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Ulm

07.05.2018

Blutrache-Prozess: Bilder der Leiche lassen Angeklagten kalt

Dem Angeklagten wird Mord aus Blutrache vorgeworfen.
Bild: Thomas Burmeister, dpa (Archiv)

Vor dem Ulmer Gericht schildern Zeugen, wie der Leichnam des bei Erbach ermordeten Albaners gefunden wurde. Die Bilder lassen den mutmaßlichen Mörder unberührt.

Er wollte sich eine Woche Anglerurlaub mit seiner Frau gönnen. Doch dann machte der Mann an dem Fischer-See bei Erbach den schrecklichsten Fang seines Lebens: Eine Leiche, mit einer Plane umwickelt, schwamm im Gewässer. Mit einer dicken Angelschnur zogen der Mann und ein weiterer Fischer das Paket ans Ufer und alarmierten die Polizei. Die Beamten bargen den Körper eines 19-jährigen Albaners aus dem See. Der junge Mann ist nach Auffassung der Staatsanwaltschaft das Opfer einer grausamen Blutrache geworden. Ein 46-jähriger Mann aus Göppingen muss sich wegen Mordes vor dem Schwurgericht Ulm verantworten. Am Montag hatten die Zeugen das Wort.

Die für hiesige Breitengrade unfassbare Geschichte spielte sich im April vergangenen Jahres ab und hat folgenden Hintergrund: Zwischen der Familie des Opfers und einer dem Angeklagten mit serbischen Wurzeln nahe stehenden Familie spielt sich seit Jahren ein blutiger Streit ab. Dieser hat vor 18 Jahren begonnen, als ein Onkel des Opfers von Erbach den Angehörigen einer anderen Sippe auf offener Straße in der Industriestadt Elbasan in Albanien erschossen hatte. Während der Todesschütze von Elbasan deswegen noch heute eine 25-jährige Freiheitsstrafe absitzt, übte die Familie des Erschossenen blutige Rache an seinen Angehörigen.

Ein Polizeitaucher bei der Spurensuche in einem Erbacher Anglersee, nachdem dort im Juni vergangenen Jahres die Leiche aufgetaucht war.
Bild: Polizei Ulm (Archiv)

In den beiden darauffolgenden Jahren wurden der Vater und ein Onkel des jetzt ermordeten 19-Jährigen getötet. 2016 beschloss die Familie des in Elbasan erschossenen Mannes, auch das verbliebene männliche Mitglied der verfeindeten Familie nach den Regeln des Kanun, also des albanischen Blutrache-Rechts umzubringen, sobald dieses erwachsen geworden war. Akribisch wurde der Aufenthaltsort des Erbacher Mordopfers recherchiert. Der zur Tatzeit 19-Jährige genoss nach den Regeln der Blutrache keinen Schutz mehr, weil er volljährig geworden war. Dass er mit dem Vorfall, der die Blutrache ausgelöst hatte, so gut wie nichts zu tun hatte, spielte keine Rolle.

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Der junge Mann lebte mittlerweile in Steinfurt in Nordrhein-Westfalen und baute sich eine Zukunft in Deutschland auf. Der Angeklagte, der in Göppingen ein kleines, aber florierendes Unternehmen betreibt, war zuvor nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft bekam er den Auftrag zu töten nach dem jahrhundertealten, mündlich überlieferten Gewohnheitsrecht Kanun.

Das Opfer ließ sich mit einem angeblichen Drogengeschäft locken

Der Göppinger soll einen mysteriösen Begleiter namens Don zugeteilt bekommen haben. Das haben aufwendige Ermittlungen einer 40-köpfigen Sonderkommission ergeben. Der Angeklagte besuchte den jungen Mann, erschlich sich sein Vertrauen und lockte ihn mit einem angeblich lukrativen Drogengeschäft. Der 19-Jährige ließ sich im April 2017 nach Erbach locken und tappte so in die tödliche Falle.

Der Angeklagte lud den jungen Mann laut Anklageschrift zu einem Uferspaziergang ein. Dann schnappte die Falle zu. Blitzschnell wurde dem 19-Jährigen eine Plastiktüte über den Kopf gestülpt, so die polizeilichen Ermittlungen. Neun wuchtige Hammerschläge beendeten das Leben des jungen Albaners. Der leblose Körper wurde mit einer Plane umwickelt, die dann sorgfältig verklebt und im Gewässer versenkt wurde. Eine fast 20 Kilo schwere Betonsäule sollte die Leiche für immer am Grund des Sees halten. Doch wie Kriminaltechniker im Zeugenstand berichteten, löste sich das Klebeband, das die Säule mit der Plane verband, allmählich auf. Die Leiche trieb nach oben.

Polizisten durchsuchen im Juli 2017 die Geschäftsräume des Angeklagten.
Bild: Alexander Wöl, dpa

Am Abend des 22. Mai 2017 entdeckte das Angler-Paar den toten Körper. Die Polizei öffnete die Plane vorsichtig und nahm Leichengeruch wahr. Die Bergung fotografierten die Beamten in allen Einzelheiten. Als die Bilder im Gerichtssaal gezeigt wurden, verzog der Angeklagte keine Miene. Er hatte am ersten Prozesstag Mitte April eine Beteiligung an der Tötung bestritten. Vielmehr habe er lediglich aus Angst vor seinem Landsmann Don Handlangerdienste verrichtet, etwa den Kauf der Plastikplane und der Klebebänder. Außerdem habe er dem bisher unbekannten Mittäter sein Auto geliehen.

Der Prozess wird am 16. Mai fortgesetzt. Ein Urteil wird erst im Januar 2019 erwartet.

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