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Nersingen/Ulm

01.02.2018

Telefunken-Schätze landen im Müll

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Als Mitglieder des Freundeskreises am Dienstag die Exponate in Straß sortieren und reinigen wollten, machten sie eine erschreckende Entdeckung: Die Telefunken-Schätze wurden in Müllcontainer geworfen.
Bild: Gottfried Bergmann

Exponate in Straß wurden unwiederbringlich zerstört. Mitglieder des Freundeskreises des Museums sind fassungslos. Die Firma Hensoldt betont jedoch: Ein Teil wurde aufgehoben.

Fritz Arends’ Stimme ist belegt. „Es ist nichts mehr zu retten“, sagt er. Bei den Worten kommen ihm fast die Tränen. Nach Nersingen ausgelagerte Exponate der AEG-Telefunken-Sammlung – einem einst firmeneigenen Museum, um das sich Arends und Detlev Gröbe 18 Jahre lang gekümmert hatten – sind unwiederbringlich zerstört, berichtet der Vöhringer. Als Arends, Gröbe und Gottlieb Bergmann – alle drei Mitglieder des Freundeskreises AEG-Telefunken-Museum – am Dienstag nach Nersingen kamen, wo im November 2016 Exponate des Museums auf Veranlassung von Airbus Defence and Space in einer Halle am Rand der ehemaligen Muna eingelagert worden waren, machten sie eine erschreckende Entdeckung: Eigentlich hatten die drei Männer sortieren und reinigen wollen. Doch Funk- und Radartechnik war von einer Verschrottungsfirma aus der Josef Klein gehörenden Halle und aus einem Containergebäude geholt und in mehrere Abrollcontainer geworfen worden.

Exponate lagen auf der Straße, berichtet Arends. Aber auch diese Teile seien nicht zu retten gewesen. „Die Verschrottungsfirma lässt einen da nicht ‘ran“, sagt er. „Das war furchtbar für uns.“ Unter den jetzt verschrotteten Exponaten seien Teile gewesen, die einmalig waren. In Nersingen lagerten beispielsweise Teile des abgebrochenen Senders Wertachtal, aus dem unter anderem ein Endstufen-Variometer und ein Schaltknoten aus Antennenmatrix aufbewahrt worden war. „So etwas gibt es überhaupt nicht mehr, weil die Ära der Großsender vorbei ist. So geht die Firma mit unwiederbringlichen Exponaten um.“ Die Zerstörung sei „völlig unsinnig“, zumal für Dezember Gespräche zwischen der Firma Hensoldt und dem aus dem Freundeskreis entstehenden Förderverein AEG-Telefunken-Museum angekündigt gewesen seien. „Alles klang positiv“, sagt Arends. Eine Lagermöglichkeit in Ulm stand in Aussicht.

Die Sammlung Radar&Funk des einstigen AEG-Telefunken-Werkes war im November 2016 durch das Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart als bewegliches Kulturgut unter Denkmalschutz gestellt worden. Der Freundeskreis AEG-Telefunken ist überzeugt, dass der Denkmalschutz auch die kurz vorher nach Nersingen gebrachten und jetzt zerstörten Teile umfasste. Um diesen Schutz sicherzustellen, hatte Arends im Dezember 2017 eine Liste der in Nersingen befindlichen Exponate an Sabine Kühne von der Unteren Ulmer Denkmalbehörde geschickt. „Wir gehen nach wie vor davon aus, dass sich der Denkmalschutz auch auf die Teile erstreckt, die nach Nersingen gebracht wurden.“ Über die Gründe der Verbringung nach Nersingen hatte es unterschiedliche Aussagen gegeben.

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Während in Nersingen unter Verweis auf Richard Gebler, den ehemaligen Leiter der Standortdienste von Airbus Defence and Space, über die geplante Gestaltung eines Muna-Bunker-Museums gesprochen worden war, teilte ein Vertreter der Firma Hensoldt – dem Rechtsnachfolger von Airbus Defence and Space und damit Eigentümer der Exponate – im Frühjahr 2017 in einem unserer Zeitung vorliegenden Schreiben an den Freundeskreis mit: Es sei nicht zutreffend, dass „mit den Exponaten als Pfand mit noch nicht bewilligten Bundesmitteln ein eigenes Museum in dem ehemaligen Bunkergelände gebaut wird“.

Hensoldt-Pressesprecher Lothar Belz erklärte die Geschehnisse am Dienstag so: Josef Klein habe die Halle an der Muna wieder für sich nutzen wollen. Daraufhin habe Hensoldt zwei Mitarbeiter und einen Sachverständigen geschickt, um Kulturgut von Wertlosem zu trennen. „Das Kulturgut ist zurückgeführt worden in die Räume von Hensoldt“, erklärt Belz. Die anderen Gegenstände seien entsorgt worden. Die Stadt Ulm war gestern nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Stadtrat Hans-Walter Roth, der für den Erhalt der Sammlung und ihre komplette Rückführung nach Ulm gekämpft hatte, ist empört über die Verschrottung. Ulrich Seemüller vom Arbeitskreis Technikgeschichte äußerte sich ebenfalls fassungslos: „Ich bin entsetzt über die Unverfrorenheit und Kaltschnäuzigkeit, mit der hier Technikgeschichte absichtsvoll und zielgerichtet zerstört wurde.“ Der Allgemeinheit sei dadurch Schaden zugefügt worden.

Auch Fritz Arends klagt: „Was haben wir uns dafür abgequält, die Sachen ausstellungsfähig zu machen. Aber mit uns, mit der alten Museums-Crew, sprechen die nicht.“

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