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13.01.2020

Neues Gesetz: Das sagen Händler und Kunden zur Bonpflicht

Michael Grössl vom Kopierland in Ulm frustriert die neue Kassenbonpflicht. Im Copyshop hat er deshalb eine Kiste aufgestellt, in die Kunden ihre Belege schmeißen können. Den Inhalt schickt Grössl dann zur Entsorgung ans Finanzamt.
Bild: Alexander Kaya

Plus Seit Januar sind Händler verpflichtet, jedem Kunden einen Beleg auszudrucken. Viele Betroffene in der Region schütteln über die neue Vorschrift den Kopf, manche machen ihrem Ärger Luft. Sogar das Finanzamt ist unzufrieden.

Im „Kopierland“ in Ulm ist seit ein paar Tagen Ungewöhnliches zu sehen: „Bonpflicht!“, steht auf einer schuhkartongroßen Kiste geschrieben. So nennt der Volksmund ein neues Gesetz, das seit 1. Januar in ganz Deutschland gilt. Es verpflichtet Händler, die eine elektronische Kasse verwenden, sämtlichen Kunden einen Bon auszudrucken – für jeden noch so kleinen Betrag. So soll künftig gegen Steuerbetrug vorgegangen werden. Selbst für die Breze, für die Kugel Eis oder für das Bonbon am Kiosk gibt es künftig also stets einen Kassenzettel. Mitnehmen muss die Belege niemand, Verbraucher dürfen sie einfach liegen lassen. Viele Menschen in der Region schütteln über die neue Vorschrift den Kopf – sogar Mitarbeiter des Finanzamts, die eigentlich von der Regelung profitieren sollten, sind unzufrieden. Manch genervter Händler greift zu unkonventionellen Protestmaßnahmen.

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So auch Michael Grössl vom „Kopierland“, der die Idee zu besagter Bonpflicht-Kiste hatte. Das neue Prozedere hält er für „idiotisch“. Um seinem Frust Luft zu machen, hat er den Karton im Geschäft aufgestellt. „Wenn Sie den Beleg nicht möchten, bitte hier rein werfen. Wir leiten das zur Entsorgung an das Finanzamt weiter“, heißt es auf der Pappschachtel weiter. Sie ist randvoll mit weißen Zetteln aus der elektrischen Registrierkasse. Die meisten Kunden im Copyshop wollen den Bon nicht, berichtet Grössl: „Wir haben hier teils 20-Cent-Beträge für Schwarz-Weiß-Kopien. Selbst dafür müssen wir jetzt einen Bon ausdrucken.“

Die meisten werfen den Zettel sofort weg

Mindestens zwei Drittel seiner Kunden würden den Kassenzettel auch bei größeren Beträgen in den Mülleimer werfen – oder eben in die Box, die sich rasant füllt. „Seit der Bonpflicht brauche ich etwa drei Mal so viele Kassenrollen wie bisher“, sagt Grössl. Eine koste drei bis vier Euro. „Aber mir geht es gar nicht um den finanziellen Aspekt – das Ganze ist einfach eine reine Papierverschwendung.“ Auch Marc Ender, Betreiber des Cafés Naschkatze in Neu-Ulm ist mit dem Gesetz unzufrieden: „Ich halte das aus wirtschaftlicher und ökologischer Sicht für Quatsch.“ Höchstens ein Prozent seiner Kunden nehme den Zettel tatsächlich mit, schätzt er: „Die restlichen wandern in den Müll, das ist doch völlig absurd und unnötig.“

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Entsorgt gehören die Kassenzettel laut Umweltbundesamt übrigens im Restmüll. Denn die Belege werden meist auf sogenanntem Thermopapier gedruckt. Gesetzlich vorgeschrieben ist das zwar nicht – die Übermittlung geht auch elektronisch, zum Beispiel per Mail oder App. Auf diese Art der technischen Übermittlung setzt bislang aber kaum ein Händler. Auch recycelbare Papier-Alternativen gibt es – aber die ökologischen Varianten der Kassenrollen haben ihren Preis. Die meisten der gängigen elektronischen Registrierkassen hierzulande arbeiten deshalb nun einmal mit dem umstrittenen Thermopapier.

