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Prozess in Neu-Ulm

27.10.2015

Mann soll Frau misshandelt haben - oder ist eigentlich er das Opfer?

Gewalttäter oder Opfer im Rosenkrieg? Diese Frage wurde gestern am Amtsgericht Neu-Ulm geklärt.
Bild: Jan-Philipp Strobel (dpa)

Ein Mann soll eine 23-Jährige misshandelt und mit einem Messer bedroht haben – doch vor Gericht wurde aus dem angeblichen Täter immer mehr ein Opfer.

Ein Spielzeug auf dem Boden und der Mann sei ausgerastet, in einem anderen Fall waren es herumliegende Süßigkeiten, die ihn zur Bestie werden ließen: Dann soll er jedes Mal ein Messer geholt haben, um ihr damit als Bestrafung in den Unterarm zu ritzen. Die Anschuldigungen der 23-jährigen Ulmerin gegen ihren Ex-Partner wiegen schwer.

Vor dem Amtsgericht Neu-Ulm drehte sich dann aber alles um die Frage: Ist das Ganze eine üble Räuberpistole oder geht es hier tatsächlich um einen schlimmen Fall von häuslicher Gewalt? Die Anklage las sich zumindest so, bröckelte im Laufe des Verfahrens aber immer mehr.

Demnach wurde einem 24-jährigen Mann, der zum Tatzeitpunkt mit seiner Partnerin in Leibi wohnte, vorgeworfen, diese mehrmals im Frühjahr 2014 misshandelt und verletzt zu haben. Im ersten Fall soll er seine damalige Freundin während eines Streits gegen den Schrank gestoßen, im zweiten Fall bis zur Ohnmacht gewürgt und im dritten ihr ein Messer an die Kehle gehalten und gedroht haben mit den Worten „Ruf nicht um Hilfe, sonst bist du tot“.

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Mann sieht in Anschuldigen eine bittere Intrige

Der Angeklagte bestritt alle Vorwürfe vehement. „Er hat seine Frau nie geschlagen“, sagte dessen Anwalt Manfred Gnjidic gestern vor Gericht. „Das ist doch völliger Unsinn, dass er ein Messer holt, wenn eine Milchschnitte am Boden rumliegt.“ Das vermeintliche Opfer hatte genau das aber gestern noch einmal behauptet – jedoch mit einigen Ungereimtheiten. „Er hat mich gegen die Tür geschlagen. Mein Rücken ist gegen den Griff geknallt und die Tür ist eingerissen“, sagte die junge Frau und widersprach damit ihrer Aussage, die sie bereits wegen einer anderen Sache vor Gericht machte: Demnach sei sie laut ihrer eigenen Aussage in den Schrank gestoßen worden.

Ihrer Rolle als einsame, unterdrückte Hausfrau versuchte sie Nachdruck zu verleihen, indem sie immer wieder betonte, dass sie nicht einmal zum Wäsche waschen die Wohnung verlassen, oder auf den Balkon gehen durfte. Ob sie sich in all der von ihr als so grausam geschilderten Zeit irgendjemandem anvertraut hat, wollte Anwalt Gnijdic wissen. Die Angst sei zu groß gewesen, ihr Ex könnte ihr etwas antun, sagte die junge Frau, nachdem sie den Fragen des Verteidigers mehrmals ausgewichen war.

Dieser sah hinter den haltlosen Anschuldigungen eine bittere Intrige: Weil sein Schwiegervater Probleme mit seinem Geschäft hatte – viel mehr noch, mit Insolvenz und Schwarzarbeit zu kämpfen hatte und ihm das Gewerbe bereits untersagt wurde – habe dieser seinen Mandanten gezwungen, die Firma zu übernehmen. Der 24-Jährige habe sich aber geweigert, in das „kaputte“ Unternehmen einzusteigen. Für Gnijdic war die Sache klar: Sein Mandant hätte die Melkkuh sein sollen, weil er das nicht sein wollte, bekomme er nun die Rache durch falsche Anschuldigungen zu spüren.

Rechtsmedizinerin bezweifelt Vorwürfe

Im Verlauf der eineinhalbstündigen erbarmungslosen Befragung wies Verteidiger Gnijdic immer wieder auf Unstimmigkeiten in den Erzählungen des vermeintlichen Opfers hin: Beispielsweise habe die Frau nie die Polizei gerufen, oder ihren Vermieter über die kaputte Türe informiert. Auch als die 23-Jährige schilderte, wie sie gewürgt worden war und danach eine Stunde lang bewusstlos da gelegen ist, kommentierte Gnijdic mit einem Kopfschütteln.

Als dann die Rechtsmedizinerin ebenfalls sagte, dass es „fragwürdig“ sei, eine Stunde lang bewusstlos dazuliegen und dann zudem keine Einblutungen im Auge zu haben, schien die Sache für Richterin Antje Weingart klar. Wegen all der Unstimmigkeiten und Widersprüche ließ sie das Verfahren einstellen.

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