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Natur

30.03.2020

Milder Winter, schwere Folgen

Pünktlich zum Frühlingsanfang am 20. März blühten schon die Osterglocken in so manchen Gärten. Eine solche Blumenpracht ist zwar schön anzusehen, allerdings hat der milde Winter auch negative Auswirkungen auf Natur, Mensch und Tier.
Foto: Stefan Kümmritz

Auf sehr warme Wintermonate folgt frühlingshaftes Wetter. Experten erklären, warum das für einige Lebewesen ein Fluch und für andere ein Segen ist

In diesen Tagen ist alles anders. Trotz des wunderbaren Frühlingswetters kann man die Sonne draußen nicht wirklich genießen – höchstens im eigenen Garten oder bei einem kurzen Spaziergang: Schneeglöckchen und Krokusse am Wegrand, zwitschernde Vögel oder auch tränende Augen und ein Kitzeln in der Nase – Pollen-Allergiker wissen Bescheid. Man riecht, hört und sieht den Frühling schon seit mehreren Wochen, denn im Winter gab es kaum Schnee oder Kälte. Und das macht sich bemerkbar.

Ein Leser unserer Zeitung hat vor einigen Tagen ein Bild von Störchen geschickt, die bereits wieder in den hiesigen Regionen unterwegs sind. „Das ist völlig normal“, sagt Wolfgang Döring, Kreisvorsitzender des Bundes Naturschutz Neu-Ulm. „Einige Störche fliegen seit vielen Jahren schon nicht mehr nach Afrika zum Überwintern, sondern haben sich an unser Klima gewöhnt.“ Auch viele andere Vögel würden mittlerweile bei uns überwintern oder früher zurückkommen. Die Singvögel fangen teilweise schon mit ihrem Nestbau an.

Es scheint, als haben sich viele Zugvögel an das milde Klima in Europa gewöhnt. „Die Erwärmung hat aber zur Folge, dass viele Tiere oder Insekten hierher kommen, die hier aber nicht unbedingt sein sollten“, erklärt Döring. Ein Beispiel sei die Tigermücke. Vor einigen Jahren habe man nur sehr selten diese Mückenart gesichtet, mittlerweile können sogar ganze Populationen überleben.

Die Tigermücke hat es im Moment sehr leicht, sich fortzupflanzen, sagt der Kreisvorsitzende. Das sei nicht ungefährlich, denn die Tigermücke kann schlimme Krankheiten wie das Denguefieber auf Menschen übertragen. Manche Tiere, die sozusagen einwandern, würden ihre eigenen Fressfeinde mitbringen – einige tun das aber auch nicht. „Man kann nicht voraussagen, wie sich diese Lebewesen auf die Klimaerwärmung einstellen, manche passen sich an, manche nicht“, sagt Döring.

Man könne aber beobachten, wie sich Flora und Fauna verändern: „Manche Dinge betrachtet man mit Sorge, wie beispielsweise die Winterruhe, die hier kaum noch stattfindet.“ Die meisten Organismen haben eine innere Uhr, die gekoppelt ist an die äußere Wärme. Vor ein paar Tagen hat Döring einen schlafenden Igel in einem Laubhaufen entdeckt – die 17 Grad Außentemperatur haben das Tier nicht gestört. Problematisch wird es für viele Pflanzen und Lebewesen, wenn der Frost für längere Zeit plötzlich noch einmal kommt. Dann haben es beispielsweise Vögel schwer, die Nahrung aus dem Boden zu bekommen. Auch für Obstbäume könnte das schwere Folgen haben, denn deren Knospen treiben derzeit schon aus. „Die Klimaerwärmung ist eine Umstellung für alle, die an diesem Kreislauf beteiligt sind: sei es Mensch, Umwelt oder Natur“, sagt Döring. Es sei klar, dass einige in dieser Entwicklung wegfallen und sie nicht überleben können im Vergleich zu den konkurrenzfähigen Lebewesen. Doch das werde sich in den nächsten Jahren zeigen. Eine positive Sache lässt sich laut Döring in der aktuellen Situation jedoch festhalten: Auch wenn sich die Corona-Pandemie auf das menschliche Leben in gravierender Form auswirkt, bedeutet das für die Natur gerade Urlaub. „Der Mensch hat diesem Planeten am meisten geschadet. Jetzt erholt sich die Natur gerade“, sagt der Naturexperte. Weniger Müll, weniger CO2-Ausstoß, dafür mehr reine Luft und Organismen, die ihren Lebensraum wiederfinden.

Auch für die Landwirtschaft hatte der milde Winter Folgen – wenn auch keine schwerwiegenden. „Die Winterfrüchte, dazu gehören zum Beispiel Weizen oder Gerste, sehen sehr gut aus“, sagt Andreas Wöhrle, Vorsitzender des Bauernverbandes Neu-Ulm. Was man allerdings nicht abschätzen könne, sei die Überwinterung der Schädlinge. Zikaden oder Flöhe haben sich aufgrund der milden Temperatur nicht natürlich dezimiert. Das könne man aber in den Griff kriegen. Beim Anbau der Wintergerste beispielsweise haben Landwirte immer wieder Probleme mit Schädlingen, da gewisse Pflanzenschutzmittel nicht mehr erlaubt sind, sagt Wöhrle. Auf den Feldern gebe es wegen des milden Winters keine großen Probleme, außer es komme noch ein richtiger Wintereinbruch. „Im Wald allerdings gibt es schon Probleme“, sagt Wöhrle. Ein Holzschädling macht Ärger. „Wenn sich der Borkenkäfer weiterhin so explosionsartig vermehrt, dann haben wir eine Gefahr.“ Das Insekt sei vor allem für die Fichtenbestände eine große Bedrohung.

Neben den Pflanzen und Tieren spüren auch Allergiker die Folgen des milden Winters. Hasel und Erle konnte man in manchen Regionen bereits im Januar und Februar spüren. Derzeit haben die Frühblüher ihre Hochsaison. Ein Grund, warum sich der ein oder andere Allergiker derzeit auch freiwillig in Quarantäne begibt.

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