Das weiß auch Evelyn aus Pfuhl, die auf dem Neu-Ulmer Wochenmarkt unterwegs ist und Käse gekauft hat. Den Beleg hat sie liegen gelassen: „Ich will die Kassenbons nicht haben, ich möchte sie nicht einmal anfassen – die sind nämlich krebserregend.“ Von der Bonpflicht halte sie nichts: „Sinn machen die Zettel doch nur für Leute, die sie zum Nachrechnen aufheben. Ansonsten ist das unnötiger Müll.“

Auch die Händler werfen die Bons meist weg

So sieht das auch Verkäuferin Manuela Bislj, die auf dem Wochenmarkt am Stand der Landkäserei Herzog aus dem Roggenburger Ortsteil Schießen hinter der Kasse steht. „Für uns ändert sich mit dem neuen Gesetz zwar nichts, aber ich bin trotzdem gegen die Bonpflicht“, sagt sie.

Die Belege würde ihre Kasse ohnehin automatisch ausdrucken, das sei schon immer so gewesen. „Aber unsere Kunden wollen die Bons nicht, die Zettel schmeiße ich alle in den Müll“, berichtet Bislj. „Wir schauen alle auf die Umwelt und alles muss bio sein – und dann so ein neues Gesetz. Das passt doch absolut nicht zusammen.“

Den Sinn der neuen Vorschrift zweifelt auch Uwe an. Er hat eben Brot auf dem Wochenmarkt besorgt und schüttelt über das neue Gesetz nur den Kopf: „Bei Lebensmitteln ist ein Beleg doch völlig überflüssig.“ Sinnvoll sei ein Bon nur bei größeren Investitionen als Kaufnachweis, sagt der Neu-Ulmer: „Etwa beim Fernseher oder der Bohrmaschine. Aber eine Verpflichtung für Kassenzettel beim Bäcker? Kein Kommentar.“

Das Finanzamt kann den Frust der Händler nachvollziehen

Es gibt allerdings auch Ausnahmen von der Bonpflicht. Etwa bei einer offenen Ladenkasse, die von der neuen Regelung nicht betroffen ist. Mit solch einer arbeitet beispielsweise die Familie Glöckler aus Burlafingen. Die Landwirte verkaufen an ihrem Stand am Wochenmarkt Kartoffeln und Saisonobst. „Auf Anfrage schreiben wir handschriftlich eine Rechnung – aber das wollen unsere Kunden überhaupt nicht“, sagt Daniela Glöckler.

Auch Händler, die eine elektronische Kasse benutzen, haben theoretisch die Möglichkeit, einen Antrag auf Befreiung von der Pflicht beim Finanzamt einzureichen, erklärt Monika Kaiser, Sachgebietsleiterin der Betriebsprüfung am Finanzamt Neu-Ulm. Allerdings sei ihr kein Fall bekannt, in dem einem solchen Antrag zugestimmt wurde: „Die meisten Anträge verweisen auf Bedenken wegen der Umweltbelastung – aber dieser Grund allein reicht nicht aus.“

Den Frust der Menschen über das neue Gesetz kann Kaiser nachvollziehen: „Das ist eine halbherzige Lösung.“ Mit der ist auch sie nicht zufrieden und wünscht sich eine bessere Möglichkeit der Kontrolle. .

Bis jetzt wurden noch keine Bons im Briefkasten des Finanzamts eingeworfen, sagt Kaiser. Sollten künftig tatsächlich diese kleinen weißen Zettelchen in dem Briefkasten des Finanzamts landen, könnten diese, so Kaiser, durchaus als Kontrollmaterial verwendet werden.

Einen Kommentar zum Thema lesen Sie hier: Die Bonpflicht ist reiner Zettel-Irrsinn

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