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Ulm

23.11.2018

Ausstellung im Museum Ulm widmet sich den Geistern des alten Japan

Eine Szene aus dem Kabuki-Theater: In diesem Holzschnitt von Ichikawa Kodanji aus dem Jahr 1851 verkörpert der Schauspieler Ichikawa Kodanji IV den Geist Asukara Togo. Die Theaterbilder waren beliebte Erinnerungsartikel.
Bild: Ukiyo-e-Gallery – Hannspeter Kunz Sigmaringen

Die Ausstellung „Von Zauberwesen, Ungeheuern & Gespenstern“ im Museum Ulm zeigt Farbholzschnitte aus dem 18. und 19. Jahrhundert.

Wenn in Japan die Erde bebt, liegt das an einem riesigen Wels. So jedenfalls glaubten es jedenfalls die Bewohner der Hauptinsel Honshu in der sogenannten Edo-Zeit, von 1603 bis 1868. Wenn sich der Fisch bewegt, bewegt sich auch die Erde darüber, so die – schon damals nicht ganz ernst gemeinte – Vorstellung der Menschen. Was aber nicht heißt, dass der Wels, japanisch „namazu“, die Japaner in Angst und Schrecken versetzte. Im Gegenteil, er wurde zum Star eines eigenen Gruppe von Farbholzschnitten, den sogenannten namazu-e. Und in denen lässt das Riesentier nicht nur die Erde beben: Er marschiert auch bei Umzügen mit oder macht Frauen glücklich.

Der Wels ist einer der eigenwilligen Helden der Ausstellung „Von Zauberwesen, Ungeheuern & Gespenstern“, die das Museum Ulm nun in seinem Grafikkabinett zeigt. Kuratiert wurde sie von Hannspeter Kunz aus Sigmaringen, dem auch ein Großteil der rund 200 Exponate gehören. Kunz, früher Lehrer von Beruf, sammelt seit rund 40 Jahren die sogenannten ukiyo-e, übersetzt „Bilder des vergänglichen Lebens“. Und diese zeigen nicht nur Straßenszenen, schöne Frauen oder Landschaften (wie der bekannteste japanische Holzschnitt, „Die große Welle vor Kanagawa“ von Katsushika Hokusai), sondern eben auch Dämonen und Geisterwesen.

Ausstellung im Museum Ulm: „Von Zauberwesen, Ungeheuern & Gespenstern

Die Japaner der Edo-Zeit hatten eine ungewöhnliche Beziehung zu den seltsamen Geschöpfen, die ihre Mythologie und Geschichten bevölkern. Die Wurzeln liegen in der Urreligion Shinto mit ihrer Vielgötterei und der Vorstellung einer Allbeseeltheit der Natur, sie hängt aber auch eng mit der Populärkultur der Edo-Zeit zusammen. Unter dem rigiden Militär-Regime der Tokugawa-Shogune war Japan von der restlichen Welt fast komplett abgeschirmt. Zudem wurden sämtliche Adligen des Inselreichs gezwungen, ihren Wohnsitz in das Fischerdorf Edo zu verlegen. Dieses, das heutige Tokio, war um 1700 auf rund 1,2 Millionen Einwohner gewachsen – und bot auch dem Bürgertum allerlei Zerstreuung.

Die wichtigste war das Musik- und Tanztheater Kabuki, das sich wiederum besonders oft mit Geistern beschäftigte. Aus mehreren Gründen: So konnte man über den Umweg der Fabelwesen die strenge inhaltliche Zensur umgehen. Und die Spukgeschichten, so erklärt Sammler Kunz, sollten im heißen Sommer der Erfrischung dienen: kalter Schauer gegen die Hitze. Die beliebten ukiyo-e waren das Medium, mit dem die Stadtbewohner Erinnerungen an die Stücke mit nach Hause nehmen konnten. Von manchen der Holzschnitte seien Hunderte, manchmal Tausende Abzüge verkauft worden. Wenn auf den Blättern sind also häufig nicht Ungeheuer zu sehen, sondern Kabuki-Schauspieler in Kostümen.

Im Museum Ulm: Ausstellung von japanischen Geister-Motiven

Die Ausstellung im Museum Ulm, die nach der Art der Geister sortiert ist, gibt einen faszinierenden Einblick in die Lebens- und Vorstellungswelt des alten Japan. Da ringen Samurai mit Monstern, fiese kleine Flussgeister, die sogenannten kappa, greifen muskulöse Männer an, und Ermordete kehren zurück, um sich an ihren Peinigern zu rächen. Doch nicht nur die Motive sind interessant, auch die Technik. Fein sind oft die Muster der Gewänder gearbeitet, leuchtend die Farben. Bei den besten Blättern, den ersten Abzügen, könne man sogar noch die Maserung Holzes, mit dem sie gedruckt wurden, erkennen.

Kein Wunder also, dass die ukiyo-e bis heute Einfluss auf Kreative haben – vor allem auf japanische Comics (Manga) und Zeichentrickfilme (Anime). Im zweiten Geschoss der Ausstellung haben Besucher die Chance, anhand von Original-Zeichnungen und Zelluloids (unter anderem aus „Prinzessin Mononoke“ des Studio Ghibli) dieser Entwicklungslinie nachzuspüren, wobei das Thema Geister dabei etwas in den Hintergrund gerät. Aber auch europäische Künstler des 19. und frühen 20. Jahrhunderts waren von den japanischen Drucken hingerissen und inspiriert, darunter Vincent van Gogh, Paul Gauguin und James Ensor. Ihre Bilder hängen freilich in der Ausstellung. Dafür würdigt das Neu-Ulmer Edwin-Scharff-Museum derzeit dem böhmischen Japonisten Emil Orlik eine eigene Schau, bei der auch originale Farbholzschnitte aus dem Land der aufgehenden Sonne zu sehen sind. Japan-Freunde in Ulm und Neu-Ulm brauchen derzeit keine Gespenster, um aufgeregt zu sein.

„Von Zauberwesen, Ungeheuern & Gespenstern“ wird am heutigen Freitag, 23. November, um 18 Uhr eröffnet und läuft bis 14. Februar.

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