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Memmingen/Volkertshofen

12.06.2019

Armbrust-Attacke: Opfer konnte lange Zeit nicht am Fenster stehen

Der Angeklagte und sein Rechtsanwalt Thorsten Storp am Dienstag vor dem Landgericht Memmingen. Der 42-Jährige muss sich dort wegen versuchten Mordes verantworten.
Bild: Karl-Josef Hildebrandt, dpa

Der 29-Jährige lässt die Prozessbeteiligten am Landgericht in Memmingen neun Monate nach der Armbrust-Attacke in sein Inneres blicken.

Emotional beginnt der zweite Tag im Armbrust-Fall vor dem Landgericht Memmingen: Die Stimme des Geschädigten zittert, als er erzählt, wie er den Moment erlebt hat, als der Angeklagte auf ihn geschossen hat. Er räuspert sich öfter, muss schnäuzen und entschuldigt sich bei Vorsitzendem Richter Christian Liebhart, wenn seine Stimme bricht.

Er sei am Abend des 14. Septembers 2018 bei seiner Freundin in Volkertshofen gewesen, dort habe er schon fast gewohnt. Sie sei beim Arbeiten gewesen, die beiden haben kurz zuvor noch überlegt, ob er sie abholen solle. Denn, so schildert es der 29-Jährige, sie haben beide Angst gehabt, nachdem am Abend zuvor jemand ums Haus geschlichen sei. Gegen 21.15 Uhr habe er sich also eine Zigarette gedreht und sich ans offene Küchenfenster gestellt. "Dann ging alles schnell, ich habe noch Schritte gehört und dann stand plötzlich jemand vor mir", erzählt der Geschädigte stockend. Draußen sei es dunkel gewesen, er selbst habe deswegen umso schlechter aus dem erleuchteten Zimmer etwas erkannt.

"Mit zittriger Stimme habe ich ihn gefragt, wer er ist", erinnert sich der 29-Jährige. Die Antwort: Wer bist du, du Arschloch? Zeitgleich mit dem Schimpfwort habe der Mann den Arm gehoben und abgedrückt. "Ich habe noch so ein für Bogen typisches Geräusch gehört, dann steckte schon der Pfeil in mir." Er habe diesen reflexartig rausgezogen, das Fenster irgendwie geschlossen und sei zunächst zu Boden gesackt. Dann habe er die Polizei verständigt. Irgendwie habe er sich trotz seines Schocks gedacht, er erkenne den Mann von Fotos als den Ex-Freund seiner Freundin.

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Armbrust-Schütze baut Unfall auf Flucht

Die geladenen Polizisten bestätigen vor Gericht, dass der junge Mann sichtlich aufgeregt gewesen sei, als sie am Tatort ankamen. "Er konnte zwar kurz stehen, hatte aber wohl große Schmerzen", sagte ein Beamter. Auch dort äußerte der Geschädigte die Vermutung, der Ex-Freund seiner Freundin könnte ihn angeschossen haben. Daraufhin wurde eine Fahndung eingeleitet. Kurz darauf stellte sich heraus, dass der Angeklagte offenbar auf der Flucht mit seinem Auto einen Unfall zwischen Hausen und Aufheim gebaut hatte. Die Armbrust, so schildern es Polizisten, lag im Fußraum auf der Beifahrerseite. Der 42-Jährige kam verletzt ins Krankenhaus, bei einer späteren Haar-Untersuchung stellte sich heraus, dass er Schmerz- und Schlafmittel intus und zuvor regelmäßig konsumiert hatte.

Dem 29-jährigen Geschädigten geht es eigener Aussage nach körperlich wieder weitgehend gut. Doch seit er von dem Pfeil einer Armbrust getroffen wurde, leidet er unter psychischen Problemen. Er sei mehrere Wochen in einer psychosomatischen Klinik gewesen, noch heute leide er an Depressionen. Auch die Beziehung zu seiner Freundin sei kurz nach der Tat zerbrochen. Nach der Aussage ergreift der Angeklagte das erste Mal selbst das Wort und entschuldigt sich: "Ich weiß selber, wie es ist, krank zu sein, ich wollte dir nie wehtun."

Die Staatsanwaltschaft vermutet nach wie vor eine Beziehungstat aus Eifersucht, der Angeklagte hatte dies, wie berichtet, bestritten. Er könne sich selbst nicht erklären, wie es zur Tat kam – doch für seine Ex-Freundin habe er sich gefreut.

Weitere Verhandlungstage zum versuchten Mord mit der Armbrust

Die Frau sprach im Zeugenstand davon, dass der Geschädigte sehr eifersüchtig gewesen sei. Mehrmals habe er auch sie körperlich angegangen. Zudem sei er regelrecht ausgerastet, wenn sie den Namen ihres Ex-Freunds – des Angeklagten – erwähnt habe. "Dabei ist das doch nach zehn Jahren Beziehung normal", sagt sie vor Gericht. Ihrem neuen Lebensgefährten habe es vor allem nicht gefallen, dass der Angeklagte oft den Kontakt zu seiner Ex gesucht habe. Wie vor Gericht herauskam, war der insbesondere von Juli bis September 2018 rege: Da haben die beiden mehr als 800 WhatsApp-Nachrichten ausgetauscht.

Ihre zehnjährige Beziehung mit dem Angeklagten beschreibt die 32-jährige Frau vor Gericht als harmonisch und den Angeklagten als "lieben Menschen", der einem nichts Böses wolle. Bei der Polizei sagte sie dagegen kurz nach der Tat aus, dass es regelmäßig derart Streit gab, dass Teller oder gar Steine geflogen seien. Im Protokoll der Polizei steht laut Richter Liebhart wiederum nicht, dass der Geschädigte aufbrausend gewesen sei. Der Richter hakt in dieser Sache am zweiten Prozesstag immer wieder intensiv bei der Zeugin nach. Für die weitere Aufklärung sind bislang noch vier weitere Verhandlungstage angesetzt.

Hier lesen Sie den Text über den Prozessauftakt: Mordversuch mit Armbrust: Angeklagter gesteht Tat

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