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Ulm

01.01.2019

Prozess um Blutrache: Wenn der „Don“ über Tod und Leben bestimmt

Ein Polizeitaucher am Rösslesee in Erbach: Durch ein Eichenblatt, das sich innerhalb der Leichenumhüllung befunden hatte, ermittelte die Polizei den genauen Tatort.
Bild: Polizei

Plus Blutrache-Mord im Milieu verfeindeter albanischer Familien lässt die Richter auch im neuen Jahr erschaudern.

Die albanische Blutrache kennt keine Grenzen und wird grausam und unerbittlich vollzogen. Dass es diese Jahrtausend alte Stammestradition in Europa auch heute noch gibt, bestätigt der seit April 2018 laufende Mordprozess vor dem Ulmer Schwurgericht, der auch in diesem Jahr seine Fortsetzung findet, weil noch wichtige Zeugen zur Aufklärung eines besonders tragischen Falles eiskalter Hinrichtung beitragen sollen. Tief tauchen die Richter in der Beweisaufnahme in ein archaisches Familiendrama ein, das sich noch fortsetzen könnte.

Auf der Anklagebank sitzt ein 46-jähriger Deutscher mit albanischen Wurzeln, der keine Aussagen vor Gericht macht. Er hatte sich mit seiner Familie in Göppingen mit einem eigenen Betrieb eine Existenz aufgebaut, bis laut Ermittlungen der Polizei ein Anruf alles zerstörte. Der Grund: Er sei dazu auserkoren worden, eine Blutrache zu vollziehen. Falls er sich weigerte, der Aufforderung aus seinem alten Heimatland zu gehorchen, hätte es Folgen für die ganze Familie gehabt. Es wurde ihm gedroht, erfuhr man am Rande des Prozesses. Ein sogenannter „Don“, nach dem noch immer gesucht wird, habe dem bisher unbescholtenen Mann bei der professionellen Tatbegehung Hilfe in der Vorbereitung und Ausführung der Tat geleistet. Laut Anklageschrift sei das Opfer, ein 19-jähriger Albaner, der mit seiner Mutter und seinem Bruder in Westfalen nach einer verzweifelten Flucht vor der Blutrache Unterschlupf fand, nachdem der Vater schon zuvor in Albanien im Zeichen dieser blutigen Tradition eines unerbittlichen Familienkriegs aufgespürt und getötet worden war.

Mit einem Hammer erschlagen

Da der junge Albaner sein Überleben in Deutschland mit Drogengeschäften sicherte, wurde er im April 2017 von „Don“ telefonisch in den Raum Ulm gelockt, um gute Rauschgiftdeals zu machen, ermittelte die Polizei. Das arglose Opfer wurde laut Anklageschrift im April 2017 zu einem Treffen an den Erbacher Rösslesee gelockt und mit einem Hammer erschlagen.

Die Leiche wurde dann folienverpackt und mit einem 18-Kilo- Betonstein im trüben Anglersee versenkt. Für immer, dachten die Täter. Aber nach einem Monat tauchten die sterblichen Reste des jungen Mannes auf und wurden von einem Angler entdeckt. Die Hintergründe waren schnell ermittelt: Im Jahr 2000 wurde in der nordalbanischen Stadt Korca ein Onkel des Angeklagten auf offener Straße von einem Mann erschossen, der wiederum mit der Familie des jetzigen Opfers verwandt ist. Die Gesetze des uralten Kanun (siehe Kasten) traten somit in Kraft. Es gab mehrere Tote bei der nachfolgenden Familienfehde wie den Vater des am Erbacher See ermordeten 19-Jährigen, der laut Kanun-Gesetz bis zum 18. Lebensjahr als Jugendlicher unter Schutz stand. Kaum war er 18, wurde er zum Freiwild der Blutrachevollstrecker und wurde europaweit gesucht und schließlich entdeckt.

Das Opfer hatte ihnen die Suche leicht gemacht, da es in Deutschland nicht auf die 48-jährige Mutter hörte und mit Rauschgift handelte. Wie sie im Zeugenstand des Schwurgerichts unter Tränen erzählte, war sie aus Furcht vor den geplanten Morden an ihren Kindern mit ihren beiden Söhnen zunächst nach Griechenland geflohen, lebte dort zehn Jahre. Aus wirtschaftlicher Not wechselte sie mit ihren heranwachsenden Kindern nach Deutschland, wo sie einen Asylantrag stellte. Als ihr Ältester mit 18 nun an der Reihe war, getötet zu werden, klärte die Mutter ihn über die Bedrohung aus Albanien auf. Deswegen nannte er laut einer Mitarbeiterin des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge als Asylbegründung die Angst vor der Blutrache, ohne das mit der Mutter abgesprochen zu haben. Der Asylantrag wurde, so die Zeugin, zunächst rechtmäßig abgelehnt, weil es sich bei der Blutrache nicht um eine politische Verfolgung durch den Staat handle. „Details zur Familientragik hat er aber bei der Anhörung nicht genannt“ sagte die Frau.

