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Neu-Ulm

26.06.2017

Mal Rocker, mal Herzensbrecher

Bryan Adams in Neu-Ulm.
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Bryan Adams in Neu-Ulm.

Bryan Adams zeigt im Wiley-Sportpark, warum er in den vergangenen 40 Jahren 100 Millionen Tonträger verkauft hat. Veranstalter Carlheinz Gern plant trotz zu wenigen Besuchern bereits eine Neuauflage des Open Airs.

Die Frau am Verkaufsstand für Regenponchos gehört zu den wenigen unzufriedenen Besuchern des Bryan-Adams-Konzerts: Kein Einziger wechselte für ein Entgelt von zwei Euro den Besitzer, es blieb bis zum Schluss um 23 Uhr trocken. Ganz im Gegensatz zu etlichen Augen unter den 7000 Fans. Es ist 21.45 Uhr, als die ersten Tränen der Rührung fließen. Paare mittleren Alters halten plötzlich Händchen. Erinnerungen an den Heiratsantrag kommen hoch, als Bryan Adams „(Everything I do) I do It for You“ anstimmt. Ein Schmachfetzen der schönsten Sorte. Und Adams betört trotz seiner immerhin 57 Lenze noch immer die Frauen. Kein Wunder: Viele unter den begeisterten Zuschauern sind schließlich ähnlichen Alters. Darunter – hinter Absperrbändern des VIP-Bereichs – Brauereichefinnen, Bankvorstände und auch Oberbürgermeister.

Näher dran sind die wahren Fans, die sich teurere Karten direkt vor der Bühne geleistet haben – so wie die beiden Ulmerinnen Patricia und Mandie mit Kanada-Flaggen um die Schultern. Bryan Adams bringt sie alle zusammen: Alt und Jung, Topverdiener und Handwerker. Sein Sound ist so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner populärer Musik. Diese präsentiert Adams auch optisch meisterhaft: Eine gestochen scharfe Monitorwand füllt die komplette Rückwand der Bühne aus und lässt auch jene Besucher, die es sich mit Decken auf dem grünen Hügel im hinteren Bereich des Geländes gemütlich gemacht haben, teilhaben. Adams steht so überlebensgroß in schwarz-weißen Bildern auf der Bühne. In ihren schwarzen Jacketts und gegelten Haaren wirkten der Frontmann und seine Band wie das legendäre Rat-Pack um Frank Sinatra. Optisch aus den frühen Sechzigern, musikalisch spielt das Ganze in drei anderen Jahrzehnten – von den 80ern bis zu den Nuller-Jahren. Songs von seinem aktuellen Album „Get Up“ spielt Adams kaum. Seine Hitfülle lässt das wohl nicht zu: Im Laufe seiner Karriere produzierte der Kanadier schließlich so viele Hits, die seine Fans als Pflichtprogramm erwarten. Und er enttäuscht seine Fans nicht. In Fahrt kommt das Publikum spätestens bei „Summer of 69“. Der Song hat zwar schon mehr als 30 Jahre auf dem Buckel, doch kommt im Wiley superfrisch daher. Das Publikum singt aus vollem Hals mit. Selbst die, die den Text nicht auswendig können. Denn die berühmten Zeilen laufen im Hintergrund zum Ablesen mit: als Film mit animierten Tätowierungen auf weiblichen Gliedmaßen.

Tina Turner lässt Bryan Adams entschuldigen. Seine Duettpartnerin, mit der er 1988 den Song „It’s Only Love“ aufnahm, sei nämlich etwas verwirrt ob der Doppelstadt Ulm/Neu-Ulm, wie Adams scherzhaft bemerkte. Und weil ihr das zu kompliziert sei, sei sie lieber daheim geblieben. „It’s Only Love“ klingt aber auch ohne Tina prima.

„Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Ulm und Neu-Ulm?“, fragt Adams das Publikum und erntet Gelächter. Ein Hit jagt dann den nächsten: „Cuts like a Knife“, „Run to You“, „Please forgive me“ oder „Somebody“.

Alles sitzt so geschmeidig wie seine Gelfrisur. Mal greift Adams zur akustischen Gitarre und lässt die Herzen dahinschmelzen (stark: „Straight from the Heart“), mal gibt er den Rocker mit routinierter E-Gitarren-Unterstützung seines Sidemans Keith Scott, etwa beim Kracher „18 till I die“. Einen Song, den Adams mit einem gewissen Augenzwinkern performt, schließlich ist er fast 60. Und so entgeht dem aufmerksamen Beobachter nicht, dass neben der Ziffer 18 auf der Leinwand im Hintergrund immer wieder die 57 aufblitzt. Dass Adams, der in seiner seit fast 40 Jahren andauernden Karriere über 100 Millionen Tonträger verkauft hat, über den Tellerrand blickt, flackert auch in Neu-Ulm auf. Adams fotografiert das Publikum in Schwarz-Weiß inklusive bedrohlicher Wolken und stellt das Bild mit den Worten „Great Nite“ (Großartige Nacht) auf Instagram. Ein Foto eines Könners: Für seine Arbeiten wurde der Kanadier, der schon im Stadthaus Ulm ausstellte, mehrfach ausgezeichnet.

Als wären seine eigenen Hits nicht groß genug, covert Adams am Schluss noch Eddie Cochrans Gassenhauer „Come on Everybody“ und entlässt das verzückte Publikum in die Nacht auf einen entspannten Nachhauseweg. Denn wirkliches Gedränge gibt es – etwa im Gegensatz zu den Neu-Ulmer Tote-Hosen-Open-Airs – nicht. Weder am Bierstand noch am Ein- und Ausgang oder den 120 Dixie-Klos. Statt der vom Veranstalter erhofften 12000 Besucher strömten nur etwas mehr als die Hälfte auf ein Gelände, das bis zu 22000 Menschen fassen kann.

Konzertveranstalter Carlheinz Gern zeigt sich danach dennoch zu frieden. „Auch wenn ein bisschen wenig Leute da waren.“ Für ihn ist nach dem Konzert vor dem Konzert. Hoffnung macht Gern, dass die Chef-Tourplanerin vom Konzertguru Marek Lieberberg erstmals auf dem Gelände war und sich begeistert vom Wiley gezeigt habe. Demnächst werde sich Gern mit Neu-Ulms OB Gerold Noerenberg treffen, um über eine zweitägige Veranstaltung zu sprechen. Denn 150000 Euro Infrastrukturkosten seien für ein Konzert eigentlich Irrsinn.

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