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Zeitgeschichte

23.10.2015

El Masri: Das verstörende Interview

Die US-Hauptstadtzeitung Washington Post hat vor Kurzem ein Interview mit Khaled El Masri veröffentlicht. So schrecklich die Schilderungen seiner Erlebnisse klingen, so bizarr sind manche seiner Aussagen.
Bild: Brücken

Das CIA-Entführungsopfer spricht über Gefangenschaft im Folterverlies, verharmlost Attacke gegen Oberbürgermeister und erhebt Vorwürfe gegen deutsche Behörden

Wenig war zuletzt über den Verbleib von Khaled El Masri bekannt – des Neu-Ulmers, der Opfer einer illegalen Entführung durch den US-Geheimdienst wurde. Und später durch einen brutalen Angriff auf den Neu-Ulmer Oberbürgermeister Gerold Noerenberg von sich reden machte. Dafür kam er in Haft, danach verließ er Deutschland. Nach seiner Ausreise im vergangenen Jahr – angeblich in ein arabisches Land – verlor sich seine Spur. Nun hat der Deutsch-Libanese, der zeitweise in Senden wohnte, erstmals seit Jahren ein Interview gegeben. Mit einer Reporterin der Washington Post sprach er über seine Erlebnisse in dem US-Geheimgefängnis in Afghanistan und die Zeit danach. Erniedrigt, beleidigt, bedroht und nackt ausgezogen worden sei er dort. Bei den Befragungen habe es Prügel gegeben. Sein Verlies sei sehr schmutzig gewesen, mit einem Plastikeimer als Toilette, das Essen und die Nahrung verschmutzt. Niemals habe er dafür von den Vereinigten Staaten eine Entschuldigung erhalten. Von den deutschen Behörden habe es nach seiner Freilassung keinerlei Unterstützung gegeben, stattdessen „Druck und Erniedrigung“.

Auch von den Menschenrechtsorganisationen, die ihn zeitweise unterstützten, zeigt sich El Masri tief enttäuscht. Diese hätten seinen Fall für ihre eigenen Interessen missbraucht. Als er und seine Familie Unterstützung gebraucht hätten, seien sie nicht da gewesen. Er erlaube nicht, dass irgendeine Organisation in seinem Namen spreche.

Unklar bleibt auch in dem Interview mit der US-Hauptstadtzeitung, welche Gründe letztlich zu der Entführung des Neu-Ulmers geführt haben. War es eine Verwechslung? Das Thema Multikulturhaus, ein früherer berüchtigter Neu-Ulmer Islamistentreff, in dem auch El Masri verkehrte, wird in dem Artikel nicht angesprochen.

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Direkt fragt ihn die Reporterin dagegen nach den Gründen für seinen Angriff auf den Neu-Ulmer Oberbürgermeister Gerold Noerenberg. El Masri dazu: Es habe eine Reihe von Vorfällen gegeben, niemand habe sich für die Ängste und Probleme seiner Familie interessiert. Dann sei er mit seinen Kindern ins Rathaus zu Noerenberg gegangen, doch der habe nicht mit ihm sprechen wollen. Daraufhin habe er das Büro betreten und ja, er habe ihm ins Gesicht geschlagen. Doch in dem englischsprachigen Interview steht eine Formulierung, die eher nach einer harmlosen Ohrfeige klingt. Tatsächlich hatte sich Noerenberg nach der Attacke in ärztliche Behandlung begeben müssen, die Richterin am Landgericht Memmingen sprach später von einer „extrem gewalttätigen Aktion“. Zwar hält im Prozess 2010 auch der Staatsanwalt El Masri durch seine Verschleppung für traumatisiert, aber eben nicht für verrückt und damit voll schuldfähig.

Er sagt nichts zum Thema IS, aber drohte, Schule anzugreifen

Im Interview mit der Washington Post wird El Masri auch gefragt, ob an den Gerüchten etwas dran sei, dass er der Terrormiliz Islamischer Staat beigetreten sei. Seine Antwort lässt alles offen: „Darüber will ich jetzt nicht sprechen. Ich werde darüber sprechen, wenn die Zeit reif ist.“Als die Reporterin nachhakt, ob er jemals daran gedacht habe, zum Islamischen Staat zu gehen, antwortet er: „Das ist etwas, dass ich für mich behalten werde.“ Auch eine weitere Passage im Interview klingt verstörend: „Ich schwöre bei Gott: Wenn Ihr eines meiner Kinder berührt, werde ich eine ganze Schule mit Euren Kindern angreifen.“ Dies habe er an das Jugendamt im Landratsamt Neu-Ulm geschrieben, als es um eine mögliche Inobhutnahme seiner Kinder gegangen sei.

Ein Sprecher des Landratsamts bestätigte auf Anfrage, dass es während der Haft El Masris Sorgen um dessen Kinder gegeben habe, diese hätten etwa zeitweise keine Schule mehr besucht. An eine Herausnahme der Kinder aus der Familie sei aber „nicht ernsthaft“ gedacht worden. Auch den Vorwurf El Masris, er habe von den deutschen Behörden keine Unterstützung erhalten, weist das Landratsamt zurück: „Ihm wurde Hilfe angeboten, doch der Umgang mit ihm gestaltete sich äußerst schwierig.“

Schließlich klärt das Interview auch die Frage nach El Masris Aufenthaltsort. Deutsche Behörden hatten vergangenes Jahr von seiner Ausreise in ein arabisches Land berichtet. Tatsächlich lebt der frühere Autohändler inzwischen in Wien. Seinen Asylantrag habe Österreich aber abgelehnt. Zeitweise habe er in einem Obdachlosenheim gewohnt, doch dort sei es „furchtbar“ gewesen. So wohne er heute „hier und dort“, bei Leuten, die er kenne. El Masris Fazit: „So sieht es mit meinem Leben heute aus. Nur weil ich nach der Wahrheit, Gerechtigkeit und meinem Recht als menschliches Wesen gefragt habe. Meine Familie und ich wurden bestraft.“

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