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Ulm

26.01.2020

So kommen die Schlafkapseln bei Obdachlosen und Anwohnern an

Am Alten Friedhof steht eins der beiden "Ulmer Nester".
Bild: Alexander Kaya

Plus Eine Soziologin begleitet den Test der Schlafkapseln für Obdachlose wissenschaftlich. Erste Erkenntnisse hat die Stadt Ulm schon umgesetzt.

Die Schlafkapseln für Obdachlose kommen an: Nach Erkenntnissen der Stadt Ulm ist in nahezu jeder Nacht mindestens eins der beiden "Ulmer Nester", die Menschen in sehr kalten Nächten vor dem Erfrieren schützen sollen, belegt. Und die Wohnungslosen sind sehr zufrieden mit dem Angebot. In der Woche von Dreikönig bis Sonntag, 12. Januar, war die Soziologin Lisa Dürr im Auftrag der Stadt Ulm und der Uni Kassel unterwegs, um unter anderem Gespräche mit den Obdachlosen zu führen. Ab Sonntag, 26. Januar, ist sie für eine zweite Feldforschungsphase in der Stadt, wird ihre Arbeit fortsetzen und die Wochenenden stärker in den Blick nehmen.

"Die Leute waren höchst begeistert, haben sich sicher gefühlt und waren mit dem Schutz vor Nässe und Kälte zufrieden", berichtet Dürr aus den Gesprächen mit den Übernachtungsgästen in den Schlafkapseln. Gerade am Karlsplatz sei sie häufig mit den Obdachlosen ins Gespräch gekommen. Das "Ulmer Nest" am Alten Friedhof, sei oft schon so früh am morgen wieder leer gewesen, dass sie dort niemanden mehr angetroffen habe. Dürr besuchte auch Obdachlose an anderen Orten in der Stadt und sprach mit ihnen über den Erfrierungsschutz, der seit Ende Dezember getestet wird.

Sie habe den Menschen Ängste nehmen können, erzählt sie: Manche hätten sich davor gefürchtet, dass ihre Schlafplätze öffentlich bekannt werden und dass sie selbst dadurch Opfer von Angriffen werden können. Doch die "Ulmer Nester" seien stabil und feuerfest. Geöffnet werden können sie nur von innen oder durch Befugte, etwa von der Aufsuchenden Arbeit der Caritas Ulm-Alb-Donau. Ein Mann, sagt Dürr, habe sich zunächst nicht getraut, die Schlafkapsel zu verschließen – aus Angst, nicht mehr herauszukommen. Nach einer Nacht und einem Test der beiden Notausgänge sei er beruhigt gewesen. "Es gab keine Sorge, die wir nicht aus dem Weg räumen konnten", fasst Dürr zusammen.

"Ulmer Nest": Die Stadt Ulm testet Schlafkapseln für Obdachlose

Was die Soziologin am meisten überraschte, war die Reaktion der Anwohner am Karlsplatz. Die nämlich zeigten sich regelrecht begeistert. "Eine Frau hat gesagt, sie sei stolz, dass ihre Stadt dieses Thema ins öffentliche Licht rückt", nennt Dürr ein Beispiel. Manche Anwohner hätten Hilfe angeboten, würden den Obdachlosen morgens beispielsweise Tee bringen.

Das "Ulmer Nest" ist ein Notfall-Erfrierungsschutz für Obdachlose, es bietet einen Rückzugsort für kalte Nächte. Entwickler Falko Pross erklärt, wie die Schlafkapsel funktioniert und welche Idee dahinter steckt.

Holger Hördt aus der städtischen Abteilung Soziales hat ähnliche Erfahrungen gemacht. "Die Hunde-Spaziergänger haben ein Auge darauf. Sie unterhalten sich mit uns und mit denen, die dort übernachten", erzählt er. Aus den Rückmeldungen der Obdachlosen haben die Stadt und das Entwickler-Team vom Wilhelmsbüro bisher vor allem technische Anpassungen umgesetzt. Eine der Änderungen: Zunächst ließen sich die Schlafkapseln nur öffnen, wenn die vorhergesagte Temperatur für die Nacht unter null Grad lag. Doch das System war für die Obdachlosen nicht nachvollziehbar: "Die haben ja keine Temperaturuhr dabei", sagt Hördt. Deshalb sind Übernachtungen jetzt in jeder Nacht möglich – und die "Ulmer Nester" lassen sich immer ab 18 Uhr öffnen. Zuvor war das am Karlsplatz entsprechend der Programmierung ab 22 Uhr zugänglich, das am Alten Friedhof ab 20 Uhr.

Nun will Soziologin Lisa Dürr beobachten, wie die Morgen am Wochenende ablaufen. Unter der Woche beenden die Sozialarbeiter der Caritas die Übernachtung, führen ein Gespräch und leiten gegebenenfalls weitere Schritte ein. Doch die Frauen und Männer des Wohlfahrtsverbands sind am Wochenende nicht im Dienst. An zwei Sonntagen und einem Samstag will Dürr nun ins Auge fassen, was nach den Nächten an den Nestern geschieht.

Durch die wissenschaftliche Begleitung will die Stadt Ulm unter anderem herausfinden, wer die Schlafkapseln nutzt. Sind es Menschen, die die Übernachtungsheime nicht nutzen wollen? Menschen, die dort Hausverbot haben? Oder Menschen, die der Stadt noch überhaupt nicht bekannt sind? Bis März, wenn der Winter endet, sollen die "Ulmer Nester" aufgebaut bleiben. Sobald die wissenschaftliche Auswertung abgeschlossen ist und vorliegt, entscheidet die Stadt, ob sie das Angebot in den kommenden Jahren aufrecht erhalten will. Der Versuch kostet insgesamt rund 35.000 Euro – inklusive der Forschung.

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26.01.2020

Die Dinger haben allen möglichen Elektronik- Schnickschnak um die Benutzer zu gängeln, wann sie in die Schlafkiste rein dürfen und ihre Aktivität zu überwachen. Aber für eine Heizung war kein Geld übrig. Es ist menschenverachtend, wenn Obdachlose wie Versuchstiere gehalten werden. Oder soll das die Antwort auf die Wohnungsnot sein? In Asien geht man nicht so verklemmt mit diesem Thema um.

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