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Ulm

02.09.2008

Ein teuflischer Plan: Tod aus dem Marmeladeglas

Der Plan ist teuflisch, das Verbrechen grausam. Ende der 70er Jahre mischt ein Oberstudienrat seiner Frau eine hochgiftige Substanz in ihre geliebte Brombeermarmelade. Sie stirbt. Das Verbrechen füllt noch heute Fachbücher für Gerichtsmediziner. Von Roland Ströbele

Von Roland Ströbele

Ulm. Der Plan ist teuflisch, das Verbrechen grausam und heimtückisch. Ende der 70er Jahre mischt ein Oberstudienrat seiner Frau eine hochgiftige und krebserregende Substanz in die von ihr so geliebte Brombeermarmelade. Sie isst löffelweise davon und wird so schwer krank, dass sie an den Folgen der Giftmischerei stirbt.

Dieses Verbrechen ist zum damaligen Zeitpunkt einmalig auf der Welt und füllt noch heute Fachbücher für Gerichtsmediziner. Ironie des Schicksals: Der zu lebenslanger Haft verurteilte Chemielehrer stirbt zwei Jahre später im Heilbronner Gefängnis. Die brünette Frau musste nach Überzeugung des Gerichtes sterben, weil sie ihren Mann mit dem Hausarzt betrogen hatte und der Chemielehrer ihr diese Affäre nie verziehen konnte.

Das Verbrechen ist offenbar von langer Hand geplant. Der Chemielehrer an einem Ulmer Gymnasium bestellt seit November 1975 nachweislich drei Mal insgesamt 85 Gramm dieser hochgefährlichen Substanz auf Kosten der Schule. Der Name des Giftes bleibt geheim. Im Prozess wird es nur "N" genannt.

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Auf den Codenamen haben sich die Beteiligten verständigt um Nachfolgetäter nicht zu ermutigen und um einer Welle von weiteren Giftanschlägen vorzubeugen. Aus gutem Grund: In den 50er Jahren war es nach Bekanntwerden der Wirkungsweise eines giftigen Pflanzenschutzmittels zu einer ganzen Reihe von Verbrechen gekommen. das sollte sich nicht wiederholen.

Der Oberstudienrat mischt das organische Gift "N" in die Brombeermarmelade, die seine Frau so gern ist. Die 45-Jährige erkrankt schwer, muss immer wieder in die Uniklinik. Die Ärzte rätseln über die Ursache für die schwere Krankheit. Doch dann kann der Pädagoge offenbar nicht mehr länger warten. Er bringt seiner Frau wieder Brombeerkompott ans Krankenbett in der Ulmer Uniklinik. Die Frau isst ein paar Löffel davon und ihr wird prompt schlecht.

Als ihr Mann sich telefonisch erkundigt, ob sie die Marmelade aufgegessen hat, schöpft sie Verdacht. Daraufhin landet die Marmelade im gerichtsmedizinischen Institut in Tübingen. Die vier Mäuse, die damit gefüttert werden, sterben innerhalb von zwei Tagen.

Schnell wird die Substanz entdeckt. "N" schädigt nach wissenschaftlichen Erkenntnissen schon in kleinsten Dosierungen die Leber unheilbar. Es ist ein karzinogenes, ein Krebs erzeugendes Mittel, von dem ein Gramm bereits tödlich wirkt, aber im Körper sehr schnell abgebaut wird und somit nicht mehr nachweisbar ist.

Der Oberstudienrat wird unter dem Verdacht des versuchten Mordes festgenommen. Der Fachleiter für Chemie an einem Ulmer Gymnasium will von der Gefährlichkeit der Substanz nichts gewusst haben. Er habe damit Experimente in der Schule machen wollen, sagt er weiter. Das aber nehmen die Richter am Ulmer Landgericht dem als äußerst pedantisch und vorsichtig bekannten Mann nicht ab.

Viel wahrscheinlicher sei es, dass er sich an seiner Frau rächen und sie aus dem Weg räumen wollte, weil sie einer neuen Liebesbeziehung zu einer weitaus jüngeren Lehrerin im Weg war und weil er sich dafür rächen wollte, dass seine Frau - ebenfalls eine Lehrerin - ihn mit dem Hausarzt betrogen hat.

Er habe seiner Frau nie verzeihen können, dass sie ihrem Geliebten heiße Liebesbriefe geschrieben hat, dass sie ihm einmal in die Ferien nach Griechenland hinterherflog und ihn, den Ehemann, mit den beiden Kindern im Stich ließ. Deshalb habe er immer wieder "N" in die Brombeermarmelade gemischt.

Der Gerichtsvorsitzende Dr. Fischer damals: "Er nahm immer nur so viel von der teuflischen Substanz, dass sich die Leber langsam zersetzte." Die Frau blieb dadurch am Leben und der Körper baute das Gift ab, sodass es nicht mehr nachweisbar war. Für die Toxikologen vom Krebsforschungszentrum Heidelberg ist dies der weltweit einzig bekannt geworden Fall, bei dem "N" einem Menschen verabreicht worden ist.

Am, 13. April 1978 wird der inzwischen 50-jährige am Ende eines vier Tage dauernden Prozesses vor dem Ulmer Landgericht lebenslanger Lebenslanger Haft verurteilt, auch weil er heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen gehandelt habe. Die Frau des Oberstudienrates lebt zu diesem Zeitpunkt noch und befindet sich eine Zeit lang auf dem Weg der Besserung . Sie stirbt aber bald darauf an den Folgen der Vergiftung.

Der Oberstudienrat verbüßt seine Haftstrafe im Gefängnis in Heilbronn. Nach wenigen Jahren stirbt auch er. An Leberkrebs.

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