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Ulm

22.11.2020

Containern: Mara aus Ulm macht sich strafbar, weil sie Lebensmittel retten will

Mara aus Ulm geht seit gut einem Jahr Containern. Die 19-Jährige rettet Obst, Gemüse oder Brot aus Supermarkt-Mülltonnen - und macht sich strafbar. Warum? Wir haben sie beim Containern begleitet.
Video: Michael Kroha

Plus Mara aus Ulm will gegen die Lebensmittelverschwendung vorgehen. Die 19-Jährige rettet Obst, Gemüse oder Brot aus Supermarkt-Mülltonnen - und macht sich strafbar.

Mara macht sich in wenigen Minuten strafbar. Überwachungskameras werden aufzeichnen, wie sie einen Diebstahl und Hausfriedensbruch begeht, im schlimmsten Fall kann sie vor Gericht landen. Doch das ist ihr in diesem Moment egal. Sie zieht ihren Schal über das Gesicht, faltet eine rote Einkaufstasche auseinander und läuft schnellen Schrittes in Richtung Supermarkt. Sie hofft, nicht gesehen zu werden. Es ist kurz nach 23 Uhr, einkaufen gehen will Mara um diese Uhrzeit nicht.

Weggeworfene Lebensmittel sind für Mara kein Müll

Mara heißt eigentlich anders. Doch da sie in dieser Geschichte etwas Illegales tut, haben wir ihren Namen zum Schutz geändert. Mara ist 19 und wohnt mit zwei Mitbewohnern in einer Wohngemeinschaft in Ulm. Seit Anfang des Jahres geht sie Containern. Das Wort kommt vom englischen „Container“ und bedeutet nichts anderes als weggeworfene Lebensmittel aus Mülltonnen von Supermärkten zu stehlen. Leute wie Mara werden umgangssprachlich auch Mülltaucher genannt. Doch für die Studentin sind weggeworfene Nahrungsmittel noch lange kein Müll.

Bananen, Joghurt und alte Brötchen: Beim Containern findet Mara oft Grundnahrungsmittel, manchmal aber auch richtige Schätze, wie zum Beispiel eingepackte Kekse oder Schokopudding. Erst am Ende sortiert sie die Lebensmittel.
Bild: Sophia Huber

Sie hat bis nach 23 Uhr gewartet, um Containern zu gehen. Um 22 Uhr schließen die Supermärkte in Ulm, frühestens eine Stunde nach Ladenschluss traut sich die 19-Jährige zu den Tonnen. Meistens geht sie zum gleichen Supermarkt. Auch heute. Mara blickt nach links, nach rechts und schnell wieder nach unten. „Aufpassen, hier oben sind die Überwachungskameras“, flüstert sie und zeigt in Richtung eines kleinen Kästchens an der Mauer des Gebäudes. Auf was sie heute Lust hat? „Bananen wären ganz gut, dann könnte ich mal wieder Bananenbrot backen“, sagt Mara leise und grinst in ihren Schal. Sie ist aufgeregt.

Gespannt hebt sie den Deckel der ersten Tonne und knipst ihre Taschenlampe an – und so schnell das Herz pocht, so schnell folgt die Ernüchterung: „Oh, die ist leer.“ Doch neben der blauen Mülltonne stehen noch fünf weitere. Der nächste Behälter, den sie öffnet, ist randvoll. Lauch, Äpfel, Joghurt, eine Packung Zaziki, Brezen, eingepackte Wraps und eine etwas matschige Avocado. „Mega, Avocados sind etwas Besonderes“, wispert Mara und legt die Frucht neben sich auf den Boden. Innerhalb weniger Sekunden werden es immer mehr. Dass manches Obst beschädigt ist und der Joghurt bereits offen, stört sie erst einmal nicht. „Wir sortieren später.“ Sie hat es eilig und will nicht erwischt werden. Schnell macht sie die Klappe zu und läuft zur nächsten Tonne.

Beim Containern macht man sich auch mal die Hände schmutzig

Ein Mülltauchgang – wenn man es so nennen kann, denn tief tauchen muss Mara in den prall gefüllten Tonnen nicht – ist in wenigen Sekunden erledigt. Etwa so lange, wie es dauert, altes Brot in den Abfall zu werfen. „Man darf beim Containern nicht zimperlich sein“, stellt Mara fest, als sie eine mit Joghurt verschmierte Packung Wraps aus der Tonne zieht. Verschimmelte oder verdorbene Lebensmittel nimmt die umweltbewusste Studentin nicht mit. Auch Fleischprodukte und Wurst kommen bei der Vegetarierin nicht in die Tüte. „Ich schaue schon, dass ich das bekomme, was ich selbst auch esse. Wenn mir doch mal die Fleisch gefüllten Maultaschen in die Tasche rutschen, verschenk’ ich sie einfach“, erklärt Mara.

In dieser Nacht ist die 19-Jährige besonders erfolgreich. Neben ihrer roten Tasche liegen mittlerweile noch zwei Salatköpfe, zwei Stangen Lauch, Radieschen, Gurken und Karotten: „Das gibt mal wieder viel Salat.“ Die letzte Tonne ist durchsucht.

