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Ulm

13.02.2020

Die Spuren einer Vergewaltigung sichern

Je näher sich Täter und Opfer einer Vergewaltigung stehen, desto seltener kommt es zu einer Anzeige.
Bild: Julian Stratenschulte/dpa (Symbolfoto)

Plus Ein Ulmer Angebot soll Frauen dabei unterstützen, nach einem Übergriff Beweise zu sammeln. Doch nicht alle Opfer entscheiden sich für eine Anzeige.

Ab Montag werden Plakate in Bussen und Bahnen und in der Ulmer Innenstadt zwei Wochen lang auffällig auf ein Angebot von Universitätsklinik Ulm und Frauenberatungsstelle Ulm hinweisen: Die Möglichkeit einer vertraulichen Spurensicherung soll Frauen und Mädchen nach Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung unterstützen, indem eine kostenlose und vertrauliche medizinische Untersuchung nach sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen gemacht werden kann.

Bild: Dagmar Hub

Eine Anzeige kann auch noch später gestellt werden, wichtig ist zunächst die Sicherung der Spuren der Straftat. Das Angebot gibt es seit 2015, dem Frauenbüro der Stadt Ulm und dem Verein Frauen helfen Frauen ist die Vermittlung des Themas sehr wichtig. Die Kampagne zeigt bereits im Vorfeld Wirkung: Das Neu-Ulmer Krankenhaus möchte sich gern einklinken und die vertrauliche Spurensicherung ebenfalls anbieten, erzählt Oberärztin Annette Handke-Vesely von der Ulmer Frauenklinik.

Hilfe für Frauen und Mädchen, die Opfer eines Übergriffs wurden

Die Sozialpädagogin Sonja Fröhlich von der Frauenberatungsstelle von Frauen helfen Frauen weiß, wie Mädchen und Frauen meist auf eine Vergewaltigung reagieren: Nach dem traumatischen Erlebnis läuft eine Reaktionskette ab: „Duschen, heim ins Bett und unter die Decke – verdrängen“, berichtet sie. Doch genau diese Reaktionskette verhindert die Strafverfolgung des Täters, denn viele Strafverfahren im Bereich der sexuellen Gewalt werden aus Mangel an Beweisen eingestellt.

Die Spuren einer Vergewaltigung sichern

Eine Sicherung der Spuren einer Straftat gegen die sexuelle Selbstbestimmung sollte aber – unabhängig davon, ob eine Anzeige erfolgt oder nicht – möglichst zeitnah nach der Tat erfolgen, und vor der Untersuchung sollte sich das Opfer weder duschen noch waschen oder umziehen. K.-o.-Tropfen beispielsweise sind nur wenige Stunden lang nachweisbar. Gesicherte Spuren können auch für eventuelle Opferentschädigungsansprüche wichtig sein.

Angebot für Opfer von Vergewaltigungen in Ulm und Umgebung

Die Kriminalpolizei Ulm stellt der Universitätsfrauenklinik am Michelsberg die notwendigen Untersuchungsets in einer verschließbaren Plastikbox zur Verfügung. Darin enthalten ist alles, was unter den unterschiedlichsten Gegebenheiten für eine solche Untersuchung benötigt werden kann, berichtet Wolfgang Janni, Direktor der Frauenklinik. Eine solche Systematisierung des Handels – vom Tupfer bis zur „Pille danach“ – war wichtig, um ein einheitliches Verfahren zu haben und ausgestattet zu sein für verschiedenste Fälle. Etwa alle zwei bis vier Wochen kommt eine Frau zu einer solchen Spurensicherung in die Universitätsfrauenklinik, sagt Janni – wenig im Verhältnis zu etwa 531 Fällen angezeigter Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung im Jahr 2018 – wobei die Dunkelziffer deutlich höher liegen dürfte. Die Frauen kommen meist aus dem Raum Ulm/Neu-Ulm und den Landkreisen, für die die Universitätsfrauenklinik Anlaufstelle ist.

Zwei Jahre lang werden die gesicherten Gegenstände und Proben aufbewahrt. In dieser Zeit hat das Opfer nach der Bewältigung des ersten Schocks Raum, sich zu überlegen, ob es Strafantrag gegen den Täter stellen will oder nicht. In einer solchen Entscheidung steht beispielsweise die Frauenberatungsstelle dem Opfer bei, das sich über die jeweiligen Folgen von Handeln und Nicht-Handeln klar werden muss. Denn je näher sich Täter und Opfer sind, weil der Täter beispielsweise aus dem Freundeskreis des Opfers stammt, aus der Familie oder dem Kollegenkreis, desto mehr Mut braucht das Opfer für die Anzeige, weil es sich dem Täter ausgeliefert fühlt. Desto seltener wird auch eine Anzeige gestellt. „Kennt man den Täter gut, ist die Hemmschwelle höher. Je ferner sich Täter und Opfer sind, desto eher erfolgen Anzeigen“, resümiert Wolfgang Janni. Aber auch in diesem Fall können Drohungen und Angst eine Anzeige verhindern. Nach Studien bleiben insgesamt zwischen 85 und 95 Prozent aller Sexualstraftaten ohne Strafverfolgung. Bei angezeigten Vergewaltigungen sank die Quote der Verurteilungen in den letzten Jahren.

Flyer, die über die ver- trauliche Spurensicherung informieren, und die beispielsweise in Arztpraxen, an Schulen, in Vereinen und anderen Institutionen ausgelegt werden können, sind über das Ulmer Frauenbüro und über die Frauenberatungsstelle in der Ulmer Olgastraße 143 erhältlich.

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