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Ulm

22.02.2018

Interview über Geschwister Scholl: „Sie sollten nicht umsonst gestorben sein“

Im Ulmer Stadtarchiv werden Flugblätter der „Weißen Rose“ aufbewahrt. Sie wurden Hans und Sophie Scholl zum Verhängnis.
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Im Ulmer Stadtarchiv werden Flugblätter der „Weißen Rose“ aufbewahrt. Sie wurden Hans und Sophie Scholl zum Verhängnis.
Bild: Alexander Kaya

DZOK-Leiterin Nicola Wenge spricht im Interview über das schwierige Verhältnis der Ulmer zu den Geschwistern Scholl, das Entstehen einer Erinnerungskultur und die Faszination heute

Frau Wenge, die Ulmer hatten lange ein schwieriges Verhältnis zu Hans und Sophie Scholl. Woran lag das?

Nicola Wenge: Hans und Sophie Scholl waren anfangs begeisterte HJ- und BDM-Mitglieder, die viele Gleichaltrige aus Ulm sehr rigide in die NS-Jugend gebracht haben. Der Prozess der Distanzierung vom Nationalsozialismus war vielen in Ulm nicht direkt nachvollziehbar. Zudem gab es zur Zeit der Hinrichtung eine große Hetzkampagne gegen sie, die lange nachwirkte. Viele Ulmer hatten Erinnerungen daran, wie sie selbst mit der Familie Scholl umgegangen sind.

Das schwierige Verhältnis hing auch mit Robert Scholl zusammen, dem Vater der beiden.

Wenge: Er wurde 1944 aus dem KZ Kislau entlassen, nachdem er zuvor wegen regimekritischer Äußerungen denunziert worden war. Robert Scholl ist nach Kriegsende von den Amerikanern zum ersten Ulmer Oberbürgermeister ernannt worden. Das war angesichts der Verfolgung und dem Verlust seiner Kinder sicher extrem herausfordernd, er hat die Herausforderung angenommen.

Spielte bei den Ulmern die Befürchtung eine Rolle, dass Robert Scholl eine Art Rachefeldzug führen könnte?

Wenge: Vielleicht am Anfang. Aber Robert Scholl hat explizit gesagt, er möchte keine Rachepolitik führen – im Gegenteil. Kritiker haben ihm sogar vorgeworfen, dass seine Entnazifizierungspolitik zu schwach gegenüber den Tätern war.

Das Verhältnis zwischen Stadt und Familie hatte auch eine andere Seite.

Wenge: Inge Scholl, die älteste Schwester der beiden, hat mit Otl Aicher und anderen in Ulm das Fundament für die Erinnerung an ihre Geschwister und den Widerstand der „Weißen Rose“ gelegt. Sie haben mit ihrem Anliegen Theodor Pfizer erreicht, der nach Robert Scholl Oberbürgermeister wurde. Pfizer hat bei der Gedenkfeier 1953 gesagt, in Ulm solle in Zusammenhang mit der „Weißen Rose“ nicht von Hochverrat gesprochen wird.

Wie hat Inge Scholl das geschafft?

Wenge: Sie war eine überragende Akteurin für eine kritische Demokratiearbeit in Ulm und eine geschickte Netzwerkerin. Sie hat die Ulmer Vh und die Geschwister-Scholl-Stiftung gegründet. Sie wollte, dass die Demokratie durch Bildung in der Stadt verwurzelt wird. Inge Scholl war sehr einflussreich.

Heute gibt es auch die Kritik, Inge Scholl habe das Schicksal ihrer Geschwister instrumentalisiert.

Wenge: Ich sehe das nicht so negativ. Sie wollte ihren Geschwistern ein Denkmal setzen. Die beiden sollten nicht umsonst gestorben sein. Inge Scholl wollte „im Geiste der Gemordeten“ Gesellschaft gestalten – so hat sie es immer ausgedrückt.

Wie ist das damals angekommen?

Wenge: Es gab in Ulm wichtige „Demokratisierer“. Doch es gab auch ein starkes Beharrungsvermögen und die Tendenz, sich nicht mit der NS-Geschichte auseinandersetzen zu wollen. Das Netzwerk derer, die von 1933 bis 1945 an der Macht waren, war noch da. Für die war der Kreis um Inge Scholl ein rotes Tuch.

Die Gesellschaft blieb lange polarisiert, das zeigt die Geschichte des Scholl-Gymnasiums. Den ersten Vorschlag, es nach Sophie zu benennen, gab es 1953. Seinen Namen bekam es erst 1972.

Wenge: Das positive Gedenken an den Widerstand der Weißen Rose war in den 70er Jahren noch nicht mehrheitsfähig. Es gab Argumente aus der Lehrerschaft und dem Elternbeirat, man könne doch keinen Tyrannenmord gutheißen. Dass die Scholls Mut und Zivilcourage bewiesen haben, wurde in den 70ern in weiten Teilen der Ulmer Bevölkerung noch nicht so gesehen.

Wann hat sich das geändert?

Wenge: Dazu haben die Entwicklungen der 70er und 80er Jahre beigetragen. Ein deutliches Signal, dass die Erinnerung in der Mitte Ulms angekommen war, war der 50. Jahrestag der Hinrichtungen 1993, als die Büsten im Stadthaus aufgestellt wurden.

Wie erklären Sie diese Veränderung?

Wenge: Es war ein gesellschaftlicher Lernprozess, der in dieser Zeit massiv an Fahrt aufgenommen hat. Das zeigt auch die immer differenziertere Beschäftigung mit dem Holocaust und dem bis dahin so ungeliebten KZ Oberer Kuhberg

Wie erleben Sie das Verhältnis heute?

Wenge: Es gibt es zum Beispiel eine große Neugier, welchen Entwicklungsweg die Geschwister Scholl gemacht haben. Es ist für sie faszinierend zu sehen, wie jemand, der so aktiv mitgemacht hat, die Kraft gefunden hat sich zu distanzieren und die Einsicht, die NS-Verbrechen so deutlich zu benennen. Wie finden sie den Mut dazu?

Gibt es heute noch kritische Stimmen?

Wenge: Nein. Aber es gibt Kritik daran, wie erinnert wird: Dass die Erinnerung manchmal nicht mehr an die konkreten Personen angebunden ist, sondern durch Idealisierungen zu einem Mythos werden kann.

Wie soll erinnert werden?

Wenge: Biografisch, in Ulm und München und an anderen Orten, an denen die „Weiße Rose“ gewirkt hat. Mit den originalen Quellen und mit einem Blick auf Lebensumstände damals und der Menschen heute. Auf diese Weise kann eine Nähe entstehen.

Interview: Sebastian Mayr

Nicola Wenge ist promoviert Historikerin. Seit Juli 2009 leitet die gebürtige Dortmunderin das Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg (DZOK) in Ulm.

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