrea Irlbeck war gleich doppelt betroffen

Als die Corona-Krise losging, war die freiberufliche Dozentin Andrea Irlbeck aus Tussenhausen erst mal alle Aufträge los. Arbeit bekam sie schließlich über eine Bekannte, die ein Seniorenheim leitet. Doch dann gab es dort die ersten Corona-Fälle – und einen Massentest. Zwei Tage später bekam die 37-jährige Tussenhausenerin leichtes Fieber. An einem Samstag um 22.25 Uhr – Andrea Irlbeck lag schon im Bett – dann der Anruf: Der Test war positiv. An Schlaf war plötzlich nicht mehr zu denken. Da war die Angst vor dem, was kommt, aber vor allem die Angst davor, jemanden infiziert zu haben, etwa die frischgebackene Mutter, die sie erst kurz zuvor besucht hatte. „Das war für mich die größte Panik.“

Schlimme Hustenanfälle und ein Ziehen in der Lunge

Es folgten eineinhalb Wochen, in denen Andrea Irlbeck sich schwach fühlte, wie sie sagt. Sie spürte ein Ziehen in der Lunge und bekam schlimme Hustenanfälle. Auch später, da ist sie schon wieder negativ getestet worden, braucht sie noch zwei Wochen Erholung – von der Kraft und von der Lunge her. Ein Lungenfacharzt, der sie untersucht, findet gottseidank keine Auffälligkeiten.

Und auch eine andere Befürchtung bewahrheitet sich nicht: Andrea Irlbeck hat niemanden angesteckt, nicht mal ihre Eltern, die im selben Haus wohnen und mit denen sie gemeinsam zu Mittag gegessen hat. Auch sie bleiben in Quarantäne, sicherheitshalber – Kontakt haben sie aus der Ferne, Essenslieferungen gibt es per Korb und Schnur über den Balkon.

Jetzt ist sie für Lockerungen mit Bedacht und Anstand

Andrea Irlbeck glaubt, dass die Corona-Maßnahmen anfangs richtig und wichtig waren, ist aber jetzt auch für Lockerungen „mit Bedacht und Abstand“. Ihre Arbeit läuft langsam wieder an – das ist gut für sie, denn auch die Soforthilfe hält nicht ewig. Sie freut sich darauf, mal wieder mit ein paar Leuten gemeinsam zu grillen. Großveranstaltungen hält sie hingegen derzeit nicht für sinnvoll. Auch die Demonstranten kann die 37-Jährige nicht verstehen. „Wenn ich mir so anschaue, was da für Leute herumlaufen, finde ich das beängstigender als Corona.“

Fall 3: Felix Förster war 18 Tage in Quarantäne

Die Freude ist groß, als Felix Förster nach 18 Tagen Quarantäne zum ersten Mal wieder richtig raus darf: „Für mich war es ein Riesen-Highlight, spazierengehen zu können“, erinnert sich der 21-Jährige. Die Erkrankung mit dem Coronavirus hat einiges verändert. „Es hat mir gezeigt, auf welche Leute man sich verlassen kann“, sagt der BOS-Schüler aus Bad Wörishofen. Bei manchen habe es ihn überrascht, dass sie sich gemeldet und ihm Hilfe angeboten haben, bei anderen wiederum habe er sich gewundert, dass sie gar keinen Kontakt suchten.

Woher er das Virus hatte, weiß er nicht

„Wo hast du dir das eingefangen?“ war eine Frage, die er häufig zu hören bekam. Förster war bereits Anfang März erkrankt, als es deutschlandweit gerade einmal ein paar Tausend bestätigte Fälle gab. Ob er sich das Virus irgendwo in Deutschland geholt hatte oder ob seine Eltern, die drei Wochen zuvor aus Südtirol zurückgekommen waren, es möglicherweise mitgebracht hatten, ist eine Frage, die sich heute nicht mehr beantworten lässt.