Wie die Mutter des getöteten Sohnes im Zeugenstand aussagte, sei er ihr im Lauf der Zeit in Deutschland entglitten, nachdem er in die Drogenszene geraten ist, Die Polizei wurde auf ihn aufmerksam und begann, ihn mobiltelefonisch zu überwachen. Schließlich landete er ihm Gefängnis. Durch seine Rauschgiftaktivitäten war der junge Albaner laut Oberstaatsanwalt ins Visier des „Gegenclans“ seiner Familie geraten, der ihn fieberhaft suchte, um ihn im Sinne des Kanun „auszulöschen“. Möglicherweise hatten auch seine eifrigen Facebook-Aktivitäten die Blutrache-Häscher auf die Spur gebracht. Zu den wichtigsten Zeugen der letzten Verhandlungstage des Jahres gehörte auch der ein Jahr jüngere Bruder des Getöteten. Der jetzt 18-Jährige lebt jetzt genauso wie seine Mutter beschützt im Zeugenschutzprogramm an einem unbekannten Ort und ist erheblich gefährdet, weil die albanische Blutrache nur an Männern ab 18 Jahren vollzogen wird. Der jetzt bedrohte Bruder des Toten erzählte im Zeugenstand, dass sich sein Bruder mit dem späteren Haupttäter des Blutrachevollzugs namens „Don“ wenige Tage vor seinem Tod traf. „Gemeinsam wollten sie mit Drogen Geschäfts machen“. Den Angeklagten kenne er nicht, antwortete er auf Fragen des Gerichtsvorsitzenden. Er wisse nur, dass es ein Freund des Onkels sei. Von dem mysteriösen „Don“ fehlt noch jede Spur. Angeblich soll er sich in den albanischen Bergen versteckt halten. Auf die Behörden in diesem Land ist das Schwurgericht zur Aufklärung des Falles angewiesen. Wenn auch die Fahndung nach dem angeblichen Haupttäter im Fall der Erbacher Blutrache bisher vergeblich war, so hatten die hartnäckigen Bemühungen des Schwurgerichts bei den albanischen Behörden in einem Fall doch noch Erfolg. Am 16. Januar 2019 wird ein Videoverhör mit dem wegen Mordes im Gefängnis einsitzenden Onkel doch zustande gekommen, nachdem dieser zugestimmt hat. Der Indizienprozess wird am 7. Januar fortgesetzt.


Exkurs: Kanun - Das Gewohnheitsrecht

Ursprünge Geschehen Morde unter Albanern, berufen sich die Täter oft auf den Kanun. Das albanische Gewohnheitsrecht verpflichtet Familien zur Blutrache. Die Ursprünge dieses Rechts gehen bis in die Bronzezeit zurück. In den von der Umwelt jahrhundertelang abgeschnittenen Bergen Nordalbaniens regelte der Kanun alle Aspekte des Zusammenlebens in der Gemeinschaft. In Zeiten der Jahrhunderte langen osmanischen Fremdherrschaft wirkte das ungeschriebene Gesetz identitätsstiftend. Keiner Macht gelang es, im gebirgigen Hochland sein Rechtssystem durchzusetzen.

Teufelskreis Tötet laut Kanun ein Mann ein Mitglied einer anderen Familie, so fällt er laut Kanun „in das Blut des Opfers“. Er verliert seine körperliche Integrität und läuft Gefahr, selbst getötet zu werden. Der Teufelskreis der Blutrache beginnt. Ursprünglich galt die Blutrache nur für den Täter, später wurde sie auf alle männlichen Angehörigen der Familie ausgedehnt, Kinder und Frauen sind in der Regel ausgenommen.

Neuzeit Der Kanun umfasst alle Belange wie Grundstückskonflikte, Ehrverletzungen oder Eifersucht. Was den Osmanen über Jahrhunderte nicht gelang, schaffte die Diktatur von Enver Hoxha innerhalb weniger Jahre. Durch brutale Unterdrückung zwang er seinen Untertanen seine Gesetze auf. Unter seinem Regime gab es kaum Fälle der Blutrache. Doch nach dem Ende der Diktatur erlebte der Kanun eine Auferstehung. Gleichzeitig mit einem dramatischen Anstieg der Kriminalität begannen die Menschen – auch im kriegsversehrten Kosovo – sich wieder an dem alten Gewohnheitsrecht zu orientieren. Die Blutrache nahm in Albanien zu. Der schwache und korrupte Staat fand keine Möglichkeit, diese Form von Selbstjustiz zu unterbinden. Die Uno schätzt, dass seit 1990 bis heute etwa 10 000 Menschen der Blutrache zum Opfer fielen. So wurden ganze Familien über Generationen hinweg zerstört. Mittlerweile sieht jedoch eine Mehrheit von Albanern den Kanun als Hindernis für einen Beitritt Albaniens zur EU. Für den österreichischen Experten Martin Prochazka von der Uni Graz ist der Kanun heutzutage nur ein Randphänomen. Von drei Millionen Einwohnern praktizierten wenige 1000 aus den Bergdörfern dieses alte Gewohnheitsrecht. Allerdings verbreitete sich der Kanun durch die Landflucht in den Städten. In den vibrierenden albanischen Metropolen wie Tirana und Pristina kennen die Einwohner die Blutrache nur aus dem Fernsehen und finden, so der häufige Albanienbesucher Prochazka, das Gewohnheitsrecht absurd. Und die Theologin Hildegard Sühling, die jahrelang bei einer Organisation im Kosovo und in Albanien gearbeitet hat, schreibt in einem Aufsatz, diese alte Ordnung des Kanun passe nicht mehr zu der albanischen Gesellschaft, die einen neuen Wertediskurs bereits begonnen habe und sich nach Europa hin orientiere. (bh)


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