Vielleicht fünf Minuten hat das Containern gedauert. Etwa fünf Kilo Lebensmittel stapelt Mara jetzt eilig in ihre Tüte, bevor sie zurück zur Straße läuft. Sie zieht ihren Schal etwas herunter und schnauft erleichtert durch. Dann lächelt sie. „Das Gefühl danach ist immer toll.“

Doch es hat gedauert, bis Mara sich das erste Mal an die Supermarkttonnen getraut hat. „Ich habe das Containern bei Leuten auf Instagram gesehen. Die haben gute Tipps gegeben. Aber ich wollte warten, bis ich 18 Jahre alt bin“, sagt sie. Beim ersten Mal habe sie noch Angst gehabt. „Ich glaube, da hab’ ich nur einen Salatkopf mitgenommen“, erzählt Mara und lacht. Ihre Eltern wissen vom illegalen Hobby ihrer Tochter. „Die sagen da aber nichts. Genauso wie meine Mitbewohnerinnen. Die freuen sich eher immer, wenn ich ihnen was Gutes mitbringe“, erzählt Mara.

Die Zahlen der Lebensmittelverschwendung in Deutschland schockieren

In einer Minute schafft sie es , Zutaten für etwa drei Mahlzeiten aus der Tonne zu retten. Pro Sekunde landen 313 Kilo genießbare Nahrungsmittel in Deutschland im Müll. Das hat die Naturschutzorganisation World Wide Fund For Nature (WWF) im Jahr 2017 in der Studie „Das große Wegschmeißen“ herausgefunden. Im Jahr sind das über 18 Millionen Tonnen. Für Mara sind die Zahlen schockierend, dass sie sich als Lebensmittelretter jedoch strafbar macht, ist ihr bewusst.

Das Amtsgericht Fürstenfeldbruck hat im Januar 2019 zwei Studentinnen wegen Containerns schuldig gesprochen. Die beiden wurden wegen gemeinschaftlichen Diebstahls zu einer Geldstrafe von 225 Euro und jeweils acht Stunden gemeinnütziger Arbeit bei der Tafel verurteilt.

Die reifen Bananen werden für Smoothies oder Bananenbrot eingefroren, das restliche Gemüse und Obst gewaschen. Oft kann Maras WG davon mitessen.
Bild: Sophia Huber

Inzwischen ist es kurz vor ein Uhr, Mara ist wieder zu Hause und legt ihre Ausbeute auf den Küchentisch. „Hätte ich das alles eingekauft, hätte ich mindestens 30 Euro gezahlt“, schätzt sie und streckt sich nach der letzten Mandarine in der Tasche. Doch ums Sparen geht es ihr nicht. „Deswegen würde ich nicht raus und mich strafbar machen“, sagt sie. „Es wird zu viel weggeworfen. Das ist der Hauptgrund. Dass ich weniger Einkaufen gehen muss, ist ein netter Nebeneffekt.“

Containern in Deutschland ist politisch umstritten

Sie hat keine Angst, erwischt zu werden. „Würde die Polizei mich schnappen, wäre ich kooperativ. Ich hab’ auch immer meinen Ausweis dabei. Und müsste ich vor Gericht, würde ich das publik machen und die Leute aufklären“, sagt Mara. Die Geldstrafe würde sie in Kauf nehmen, gemeinnützige Arbeit würde sie sogar gerne machen.

Die Lebensmittelrettung ist in Deutschland politisch umstritten. Einige Parteien, wie die SPD in Ulm fordern, dass das Containern straffrei wird– doch bis jetzt sind alle Initiativen gescheitert. Die Bundesregierung will die Lebensmittelverschwendung bis 2030 halbieren.

Nach dem Containern kommt die Arbeit: Um ein Uhr wird Gemüse gewaschen.

Sie fängt an, den Dreck von den Karotten zu schrubben. Und überlegt kurz. Dann sagt sie: „Ich habe nicht das Gefühl, eine Straftäterin zu sein. Ich finde, ich bin im Recht.“ Auch im privaten Haushalt werde zu viel weggeworfen, meint die 19-Jährige. „Natürlich nervt mich das, wenn ich eine Woche nur Salat essen muss. Aber ich bin immer froh, wenn ich am Ende alles verwertet habe“, sagt Mara. Durch das Containern kommt sie in den Genuss von Dingen, die sie im Supermarkt nicht kaufen würde: Südfrüchte beispielsweise, wie die bei Mülltauchern beliebte Banane. Die würde Mara wegen der langen Reise und der schlechten Arbeitsbedingungen der Erntehelfer nicht einkaufen. Containern schon.

Inzwischen ist sie bei den Tomaten angekommen, die fauligen sortiert sie aus. Sie überlegt, was sie die Tage kochen will. „Gefüllte Wraps und einen großen Salat“, sagt sie. Die reifen Bananen schneidet Mara klein und friert sie ein. Der Rest kommt nach dem Waschen in den Kühlschrank. „Und jetzt fängt das Tetrisspielen wieder an“, sagt Mara und schmunzelt, als sie den Kühlschrank öffnet – der ist bereits gut gefüllt.

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22.11.2020

>> Südfrüchte beispielsweise, wie die bei Mülltauchern beliebte Banane. Die würde Mara wegen der langen Reise und der schlechten Arbeitsbedingungen der Erntehelfer nicht einkaufen. Containern schon. <<

Der Erntehelfer kann sich angesichts einer derartigen "Solidarität" sehr glücklich schätzen.

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22.11.2020

Aha. Ich hab jetzt bloss nicht verstanden, welches Verhalten von Mara dem Erntehelfer mehr bringen würde?
Klären Sie mich bitte auf

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22.11.2020

Respekt!
vor denen, die sonst nicht an genügend Lenensmttel rankommen,
Und auch vor denen wie Mara, die es eigentlich nicht nögih hat, aber uns dieses perverse System vor Augen führt. Kein Respekt vor dem Gesetzgeber, den allein die Gewinnmaximierung der Lebensmittelkonzerne leitet.

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