„Nicht schwerwiegender als eine Grippe, aber was ganz Eigenes“ sei die Corona-Infektion bei ihm gewesen, berichtet der 21-Jährige. Er habe unter Halsschmerzen, Husten und einmal unter heftigen Kopfschmerzen gelitten und sich schlapp gefühlt. Am außergewöhnlichsten war der Geschmacksverlust. „Kaffee hatte einen komischen säuerlichen Geschmack, ungenießbar“, erinnert er sich. Auch der Döner, den er sich nach Hause liefern ließ, schmeckte fad.

Er hat vielleicht auch seinen Kumpel angesteckt

Zwar konnte sich Förster während der Quarantäne auch mal auf die Terrasse setzen, aber „Spaß gemacht hat das auf keinen Fall“ – zumal ihn gerade anfangs die Sorge beschlich, wen er womöglich noch mit dem Virus angesteckt haben könnte. Auch sein Kumpel Hai Son Le wurde positiv getestet.

Er findet es gut, dass man in Deutschland das Recht hat, zu protestieren, sagt Förster über die aktuellen Demos. Allerdings sollte man sich dabei trotzdem an die Regeln halten – aus Rücksicht: „Man kann es sehr schnell bekommen und es kann jeden treffen.“

Fall 4: Hai Son Le wurde oft komisch angeschaut

Es war zu der Zeit, als das Coronavirus noch nicht in Deutschland angekommen war, ja, noch nicht mal in Europa, da erntete Hai Son Le schon schräge Blicke. Der 23-Jährige, dessen Eltern aus Vietnam stammen, ist in Deutschland geboren – doch als die Pandemie in China ihren Anfang nahm, wurde der Mindelheimer mit dem asiatischen Aussehen auf einmal komisch angeschaut, wie er erzählt. Er ist nicht der Einzige mit asiatischen Wurzeln, der von einer solchen Stigmatisierung gerade in der Corona-Anfangsphase berichtet.

Nachdem sein Kumpel Felix Förster, mit dem er Zeit verbracht hatte, Mitte März positiv auf Corona getestet wurde, stand auch bei Hai Son Le der Test an – und er war ebenfalls positiv. Ob Le sich bei seinem Freund angesteckt hatte oder ob sie sich beide beispielsweise beim gemeinsamen Besuch einer Bar infiziert haben, wird unklar bleiben. Zwei Wochen lang verbrachte der 23-Jährige in Quarantäne, seine Eltern mussten noch zwei Wochen dranhängen. Heute weiß er: „Bei mir war die Infektionskette vorbei.“

Schüttelfrost, Halsschmerzen und Schwindel

Ein bis zwei Tage lang ging es Hai Son Le nicht gut: Er litt unter Schüttelfrost, hatte die Heizung voll aufgedreht und fror trotz zwei Decken immer noch. Kopfschmerzen, Schwindel und Halsschmerzen kamen hinzu, und Husten. Einmal wachte er nachts auf und atmete schwer. „Aber ich weiß nicht, ob man sich das einbildet“, sagt er rückblickend. Angst habe er in dieser Zeit nicht verspürt, „aber die Decke fällt einem auf den Kopf“. Dennoch hält er die politischen Maßnahmen für sinnvoll – anders als vor seiner Erkrankung. „Ich dachte, dass das hochgepusht wird“, sagt der 23-Jährige. Er habe mit seinen milden Symptomen Glück gehabt, doch so gut gehe es ja nicht jedem Infizierten.

Lob für das Gesundheitsamt

Er ist froh über die Hilfsbereitschaft seiner Freunde, die für ihn eingekauft und regelmäßig mit ihm telefoniert haben. Und Hai Son Le lobt das Unterallgäuer Gesundheitsamt. Es habe regelmäßig bei ihm angerufen und gefragt, wie es ihm geht.

Lesen Sie auch unseren Kommentar dazu: Vier Corona-Infizierte, vier Erfahrungsberichte, eine Gemeinsamkeit


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