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Ulm

24.03.2019

Klassik im Kornhaus: So etwas hört man in Ulm ganz selten

Zart und doch kraftvoll: Hanna-Elisabeth Müller im Kornhaus.
Bild: Felix Oechsler

Sopranistin Hanna-Elisabeth Müller bietet mit dem Württembergischen Kammerorchester ein Weltklasse-Konzert. Schuld an ihrem Auftritt war der Ausfall einer anderen Sängerin.

Die Sopranistin Hanna-Elisabeth Müller war – kurzfristig eingesprungen für die erkrankte Kollegin Christina Landshamer – als Ersatz für die Solo-Partien beim vierten Saisonkonzert des Württembergischen Kammerorchesters angekündigt. Das Wort „Ersatz“ jedoch wäre grundfalsch: Sowohl das WKO selbst als auch seine Gäste sind hochkarätig. Was Müller jedoch bot, ging weit über das hinaus, was man in Ulm sonst musikalisch erleben kann: Eine traumhaft schöne, vibratofreie Stimme, gleichzeitig kraftvoll wie unbeschreiblich zart und weich, ein Auftritt voll Seele, der im Kornhaus zu nicht enden wollendem Applaus führte.

Verdient hätte Müller nicht ein begeistertes, aber nur drei viertel gefülltes Kornhaus, sondern ausverkauftes CCU: Die 33-jährige lyrische Sopranistin, die 2016 dem Ensemble der Bayerischen Staatsoper in München entwuchs, 2017 an der Mailänder Scala und der New Yorker Metropolitan Opera debütierte und im Juni ihr Debüt am Londoner Royal Opera House Covent Garden feiern wird, erobert derzeit die renommiertesten Bühnen der Welt. Mit Arien aus Mozarts „Figaros Hochzeit“ beglückte sie das Publikum im Kornhaus und gab einen Vorgeschmack dessen, wie sie die Rolle der Susanna in Covent Garden (unter der Leitung von Sir John Eliot Gardiner) gestalten wird: ohne gefühliges Pathos, in makelloser Tongebung, aber intelligent und hingebungsvoll eingefühlt in die Rolle. Müller sang, als sei der Ulmer Auftritt mit den „Heilbronnern“ ein lang vorbereiteter Abend. Wunderschön nach den „Figaro“-Arien der Susanna und der Contessa auch Mozarts 15-minütige Konzertarie „Ah lo previdi“.

Case Scaglione dirigiert unprätentiös, aber präzise und einfühlsam

Das Württembergische Kammerorchester unter seinem neuen Leiter Case Scaglione begeisterte ebenso: sowohl mit der Fähigkeit, sich trotz der Programmänderung perfekt ausbalanciert zu zeigen als auch durch einen äußerst differenzierten Auftritt in den instrumentalen Teilen des Programms. Die Musiker folgen dem unprätentiös, aber extrem präzise und einfühlsam dirigierenden US-Amerikaner Scaglione hoch konzentriert. Karl Ditters von Dittersdorfs vierte Sinfonie „Die Rettung der Andromeda durch Perseus“, niveauvoll und fein dynamisch, Aaron Coplands Suite „Quiet City“, eine Hommage an das nächtliche New York, bildete im Dialog zwischen Englischhorn (Céline Moinet) und Trompete (Wolfgang Bauer) puren Hörgenuss.

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Was konnte nach Hanna-Elisabeth Müllers Auftritt noch kommen? Alles Ähnliche hätte abfallen müssen. So wählte Case Scaglione den Weg ins das ganz Andere: Mit Benjamin Brittens erster Sinfonietta, die der Engländer 1932 als 18-Jähriger schuf, bewies das Orchester noch einmal seine ganze Klasse. Das expressive Werk, das fünf miteinander verwandte Motive ineinander verwebt und Anklänge an Alban Berg weckt, bei dem Britten sich wünschte, studieren zu können, erklang wunderschön im lyrischen Miteinander der Geigen wie im faszinierend ausdrucksstarken Schlusssatz. Ach ja, „Sehnsucht“ war das Motto des Abends. Er weckte Sehnsüchte nach noch mehr Konzerten auf diesem Niveau.

Unter dem Motto „Sonnenfeuer“ ist am Mittwoch, 17. April, um 19.30 Uhr Musik von Joaquin Turina, Joaquin Rodrigo, Karl Ditters von Dittersdorf und Darius Milhaud zu hören. Solistin ist Leticia Moreno (Violine), es dirigiert Case Scaglione. Es ist das letzte Ulmer Konzert der Saison.

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